Medizin

Obst und Gemüse schützen (kaum) vor Krebs

Mittwoch, 7. April 2010

New York – Die Erwartung, dass der häufige Verzehr von Obst und Gemüse Krebs­erkrankungen verbeugen kann, hat sich als zu optimistisch erwiesen. Eine Auswertung der EPIC-Studie im Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2010; doi: 10.1093/jnci/djq072) ergab nur eine marginale protektive Wirkung.

Das US-National Cancer Institute hatte 1991 die Devise „5 a Day“ herausgegeben, die seither (nach dem Rauchen) als eine der wichtigsten krebsvermeidenden Maßnahmen betrachtet wurde. Obst oder Gemüse sollten Bestandteil von fünf täglichen Mahlzeiten sein, lautet das Credo.

Es basierte zu Beginn auf einer Schätzung der renommierten Oxford-Epidemiologen Richard Doll und Richard Peto, derzufolge 35 Prozent aller Krebstodesfälle auf die Ernährung zurückzuführen seien (JNCI 1981; 66: 1191-308). Übersehen wurde, dass die Angaben der Epidemiologen zu der protektiven Wirkung mit einer Bandbreite von 10 bis 70 Prozent doch sehr vage ausfielen und dass sie im Wesentlichen auf den Ergebnissen von Fall-Kontroll-Studien beruhten, die sehr anfällig für Verzerrungen sind.

Die seit den 90er Jahren durchgeführten prospektiven Studien konnten die optimistischen Annahmen nicht bestätigen. Selbst für den Darmkrebs konnte eine frühere Meta-Analyse keine signifikante protektive Wirkung finden (JNCI 2007; 99: 1471-1483).

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Vor diesem Hintergrund ist die Auswertung der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition oder EPIC-Studie fast schon wieder ein Beleg der von Doll und Peto vermuteten protektiven Wirkung, wenn auch ihr Ausmaß doch weit hinter den allgemein verbreiteten Erwartungen zurück bleibt.

Paolo Boffetta von der Mount Sinai School of Medicine in New York und Mitarbeiter kommen auf der Basis von fast einer halben Millionen Menschen und einer Nachbeobachtungszeit von 8,7 Jahren, in denen es zu etwas mehr als 30.000 Krebserkrankungen kam, zu dem Ergebnis: Pro 200 Gramm Obst oder Gemüse pro Tag sinkt das Krebsrisiko um gerade einmal 3 Prozent (Hazard Ratio 0,97).

Infolge der großen Teilnehmerzahl der Studie war diese Assoziation mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,96 bis 0,99 zwar signifikant. Aber eine praktische Relevanz lässt sich daraus kaum ableiten.

Bleibt die Frage, ob die krebspräventive Wirkung für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht doch größer ist. Die Analyse fand dafür nur wenige Hinweise. Allenfalls bei Menschen mit einem starken Alkoholkonsum könnte eine stärkere krebsprotektive Wirkung bestehen, berichten die Autoren.

Walter Willett von der Harvard School of Public Health in Boston spekuliert im Editorial darüber, dass der Folatgehalt die Folge des Alkoholkonsums abschwächen könnte (JNCI 2010; doi: 10.1093/jnci/djq098). Auch die Idee, dass Tomaten durch ihren hohen Gehalt an Lycopenen vor Prostatakrebs schützen könnten, ist (noch?) nicht ganz vom Tisch.

Ebenso gebe es Hinweise, dass Obst und Gemüse einem Nierenzellkarzinom vorbeugen könne, schreibt Willet. Diese Erkenntnisse beruhen aber alle auf geringen Fallzahlen. Dieser Einwand trifft auch auf eine Aussage des World Cancer Reports von 2007 zu, wonach Obst und Gemüse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Kopf-Hals-Tumoren vorbeugen.

Außerdem muss wohl erwähnt werden, dass die Beweiskraft von Beobachtungsstudien hinter denen von randomisierten Studien zurückbleibt, die allerdings zu Ernährungsgewohnheiten kaum durchführbar sind.

Die „5 a Day“-Empfehlung dürfte dennoch überleben. Denn selbst wenn der reichliche Verzehr von Obst und Gemüse nicht (oder nur ein klein wenig) vor Krebserkrankungen schützen sollte, so ist eine präventive Wirkung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weniger umstritten.

