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Thalidomid: Neue Erklärung zur Teratogenität

Freitag, 12. März 2010

Tokio – Japanische Forscher haben eine neue Erklärung für die Teratogenität des Contergan®-Wirkstoffs Thalidomid gefunden. In einem Tierexperiment in Science (2010; 327: 1345-1350) konnten sie die Fehlbildungen durch Injektion einer zweiten Substanz verhindern.
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Fast vier Jahrzehnte nach dem Contergan-Skandal ist das Interesse der Medizin am Wirkstoff Thalidomid wieder gestiegen. In den Entwicklungsländern wird es erfolgreich zur Behandlung der Lepra eingesetzt. Von dort gibt es auch immer wieder Berichte über Fehlbildungen bei Kindern, deren Mütter während der Therapie keine sichere Kontrazeption betrieben hatten.

Solche Fälle sind aus den Industrieländern nicht bekannt, in denen Thalidomid (oder in Deutschland sein Derivat Lenalidomid) nur unter klaren Auflagen verordnet werden darf. Eingesetzt wird es im Rahmen einer Kombinationstherapie des multiplen Myeloms. Da diese Erkrankung bevorzugt im höheren Alter auftritt, ist die Gefahr einer versehentlichen Einnahme während der Schwangerschaft gering.

Die Entwicklung neuer nicht-teratogener Thalidomid-Varianten ist bisher daran gescheitert, dass der Pathomechanismus nicht bekannt ist. Mehr als 2.000 wissenschaftliche Studien sollen sich um Aufklärung bemüht haben. Herausgekommen ist ein gutes Dutzend mehr oder weniger plausibler Theorien.

Zuletzt hatte die Gruppe um Neil Vargesson von der Universität Aberdeen aufgrund experimenteller Studien vermutet, dass primär eine Störung in der Angiogenese vorliegt (PNAS 2009; 106: 8573-8578). Die Experimente der Gruppe um Hiroshi Handa vom Tokyo Institute of Technology weisen jetzt wieder in eine ganz andere Richtung.

Die japanischen Forscher fanden heraus, dass Thalidomid in den Zellen an das Protein Cereblon bindet, dessen Funktion wenig bekannt ist. Es wird sowohl in der Embryonalphase als auch bei ausgewachsenen Tieren gebildet.

Die Blockade von Cereblon löste beim Zebrabärbling in den Flossen ähnliche Fehlbildungen an den Extremitäten aus, wie sie von den etwa 8 bis 10.000 Contergan-Geschädigten bekannt sind. Gentechnisch veränderte Fische mit einer Cereblon-Version, die Thalidomid nicht bindet, entwickeln keine Fehlbildungen. Auch die Injektion der veränderten Form konnte die Teratogenität abschwächen.

Die neue Studie widerlegt nicht unbedingt die Hypothese von Vargesson. Und da Cereblon im Organismus weit verbreitet ist und nicht nur in der vulnerablen Phase der Embryonalentwicklung gebildet wird, kann es die Teratogenität nur teilweise erklären. Denkbar ist, dass Cereblon in irgendeiner Weise in die Angiogenese eingreift, was Gegenstand weiterer Studien sein dürfte. © rme/aerzteblatt.de

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