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Rösler legt Eckpunkte für Reform des Arzneimittelmarktes vor

Freitag, 26. März 2010

Berlin – Mit Zwangsrabatten, einem Preisstopp und verpflichtenden Preisverhandlungen will die schwarz-gelbe Koalition die wachsenden Arzneimittelkosten in den Griff bekommen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) legte am Freitag gemeinsam mit Fachpolitikern der Koalitionsfraktionen Eckpunkte für einen Gesetzentwurf vor.

Union und FDP versprechen sich dadurch jährliche Einsparungen in Milliardenhöhe. Die Krankenkassen lobten die Pläne als „gutes Paket”.

Im Gegenzug sollen bestehende Instrumente der Arzneimittelregulierung „auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden“, heißt es in den Eckpunkten. Unter anderem werden die Bonus-Malus-Regelung und das Zweitmeinungsverfahren genannt. „Auch die Wirtschaftlichkeitsprüfung* steht auf dem Prüfstand“, erklärte Staatssekretär Stefan Kapferer auf Nachfrage. 

Bislang darf die Industrie die Preise für neue, innovative Medikamente willkürlich selbst festlegen – die Krankenkassen müssen zahlen. Die Pharmafirmen können dem Eckpunktepapier zufolge zwar weiterhin ihre innovativen Arzneien im ersten Jahr der Markteinführung zum geforderten Preis vermarkten.

Die Hersteller werden jedoch verpflichtet, zur Markteinführung ein Dossier zu Kosten und Nutzen des Präparates vorzulegen. Dieses Dossier, das anschließend vom gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) der Kassen, Ärzte und Krankenhäuser bewertet wird, ist dann auch Grundlage für Preisverhandlungen mit den Kassen. Die Pharmafirmen sollen per Gesetz zu solchen Verhandlungen gezwungen werden.

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Können sich beide Seiten innerhalb eines Jahres nicht auf einen Preis einigen, wird eine Schiedsstelle eingeschaltet, die den Preis spätestens nach drei Monaten festsetzt. Die Pharmafirmen können den Preis also maximal 15 Monate selbst bestimmen. Durch die zwingenden Preisverhandlungen hofft die Koalition auf jährliche Einsparungen von 1,8 Milliarden Euro.

Kurzfristig wollen Union und FDP die Hersteller außerdem zu höheren Rabatten gegenüber den Versicherern verpflichten. Der Abschlag soll von derzeit 6 auf 16 Prozent steigen. Das soll Einsparungen von 1,15 Milliarden Euro pro Jahr bringen. Außerdem sollen die Arzneimittelpreise bis Ende 2013 auf dem Niveau von August 2009 eingefroren werden. Damit könnten laut Rösler 300 Millionen Euro jährlich eingespart werden.

 „Damit haben wir eine deutliche Neuordnung auf dem deutschen Arzneimittelsektor”, betonte Rösler. Auf der einen Seite werde dafür gesorgt, dass alle neuen und innovativen Arzneimittel auch künftig sofort für die Patienten zur Verfügung stehen. Gleichzeitig blieben die Arzneimittel in Zukunft bezahlbar. „Damit haben wir die notwendige Balance gefunden zwischen Innovationsfähigkeit und Bezahlbarkeit”, so Rösler. Das Gesundheitsministerium will nun in den nächsten Wochen einen Gesetzentwurf erarbeiten.

Spätestens Anfang 2011 soll das Paket in Kraft treten. Rösler sagte, mit jedem Monat, den das Gesetz eher komme, könne die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 100 bis 120 Millionen Euro einsparen. 

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßte das Arzneimittelpaket Röslers. Während die Ärzte weiterhin für die Indikationsstellung, Wirkstoffverordnung und Wirkstoffmenge verantwortlich seien, werde „die Preisverantwortung folgerichtig auf die Krankenkassen und die Pharmaindustrie übertragen“, sagte Carl-Heinz Müller, Vorstand der KBV in Berlin.

Die geplante Ablösung der Richtgrößenprüfungen und Maßnahmen zur Deregulierung sieht Müller ebenfalls positiv. Mit dem Maßnahmenpaket des BMG sei die innovative und etablierte medizinische Behandlung der Patienten auch zukünftig gesichert, so Müller. 

Die FDP-Gesundheitsexpertin Ulrike Flach sagte: „Mit dieser Lösung kann die Pharmaindustrie leben.” Der innovative Teil der Branche werde durch das Konzept „nicht beschädigt”. Union und FDP betonten, Ziel ihres Pakets sei es auch, keine Arbeitsplätze in der Arzneimittelindustrie zu gefährden.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Jens Spahn (CDU) sprach von einer „revolutionären” und „fast historischen” Entscheidung. Seit Jahren versuche die Politik, den Arzneimittelmarkt neu zu regeln. Nun erreiche ausgerechnet die schwarz-gelbe Koalition, von der es die wenigsten erwartet hätten, das Ziel.

Unions-Fraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) wertete die Einigung als Zeichen der Handlungsfähigkeit von Schwarz-Gelb. Gerade in der Gesundheitspolitik hatte sich die Koalition in den vergangenen Wochen und Monaten durch heftigen Streit hervorgetan.

Der GKV-Spitzenverband lobte das Konzept als „ein insgesamt gutes Paket”. Verbandschefin Doris Pfeiffer sagte: „Es ist gut, dass die Bundesregierung die zu hohen Arzneimittelkosten entschlossen angeht.”

Scharfe Kritik kam aus der Opposition. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Karl Lauterbach, sprach von einem „faulen Kompromiss“. Im ersten Jahr der Markteinführung könnten die Pharmafirmen die Preise weiter diktieren und in dieser Zeit besonders anheben - nur um später in den Verhandlungen Abschläge zu gewähren. Auch die Linke-Gesundheitspolitikerin Katrin Vogler rügte, „ein ganzes Jahr Freiflug“ für die Pharmaindustrie sei zu viel.

Die Pharmaindustrie reagierte ablehnend: Die forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) kritisierten „Zwangsmaßnahmen“ wie den Pflichtrabatt von 16 Prozent und den bürokratischen Aufwand. Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) wandte sich gegen den Preisstopp und den erhöhten Herstellerabschlag.

© ddp/Rie/aerzteblatt.de

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