Nach einer maßgeblichen Beobachtungsstudie zu dieser Frage, einer Auswertung von Nurses' Health und Health Professionals' Follow-up Study, sind fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag (statt 1,5 Portionen) mit einer um 30 Prozent niedrigeren Risiko von koronarer Herzkrankheit und Schlaganfall assoziiert (JNCI 2004; 96: 1577-1584). © rme/aerzteblatt.de

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docws
am Montag, 12. April 2010, 15:23

Daten der EPIC Studie haben für diese Aussage immanente Schwächen. Es benötigt differenzierter Betrachtung. Die Fachgesellschaften stehen unverändert hinter der "5 am Tag Empfehlung"

Kommentart zu "Obst und Gemüse schützen (kaum) vor Krebs" (aerzteblatt.de 7.4.2010)
Gast-Prof. Dr. med. Werner Seebauer

Bei den Datengrundlagen zum genannten Artikel ist es notwendig, verschiedene Indikatoren (Faktoren) interdisziplinärer und integral zusammen zu führen. Die Ergebnisse beziehen sich wieder auf Daten der EPIC Studie, die zwar beeindruckende Teilnehmerzahlen aufweisen kann, doch für solche Aussagen betreffs der Krebsprävention in diesem Zusammenhang studienimmanente Schwächen hat, die solche Beurteilungen quasi unmöglich machen.

In Studien dieses Bereiches kann man immer nur einige Surrogatparameter bestimmen, oder viele Fallzahlen epidemiologisch beobachten, was beides nie alle wichtigen Faktoren erfassen kann, und obendrein, wenn nur von vornherein circa 5% der Beteiligten in den Bereich der Wirkdosis kommen, keine signifikanten Ergebnisse aufzeigen kann.

Die Studienlage betreffs Ernährung und Krebsprävention ist schon immer kontrovers und unüberschaubar (über 497.350 Studien alleine bis Ende 2007 – für den WCRF-Report)! Man stuft die Einschätzung des ausgeprägten Krebsschutzeffektes durch Obst und Gemüse zwar zurück, weil es - aufgrund der Multifaktorielität - so schwer zu beurteilen ist, doch sieht man dennoch nach wie vor eindeutige Indikatoren der Wichtigkeit (bei der Primärprävention als auch komplementär bei der Ernährungstherapie).

Wegen der Schwierigkeit, die Studien bezüglich der Aussagekraft für die Prävention korrekt designt durchzuführen, hat man im WCRF-Report nur 7000 Studien für den Leitfaden der Empfehlungen zugelassen - und in diesem Leitfaden ist die "mindestens 5 Portionen am Tag Empfehlung" zum ausreichenden Verzehr von Obst und Gemüse ein zentraler wichtiger Punkt von den 10 Empfehlungen! – und es heißt „mindestens fünf Portionen“ !!

Biologische Gesetzmäßigkeiten bedingen Dosiswirkungsbeziehungen, die erst ab einer Mindestdosis signifikante Effekte resultieren lassen.

Leider konsumieren über 90% der Menschen, welche die Grundlage der kontroversen Studiendaten darstellen (auch der EPIC Daten), viel zu wenig Obst und Gemüse. Sie kommen daher nicht in den Bereich der ausreichenden Dosiswirkungsbeziehungen. Man müsste bei heutigen Vermarktungsbedingungen und den Ernten in meist unreifem Zustand schätzungsweise 9 bis 10 Portionen Obst und Gemüse konsumieren (nicht nur 5!), da die wichtigen Sekundären Pflanzenstoffe (die natürlichen Geschmack-, Aroma- und Farbstoffe) hauptsächlich in den letzten Reifungstagen an der Mutterpflanze entstehen.

