Medizin

Stammzellforscher kreieren Embryonen mit drei Elternteilen

Donnerstag, 15. April 2010

Newcastle upon Tyne – Forscher am North East England Stem Cell Institute haben in einem ethisch sicher umstrittenen Experiment erstmals Embryonen ge­schaffen, deren Gene von drei Menschen stammen.

Die Studie in Nature (2010; doi: 10.1038/nature08958) soll neue Behand­lungs­möglich­keiten für genetische Erkrankungen der Mitochondrien eröffnen.

Die Mitochondrien haben eigene Gene. Sie sind auch in der weiblichen Eizelle enthalten. Da aus der Samenzelle nur die chromosomalen Gene in die Eizelle gelangen, werden Defekte in den 37 mitochondrialen Genen (zum Vergleich: der Zellkern enthält rund 23.000 Gene) immer von der Mutter an die Kinder weitergegeben.

Solche Mitochondriopathien sind keinesfalls selten. Eines von 200 Kindern wird damit geboren, doch schwere Erkrankungen treten nur bei einem von 10.000 Kindern auf. Es handelt sich um ein großes Spektrum von Erkrankungen. Funktionsstörungen der Mitochondrien können zur Muskelschwäche, zur Erblindung, zu tödlichen Herzerkrankungen, zum Leberversagen, zu Lernstörungen oder auch zum Diabetes mellitus führen, berichtet die Gruppe um Doug Turnbull von dem an der Universität Newcastle angesiedelten Institut.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt, auch wenn die Folgen der Myopathien bei vielen Patienten mit Herzschrittmachern oder Ergotherapien begrenzt werden können. Betroffene Frauen müssen aber damit leben, dass sie die Erkrankung an ihre Kinder weitergeben.

Wie dies stammzelltechnisch verhindert werden könnte, hatten US-Forscher im September letzten Jahres an Makaken gezeigt (Nature 2009; 461: 367-372). Sie hatten die Chromosomen der Eizelle (potenziell betroffener Tiere) in eine andere (gesunde) Eizelle transferiert und dann eine künstlichen Befruchtung durchgeführt. Die Embryonen enthielten damit Gene von drei Elternteilen, die mitochondrialen Gene der Eizellspenderin und die chromosomalen Gene beider Elternteile.

In Newcastle wurde die Technik variiert. Am Anfang stand die künstliche Befruchtung, und die beiden Pronuclei (mit dem mütterlichen und väterlichen Erbgut) wurden dann in eine andere zuvor entkernte Eizelle transferiert.

Von 80 menschlichen Oozyten, die das Erbgut dreier Menschen enthielten, teilten sich 18 bis zum Achtzell-Stadium, einige wurden sogar bis zu einer Blastozyste von etwa 100 Zellen kultiviert. Die Forscher können zeigen, dass weniger als 2 Prozent der mitochondrialen DNA der Mutter auf die neue Eizelle übertragen wurde. Die Chance, dass die Therapie zur Austragung eines Kindes führt, der die Mitochondriopathie der Mutter erspart bliebe, wäre mithin sehr groß.

In Newcastle wurde keiner der Embryonen implantiert – sie stammten ja auch nicht von erkrankten Müttern). Die Forscher kündigten jedoch an, einen Antrag auf eine therapeutische Anwendung mit Austragung der Embryonen bei der zuständigen Behörde, der Human Embryology and Fertilisation Authority zu stellen. Ethische Bedenken sind den Stammzellforschern fern.

Turnbull verglich die Therapie gegenüber der Presse mit dem Auswechseln der Batterie bei einem Laptop. Und er versicherte, dass der Inhalt der genetischen Festplatte vollständig von den Eltern auf das Kind übergehen und nicht von der anonymen Eizellspenderin. © rme/aerzteblatt.de

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