Berlin – Vor einer entscheidenden Sitzung von EU-Abgeordneten zur Lebensmittelkennzeichnung hat sich die Industrie noch einmal energisch gegen Angaben in Ampelfarben ausgesprochen. Die Ampelkennzeichnung, bei der hohe Anteile etwa an Salz, Zucker oder Fett mit rot markiert sind, bevormunde den Verbraucher, sagten Vertreter der Initiative „Ausgezeichnet informiert“ am Dienstag in Berlin.
Zudem glaubten viele Verbraucher fälschlicherweise, dass sie rot gekennzeichnete Produkte ganz meiden sollten. Zu der Initiative haben sich große Hersteller wie Kraft, Nestlé, Unilever, Mars und Coca-Cola sowie die Handelsgruppe Metro zusammengeschlossen.
Die großen Hersteller kennzeichnen ihre Produkte seit vier Jahren freiwillig mit dem sogenannten GDA-Nährwertkompass, der anhand einer Portionsgröße (eine Scheibe Käse etwa) zeigt, wie viele Kalorien, Salz, Zucker und Fett ein Produkt enthält, und wie viel Prozent diese Kalorien und Nährstoffe am Tagesbedarf einer erwachsenen Frau ausmachen. 60 Prozent aller verpackten Lebensmittel in Europa tragen nach ihren Angaben bereits diese Kennzeichnung.
Die Initiative stellte eine aktuelle Umfrage vor, wonach 74 Prozent der Verbraucher auf verpackten Lebensmitteln Kalorien- und Nährwertangaben in Bezug auf die Portion wünschen. 54 Prozent von ihnen würde demnach allein eine Portionsangabe reichen, 20 Prozent wollten zusätzlich die Nährwerte eines Lebensmittels in Bezug auf 100 Gramm oder Milliliter wissen.
Kritik gibt es vor allem an den Portionsangaben, die bislang jeder Hersteller selbst festlegt. Diesen Punkt habe sich die Industrie „zur Aufgabe gemacht“, erklärte die Initiative. Die Portionsgröße müsse aber „praktisch, lebensnah und alltagstauglich“ in allen Ländern der EU sein, sagten Vertreter. Denkbar sei etwa eine „Referenzmenge“ wie ein Glas, ein Löffel, eine Tasse.
Nach der Ampel-Kennzeichnung wurde in der Umfrage der Initiative „Ausgezeichnet Informiert“ nicht gefragt. Diese fordern neben Verbraucherschützern auch die Krankenkassen in Deutschland und Kinderärzte in Europa. Sie argumentieren, im Kampf gegen Übergewicht benötigten vor allem Familien aus sozial schwachen Schichten eine leichtverständliche, farblich untermalte Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz.
Eine am Montag veröffentlichte Umfrage der AOK ergab, dass mehr als 90 Prozent der Eltern sich die Ampelkennzeichnung auf Getränken wünschen, weil damit der Zuckergehalt auf einen Blick zu erkennen sei. Der Umfrage zufolge schätzte nur ein Viertel der Eltern den Zuckergehalt von Getränken richtig ein.
Die AOK rief die Abgeordneten des EU-Parlamentsausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit auf, die Ampelkennzeichnung zuzulassen. Der Ausschuss stimmt am Dienstag über die geplante EU-weite Regelung für die Kennzeichnung von Lebensmitteln ab.
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