Die große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Referenzwerte 2000) konsumiert nur etwa die Hälfte der empfohlenen Menge Obst und Gemüse. Quantitativ stehen dagegen überwiegend verarbeitete Lebensmittel tierischer Herkunft sowie Kartoffeln, Reis und Cerealien auf dem Speiseplan, wie auch aus den Daten der neuesten Nationalen Verzehrsstudie II des Bundesministeriums für Ernährung 2008 hervorgeht. Im Gesundheits-Survey des Robert Koch Institutes wurde der Obst-Gemüse-Konsum bei Kindern exakter untersucht. Die Ernährungssituation 2007 ist bei den Kindern und Jugendlichen ebenso schlecht! Mehrere Portionen Gemüse und Obst täglich essen nicht einmal 5 Prozent: Jungen: Obst 17,8% - Gemüse gegart 0,4%, roh 3,7% ; Mädchen: Obst 24,1% - Gemüse gegart 0,3%, roh 5,9%. Ferner ist der Hinweis wichtig, dass viele Experten den Konsum von mehr Gemüse als Obst empfehlen (mindestens 3 Portionen Gemüse und 2 Obst!). Der Gemüsekonsum liegt im absoluten Mangel! Kartoffel, Reis und Mais zählen nicht zur Gemüsegruppe!

Die Experten der Krebsforschung fordern den täglichen Verzehr von mindestens 12 Portionen Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Getreide, möglichst unverarbeitet (bzw. adäquat und schonend verarbeitet), dazu eine Einschränkung des Zuckerverzehrs und des Konsums von Alkohol sowie Lebensmitteln mit tierischen Fetten (Ausnahme Fette von Fischen). Vieles daraus mündet demnach in der Empfehlung, ausreichend Antioxidantien-Komplexe aus der Nahrung zuzuführen und Schadstoffe zu reduzieren. (Boeing, H., Barth, C., et al. : Tumorentstehung - hemmende und fördernde Ernährungsfaktoren. In: Ernährungsbericht 2004. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Bonn,, S. 235-286 (2004).

Es ist eine Studie zu fordern, in der eine Dosiswirkungsbeziehung auf der Grundlage der heutigen Qualität des unreif geernteten Obst und Gemüses gezeigt werden kann. Eine Vergleichsstudie mit Menschen, die wie üblich nur 2-3 Portionen Obst und Gemüse am Tag konsumieren, mit einer Gruppe, die 5 Portionen, und einer ausreichend großen Gruppe, die tatsächlich 9-10 Portionen täglich konsumiert, wäre beweisträchtig, doch es scheint momentan noch illusorisch, eine solche Studie mit genügend Teilnehmern über eine genügend lange Zeit (mindestens 20 Jahre) zu realisieren.

Weitere Schwächen im EPIC-Studiendesign sind unvermeidbar. Ärzteblatt: „Außerdem muss wohl erwähnt werden, dass die Beweiskraft von Beobachtungsstudien hinter denen von randomisierten Studien zurückbleibt, die allerdings zu Ernährungsgewohnheiten kaum durchführbar sind.“

Wenn in der Studienauswertung von Boffetta „gerade 3%“ Krebsrisikoreduktion pro 200g Obst oder Gemüse zu beobachten sind, muss man dennoch berücksichtigen, dass in solchen Studiendesigns, bei den Grundbedingungen (multifaktorielle Genese, Teilnehmerkollektiv, übliches Ernährungsverhalten, Vermarktungsbedingungen und Verarbeitungsform der Lebensmittel) die immanenten Schwächen zu vielfältig sind, und vor allem, dass die tatsächlich biologisch gegebenen Dosiswirkungsbeziehungen nicht bestimmt und nicht kontrolliert wurden.

Man dürfte korrekter Weise nicht von Obst und Gemüse Portionen sprechen, sondern müsste die Dosiswirkungsbeziehung für die antikanzerogenen, darin enthaltenen Wirkstoffe - Sekundären Pflanzenstoffe und andere Faktoren - annähernd definieren. Doch selbst wenn Wissenschaftler damit forschen, begehen viele meist weitere Fehler, da sie dann die Wirkeffekte von nur einzelnen bzw. oft maximal 3 bis 4 isolierten Mikronährstoffen feststellen wollen. Das ist absolut unzureichend, wie wir aus den Forschungen der biochemischen Funktionskomplexe wissen. Die natürliche Matrix mit dem synergistischen Zusammenwirken von tausenden Wirkstoffen ist entscheidend. Das Department of Food Science, Cornell University NY, hebt durch seine Forschung hervor, dass nicht Auszüge einzelner Mikronährstoffe die Schutzwirkungen unserer Nahrung ausmachen, sondern das Zusammenwirken mit einem Synergismus von tausenden Sekundären Pflanzenstoffe (phytochemicals) entscheidend ist. Den wesentlichen Teil der antioxidativen Potenz und der antiproliferativen Aktivitäten erhalten wir nur durch diese Kombination der Phytochemicals im natürlichen Komplex. Die Vielseitigkeit, die Zubereitungsart und viele weitere Faktoren können ferner sehr bedeutend sein.

Anhand dieser Fakten wird deutlich, dass viele Menschen selbst bei einer Verdopplung der Zufuhr von Obst und Gemüse noch immer nicht die empfohlene Mindestmenge und Vielfältigkeit erreichen, und es lässt sich sehr begründet vermuten, dass die Dosis für ausreichende Schutzeffekte gegenüber bestimmten Erkrankungen somit nicht erreicht wird. Bei Erkrankungen des Kardio-Vaskulären-Bereiches hingegen, ist bereits eine geringere Dosiswirkschwelle für Schutzeffekte hoch signifikant festzustellen.

Eine eingeschränkte Durchblutung mit resultierender Hypoxie und oxidativem Stress sind Tumorpromotoren; sie haben zusätzlich negative Einflüsse, indem sie die Kanzerogenese und die Krebsprogression (Steigerung der Malignität) fördern. Somit können selbst über die Verbesserung der kardio-vaskuklären Zusammenhänge Vorteile bezüglich des Krebsschutzes erfolgen.

Die Multifaktorielität der Krebsgenese als auch der Krebsabwehr, sowie der Ernährungsfaktoren wird es immer schwierig machen, festzustellen, was alles ausreichend präventiv hilft. In die kausalen Krebsfaktoren müssen wir mit einbeziehen, dass viele zusätzliche Umweltfaktoren uns zunehmend belasten (von lange bekannten Toxinen bis hin zu immer wieder neuen Entdeckungen - Bsp. Weichmachern in Lebensmittelverpackungen – Phthalate, etc. - gerade als Risikofaktor für den Brustkrebs, etc.) - da ist es dann selbstverständlich, dass Obst und Gemüse unter Umständen nicht mehr reichen können, doch das reduziert dann keineswegs die Wichtigkeit für die allgemeine Prävention.

Der unzureichende Schutz von Obst und Gemüse hinsichtlich des Krebses wird vor allem im Zusammenhang mit den Daten bei Brust- und Prostatakrebs erkannt bzw. diskutiert - nicht allgemein gegenüber Krebs! - und zudem auch bei Brust- und Prostatakrebs mit kontroversen Daten belegt. Gerade Brust- und Prostatakrebs sind stärker von hormonellen Faktoren abhängig, die die Ernährungsfaktoren etwas mehr in Hintergrund treten lassen. Nichtsdestotrotz hat auch die Ernährung (speziell durch bestimmte Sekundäre Pflanzenstoffe) neben der ausreichenden physischen Aktivität einen wichtigen Einfluss auf endokrine Zusammenhänge. Der Metabolismus des Östrogens kann über Sekundäre Pflanzenstoffe, z.B. aus dem Bereich der Kreuzblütler, Kohlgewächse und grünem Blattgemüse, verbessert über einen sichereren Stoffwechselweg laufen. Die Hauptdeterminante für den sicheren 2-Hydroxy-Pfad gegenüber dem 16-Hydroxy-Pfad wird durch Kreuzblütler und Gemüse (Broccoli und sämtliche Kohlarten) mitbestimmt.

Alle großen Fachorganisationen stehen nach wie vor hinter der "5 am Tag" Empfehlung! Es macht keinen Sinn, bzw. ist dem Präventionsbemühen gegenüber schädlich, wenn man immer wieder die Daten von „alten“, mit immanenten Schwächen behafteten Studienkonzepten hervorhebt und angeblich ungenügende Schutzeffekte von Obst und Gemüse als „Schlagzeile“ bringt.

Gast-Prof. Dr. med. Werner Seebauer
Leiter der Präventionsmedizin
Institut für transkulturelle
Gesundheitswissenschaften
Europauniversität
www.intrag-online.eu
E-Mail: wseebauer@intrag.info

karatepe
am Samstag, 10. April 2010, 19:15

Kommentar von Prof. Seebauer Obst und Gemüse zur Krebsprävention

Die Daten der EPIC Studie zur Ernährung und Krebsprävention bedürfen eine differenzierten Beurteilung. Im Kommentar von Prof. Seebauer wird ersichtlich, welche studienimmanenten Schwächen die Daten verfälschen.

Kommentart zu "Obst und Gemüse schützen (kaum) vor Krebs" (aerzteblatt.de 7.4.2010)
Werner Seebauer
Bei den Datengrundlagen zum genannten Artikel ist es notwendig, verschiedene Indikatoren (Faktoren) interdisziplinärer und integraler zusammen zu führen.
Die Studienlage betreffs Ernährung und Krebsprävention ist schon immer kontrovers und unüberschaubar (über 497.350 Studien alleine bis Ende 2007 – für den WCRF-Report)!
Man stuft die Einschätzung des ausgeprägten Krebsschutzeffektes durch Obst und Gemüse zwar zurück, weil es - aufgrund der Multifaktorielität - so schwer zu beurteilen ist, doch sieht man dennoch, nach wie vor, eindeutige Indikatoren der Wichtigkeit (bei der Primärprävention als auch komplementär bei der Ernährungstherapie vorhandener Erkrankung).
Wegen der vielen Studien und der Schwierigkeit, die Studien bezüglich der Aussagekraft für die Prävention korrekt designt durchzuführen, hat man im WCRF-Report nur 7000 Studien, aus dieser Fülle von bereits damals fast 500.000 Studien, für den Leitfaden der Empfehlungen zugelassen - und in diesem Leitfaden ist die "mindestens 5 Portionen am Tag Empfehlung" zum ausreichenden Verzehr von Obst und Gemüse, nach wie vor, ein zentraler Punkt. Eben ein wichtiger Punkt, von 10 Empfehlungen! – und es heißt „mindestens fünf Portionen“ !!
Leider konsumieren über 90% der Menschen in den Ländern (wo die kontroversen Studiendaten herkommen) viel zu wenig Obst und Gemüse. Sie kommen daher nicht in den Bereich der ausreichenden Dosiswirkungsbeziehungen. Man müsste heute, bei den Ernten in meist unreifen Zuständen, schätzungsweise 9 bis 10 Portionen Obst und Gemüse konsumieren (nicht nur 5!), da die so wichtigen Sekundären Pflanzenstoffe (die natürlichen Geschmack-, Aroma- und Farbstoffe) hauptsächlich in den letzten Reifungstagen an der Mutterpflanze entstehen.
Die Experten der Krebsforschung fordern den täglichen Verzehr von mindestens 12 Portionen Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Getreide, möglichst unverarbeitet (bzw. adäquat und schonend verarbeitet), dazu eine Einschränkung des Zuckerverzehrs und des Konsums von Alkohol sowie Lebensmitteln mit tierischen Fetten (Ausnahme Fette von Fischen). Vieles daraus mündet demnach in der Empfehlung, ausreichend Antioxidantien-Komplexe aus der Nahrung zuzuführen und Schadstoffe zu reduzieren. (Boeing, H., Barth, C., et al. : Tumorentstehung - hemmende und fördernde Ernährungsfaktoren. In: Ernährungsbericht 2004. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Bonn,, S. 235-286 (2004).
Es ist eine Studie zu fordern, wo eine Dosiswirkungsbeziehung auf der Grundlage der heutigen Qualität des unreif geernteten Obst und Gemüses gezeigt werden kann. Eine Vergleichsstudie mit Menschen, die wie üblich nur 2-3 Portionen Obst und Gemüse am Tag konsumieren, mit einer Gruppe, die 5 Portionen, und einer ausreichend großen Gruppe, die tatsächlich 9-10 Portionen täglich konsumiert, wäre beweisträchtig, doch es scheint momentan noch illusorisch, eine solche Studie mit genügend Teilnehmern über eine genügend lange Zeit (mindestens 20 Jahre) zu realisieren.
Immerhin erwähnt der Beitrag im Ärzteblatt: „Außerdem muss wohl erwähnt werden, dass die Beweiskraft von Beobachtungsstudien hinter denen von randomisierten Studien zurückbleibt, die allerdings zu Ernährungsgewohnheiten kaum durchführbar sind.“
Die Schwäche solcher Studien bzw. die Möglichkeiten, solche Studien annähernd korrekt und aussagekräftig durchzuführen, sind immanent.
Den Wissenschaftlern und dann auch den Reportern von ähnlichen Beiträgen (wie z.B. momentan zeitgleich in der SZ) sollten jedoch biologische Gesetzmäßigkeiten klar sein, dass es Dosiswirkungsbeziehungen gibt, die erst ab einer Mindestdosis signifikante Effekte resultieren lassen.
Wenn in der Studienauswertung von P. Boffetta et al. (bei der beeindruckenden Fallzahlen – über 8,7 Jahre Beobachtungszeit, pro 200g Obst oder Gemüse pro Tag das Krebsrisiko um „gerade einmal 3 Prozent“ [Hazard Ratio 0,97] sinkt), es schon richtig ist, dass die folgende Bemerkung getroffen werden kann: „… dass die Ergebnisse zwar signifikant sind. Aber eine praktische Relevanz sich daraus kaum ableiten lässt“, muss man dennoch dabei berücksichtigen, dass in solchen Studiendesigns, bei den Grundbedingungen (multifaktorielle Genese, Teilnehmerkollektiv, übliches Ernährungsverhalten, Vermarktungsbedingungen und Verarbeitungsform der Lebensmittel) die immanenten Schwächen zu vielfältig sind, und vor allem, dass die tatsächlich biologisch gegebenen Dosiswirkungsbeziehungen nicht bestimmt und nicht kontrolliert wurden.
Man dürfte korrekter Weise nicht von Obst und Gemüse Portionen sprechen, sondern müsste die Dosiswirkungsbeziehung für die antikanzerogenen, darin enthaltenen Wirkstoffe annähernd definieren - also für die bekannten antikanzerogenen Effekte durch die Sekundären Pflanzenstoffe und andere Faktoren. Doch selbst wenn Wissenschaftler damit forschen, begehen viele meist weitere Fehler, da sie dann die Wirkeffekte von nur einzelnen bzw. oft maximal 3 bis 4 isolierten Mikronährstoffen feststellen wollen. Das ist absolut unzureichend, wie wir aus den Forschungen der biochemischen Funktionskomplexe wissen. Die natürliche Matrix mit dem synergistischen Zusammenwirken von tausenden Wirkstoffen ist entscheidend.
Zudem ist Obst und Gemüse nicht gleich Obst und Gemüse! Die Zubereitungsart und viele weitere Faktoren können bedeutend sein. Vor allem aber ist die effektiv schützende Dosiswirkungsbeziehung davon abhängig, ob dann genügende der bekannten, antikanzerogen wirksamen Mikronährstoffe in der natürlichen Matrix (nicht isoliert!) enthalten und auch erhalten waren.
Das Department of Food Science, Cornell University NY, hebt durch seine Forschung hervor, dass nicht Auszüge einzelner Mikronährstoffe die Schutzwirkungen unserer Nahrung ausmachen, sondern das Zusammenwirken mit einem Synergismus von tausenden Sekundären Pflanzenstoffe (phytochemicals) entscheidend ist. Den wesentlichen Teil der antioxidativen Potenz und der antiproliferativen Aktivitäten erhalten wir nur durch diese Kombination der Phytochemicals im natürlichen Komplex.
Daher ist die Empfehlung ohne Einschränkungen weiterhin, 5 bis 10 Portionen Obst und Gemüse in verschiedenen Sorten guter Qualität zuzuführen, um die chronischen Erkrankungen zu reduzieren sowie die optimale Gesundheit zu erhalten.
Wir können festhalten: Schon alleine der durchschnittliche Konsum von nur etwa 2 Portionen Obst und Gemüse täglich, wie es in unseren Industrieländern gehandhabt wird, bewirkt eine eindeutige Verfälschung der Wirkeffekte, hinzu kommen dann noch die vielen weiteren nachteiligen Faktoren, von denen hier nur einige exemplarisch erwähnt wurden.
Die große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Referenzwerte 2000) konsumiert nur etwa die Hälfte der empfohlenen Menge Obst und Gemüse. Quantitativ stehen dagegen überwiegend verarbeitete Lebensmittel tierischer Herkunft sowie Kartoffeln, Reis und Cerealien auf dem Speiseplan, wie auch aus den Daten der neuesten Nationalen Verzehrsstudie II des Bundesministeriums für Ernährung 2008 hervorgeht. Nach dem Gesundheits-Survey des Robert Koch Institutes wurde die Mengenbestimmung des Obst-Gemüse-Konsums bei Kindern exakter untersucht. Die Ernährungssituation 2007 bei den Kindern und Jugendlichen ist ebenso schlecht! Mehrere Portionen Gemüse und Obst, täglich zusammen gerechnet, essen nicht einmal 5 Prozent: Jungen: Obst 17,8% - Gemüse gegart 0,4%, roh 3,7% ; Mädchen: Obst 24,1% - Gemüse gegart 0,3%, roh 5,9%. Die Kinder spiegeln oft wider, wie das Ernährungsverhalten Ihrer Eltern aussieht.
Ferner ist der Hinweis wichtig, dass viele Experten den Konsum von mehr Gemüse als Obst empfehlen (mindestens 3 Portionen Gemüse und 2 Obst!). Der Gemüsekonsum liegt im absoluten Mangel! Kartoffel, Reis und Mais zählen nicht zur erforderlichen Gemüsegruppe!
Anhand dieser Fakten wird deutlich, dass viele Menschen selbst bei einer Verdopplung der Zufuhr von Obst und Gemüse noch immer nicht die empfohlene Mindestmenge erreichen, und es lässt sich sehr begründet vermuten, dass die Dosis für ausreichende Schutzeffekte gegenüber bestimmten Erkrankungen somit nicht erreicht wird. Hingegen zeigt ein erhöhter Konsum von Obst und Gemüse bereits mit jeder einzelnen zusätzlichen Portion eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung zu einem reduzierten Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko, - wie es in den aktuellen Artikeln zusätzlich betont wird. [In der Nurses' Health und Health Professionals' Follow-up Study, sind fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag (statt 1,5 Portionen) mit einer um 30 Prozent niedrigeren Risiko von koronarer Herzkrankheit und Schlaganfall assoziiert (JNCI 2004; 96: 1577-1584)].
Eine eingeschränkte Durchblutung mit resultierender Hypoxie und oxidativem Stress sind Tumorpromotoren; sie haben zusätzlich negative Einflüsse, indem sie die Kanzerogenese und die Krebsprogression (Steigerung der Malignität) fördern. Somit können selbst über die Verbesserung der kardio-vaskuklären Zusammenhänge Vorteile bezüglich des Krebsschutzes erfolgen.
Man sollte sich, egal von welcher auch immer erneuten Studie nach den bisherigen Mustern, nie beirren lassen von Aussagen wie, Obst und Gemüse seien zur Krebsvorsorge ungenügend. Ungenügend ist meist die Quantität und Qualität betreffs des Obst-Gemüsekonsums der großen Mehrheit der Studienteilnehmer. Und ungenügend ist bisher die Möglichkeit, die Studien so durchzuführen, dass die immanenten Schwächen ausgeglichen werden können.
Die Multifaktorielität der Krebsgenese als auch der Krebsabwehr, sowie der Ernährungsfaktoren wird es immer schwierig machen, festzustellen was alles ausreichend präventiv hilft. Zu den kausalen Krebsfaktoren, müssen wir beurteilen, dass viele zusätzliche Umweltfaktoren uns zunehmend belasten (von lange bekannten Toxinen bis hin zu immer wieder neuen Entdeckungen - Bsp. Weichmachern in Lebensmittelverpackungen – Phthalate, etc. - gerade als Risikofaktor für den Brustkrebs, etc.) - da ist es dann selbstverständlich, dass Obst und Gemüse unter Umständen nicht mehr reichen können, dies zu kompensieren. Wir müssen dabei gar nicht so weit nach neuen Erkenntnissen greifen, es ist unbestritten, dass Obst und Gemüse alleine die Schadeffekte des Rauchens nicht ausreichend kompensieren können. Doch das reduziert dann keineswegs die Wichtigkeit von Obst und Gemüse in allen diesen Zusammenhängen! Wir müssen selbstverständlich verschiedenste Faktoren gleichzeitig angehen!
Es ist wichtig, die Zusammenhänge der Genese und des Schutzes integraler darzustellen (Zusammenhänge auf der übergeordneten Ebene des Immunsystems, die zeigen wie einige sehr wichtige Faktoren anderes verursachen und eine Kaskade von Defiziten bis hin zu irreversiblen Schäden in Gang bringen, oder umgekehrt eine Kaskade von Schutzeffekten erst effektiv eintritt, wenn diverses synergistisch zusammenwirkt). In Studien dieses Bereiches kann man immer nur einige Surrogatparameter bestimmen, oder viele Fallzahlen epidemiologisch beobachten, was beides nie alle wichtigen Faktoren erfassen kann, und obendrein, wenn nur von vornherein circa 5% der Beteiligten in den Bereich der Wirkdosis kommen, keine signifikanten Ergebnisse aufzeigen kann.
Daher befasst man sich im WCRF-Report so interdisziplinär und führt integraler Erkenntnisse zusammen, die für sich alleine oft keine Beweise darstellen, doch in der Summe und im Kontext wesentlich deutlichere Hinweise geben.
Der unzureichende Schutz von Obst und Gemüse hinsichtlich des Krebses, wird vor allem im Zusammenhang mit den Daten bei Brust- und Prostatakrebs erkannt bzw. diskutiert - nicht allgemein gegenüber Krebs! - und zudem auch bei Brust- und Prostatakrebs mit kontroversen Daten belegt. Gerade Brust- und Prostatakrebs sind stärker von hormonellen Faktoren abhängig, die die Ernährungsfaktoren etwas mehr in Hintergrund treten lassen. Nichts desto trotz, hat auch die Ernährung (speziell durch bestimmte Sekundäre Pflanzenstoffe) neben der ausreichenden physischen Aktivität einen wichtigen Einfluss auf endokrine Zusammenhänge. Der Metabolismus des Östrogens kann über Sekundäre Pflanzenstoffe, z.B. aus dem Bereich der Kreuzblütler, Kohlgewächse und grünem Blattgemüse, verbessert über einen sichereren Stoffwechselweg laufen. Die Hauptdeterminante für den sicheren 2-Hydroxy-Pfad gegenüber dem 16-Hydroxy-Pfad wird durch Kreuzblütler und Gemüse (Broccoli und sämtliche Kohlarten) mit bestimmt. Zu diesen und weiteren Hormon beeinflussenden Faktoren durch die Ernährung kann an anderer Stelle detaillierter berichtet werden.
Zu alledem kommen noch so viele weitere Defizite und Erkrankungen in die Wagschale, wo die Sekundären Pflanzenstoffe eine sehr wichtige Bedeutung für die Vorbeugung als auch die Unterstützung der Kompensation respektive Heilung haben.
Alle großen Fachorganisationen stehen daher, nach wie vor, hinter der "5 am Tag" Empfehlung! Es macht keinen Sinn, bzw. ist dem Präventionsbemühen gegenüber schädlich, wenn man so sehr immer wieder auf den Daten, von „alten“ mit immanenten Schwächen behafteten Studienkonzepten, die angeblich ungenügenden Schutzeffekte von Obst und Gemüse als „Schlagzeile“ hervorhebt.

Gast-Prof. Dr. med. Werner Seebauer
Leiter der Präventionsmedizin
Institut für transkulturelle
Gesundheitswissenschaften
Europauniversität
www.intrag-online.eu
E-Mail: wseebauer@intrag.info

Tpoppe
am Freitag, 9. April 2010, 14:54

Ist wieder Saison?

Empfehlenswert ist “The China Study” von Colin Campbell. Wahrscheinlich sinken gerade mal wieder die Umsätze der Fleisch- und Milchindustrie und deswegen lässt sie die “Wissenschaft” auf die Medien los. Das ist vergleichbar mit dem Auftauchen der “Beweise”, dass Schokolade doch keine Migräne verursacht, immer genau kurz vor Ostern.

Mit anderen Worten: Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs kommen überall auf der Welt sehr viel weniger häufig vor, wo man sich vegetarisch oder besser noch vegan (ohne tierisches Eiweiß), biologisch und regional ernährt.Aber am besten nichts einfach glauben, sondern selber ausprobieren. Sieben Tage lang vegan ernährt, und jeder fühlt selbst, was Sache ist. Gute Appetit miteinander!
5.000 News Medizin

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