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ADHS: Erziehung statt Ritalin

Montag, 19. April 2010

Nottingham – Erziehungswissenschaftler raten Eltern mit Kindern, die an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (AHDS) leiden, zur Konsequenz: Positives Verhalten sollte sofort belohnt, negatives Verhalten sofort sanktioniert werden. Neurologen zeigen in Biological Psychiatry (2010; 67: 624-631), dass dieses Konzept im Gehirn die gleiche Auswirkung hat wie eine Therapie mit Methylphenidat (Ritalin®).

In der “Motivation, Inhibition and Development in ADHD Study” (MIDAS) erforschen der Psychiater Chris Hollis von der Universität Nottingham und Mitarbeiter, was im Gehirn von Kindern mit AHDS vor sich geht. Es gibt zwei Teilstudien: In der ersten vergleichen die Forscher das Elektroenzephalogramm (EEG) der Patienten mit dem von gesunden Kindern, in der zweiten wird die Hirnaktivität mittels der funktionellen Kernspintomographie untersucht.

Die Ergebnisse zur EEG-Teilstudie liegen jetzt vor. Untersucht wurden 28 Patienten im Alter von neun bis 15 Jahren und eine gleich große Gruppe von gesunden Kindern. Alle trugen Elektroden zur Ableitung des EEGs, während sie ein einfaches Computerspiel absolvierten.

Dabei erschienen auf dem Bildschirm in zufälliger Folge grüne und schwarze Aliens. Die Aufgabe bestand darin, bei Erscheinen eines grünen Aliens möglichst schnell auf einen Knopf zu drücken, dies beim selteneren Erscheinen eines schwarzen Aliens aber zu vermeiden. Für ihre Entscheidung wurde den Kindern nur eine kurze Reaktionszeit eingeräumt.

Kinder mit AHDS sind in dem Test häufig unkonzentriert und impulsiv. Sie machen viele Flüchtigkeitsfehler. Nach der Therapie mit Methylphenidat verbessert sich die Leistung. Der gleiche Effekt wurde, wenn auch in schwächerer Form erzielt, wenn die Kinder Belohnungen erhielten.

Diese bestand darin, dass sie fünf statt einen Punkt erhielten, wenn sie beim grünen Alien geklickt hatten (positive Belohnung). Möglich waren auch fünf statt einem Minuspunkt beim versehentlichen Anklicken des schwarzen Aliens (negative Belohnung).

Die Auswirkungen von Medikation und Belohnung wurden auch im EEG sichtbar. Nach dem Klicken (oder Nichtklicken) kommt es jeweils zu ereigniskorrelierten Potenzialen. Das Potenzial N2 soll dabei ein Marker für den Entscheidungskonflikt sein. N2 wurde durch Medikament oder Belohnung nur tendenziell verändert. Signifikant gesteigert wurde dagegen das ereigniskorrelierte Potential P3, das ein Marker für die Aufmerksamkeit ist.

Insgesamt zeigten die Belohnungen bei den Kindern mit AHDS eine etwas schwächere Wirkung als die Methylphenidat-Therapie. Für Hollis zeigt dies, dass erzieherische Interventionen bei leichten Erkrankungsfälle eine Wirkung erzielen, was auch den Empfehlungen des National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) entspräche, die Ritalin oder vergleichbare Medikamente auf schwere Erkrankungen beschränken möchte. © rme/aerzteblatt.de

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sthier
am Dienstag, 20. April 2010, 14:52

Belohnungen im Computerspiel und in der Erziehung

Mir fallen im Zusammenhang mit dem in der Studie benutzten Computerspiel gleich viele einfach gestrickte Games ein, die trotz ihrer simplen Machart ähnlich wie damals "Moorhuhn" einen gewissen Suchtfaktor haben.

Dabei fällt auf, dass auch dort die kleinste Einheit als Belohnung für Treffer oder an Abzügen als Strafe für Kollateralschäden selten der einzelne Punkt ist. Vielmehr bringt z.B. ein abgeschossenes Moorhuhn gleich 10 Punkte, so ähnlich wie in der Studie ein hinreichend schnell erkannter grüner Alien in der motivierenderen Version gleich 5 Punkte bringt. Scheint ein altes Prinzip der Spielpsychologie zu sein. Ich weiß auch nicht, warum die Punkte trotz ihrer Inflation im Hirn nicht entsprechend abgewertet werden.

Man sollte sich davor hüten, diese Erkenntnisse allzu unvorsichtig in den Erziehungsalltag zu übertragen. Dort hat man ohnehin eine Gratwanderung:

Allzu viele materielle Belohnungen haben bestimmt auch unerwünschte Nebenwirkungen, z.B. eine sehr materialistische Erwartungshaltung. Andererseits braucht es an immaterieller Zuwendung eine gute bedingungslose Basis, die für Belohnungen und Bestrafung tabu sein muss. Z.B. sollte Liebesentzug tabu sein und Aktivitäten, die dem Kind gut tun (z.B. Sport) als Strafe zu streichen wäre auch kontraproduktiv.

Normalerweise gibt es dazwischen noch genug Ideen, was man als Belohnung anbieten kann oder was als Konsequenz von Fehlverhalten zur Verfügung steht. Verhaltensauffällige ADHS'ler können aber mit häufigem Verletzen von Grenzen und mit ihrem Hunger nach Belohnung die Kreativität von Eltern überfordern.

Ein Tipp dazu: Es ist schonmal viel wert, erwünschtes "normales" Verhalten bei ADHS überhaupt spürbar zur Kenntnis zu nehmen und nicht einfach nur als selbstverständlich anzusehen. Also bemerken, kommentieren, loben, wenn ein bisher problematisches Verhalten auch nur anfängt, sich zu normalisieren. Denn für das Kind mit ADHS ist schon dieses Bischen Normalität nur mit großer Anstrengung erreichbar, die wenigstens quittiert werden will.

Was von Motivation und Leistungsfähigkeit im einfachen Computerspiel auf das Alltagsleben übertragbar ist, wäre noch zu erforschen. Motivation und Leistungsfähigkeit zum Einsammeln grüner Aliens sind nach meiner Erfahrung im Alltag an sich eher weniger gefragt.

Zu beachten wären dabei auch die häufig zu beobachtenden negativen Wirkungen von Computerspielen, auch von angeblich "therapeutischen" Spielen: Selten zeigen ADHS- Kinder nach dem Spiel ein durch das Computerspiel verbessertes Verhalten. Da würde ich die Wirkung von Sport und Bewegung in der Natur klar bevorzugen.
sthier
am Dienstag, 20. April 2010, 13:13

Auch ohne diese Studie...

...sollte sich längst herumgesprochen haben, dass leichtere Fälle von ADHS ohne Methylphenidat behandelbar sind und dass der Erziehngsstil in jedem Fall bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung hat. Trotzdem kann Erziehung genausowenig eine ggf. notwendige Medikation ersetzen wie ein Medikament Erziehung ersetzen kann.

Selbstverständlich ist Konsequenz in der Erziehung wichtig, nicht nur für Kinder mit ADHS, für diese aber ganz besonders. Dabei ist und bleibt die Erziehung auch bei Kindern mit ADHS unabhängig davon wichtig, ob bei der Therapie der ADHS Methylphenidat eingesetzt werden muss oder nicht.

Der Artikel hier ist aber leider ein Witz: Man kann doch nicht Erkenntnisse aus EEG-Messungen beim Spielen eines einfachen Computerspiels in dieser Form auf das reale Leben und die reale Erziehungsarbeit übertragen.

Im echten Leben laufen keine grünen und schwarzen Aliens herum und das soziale Umfeld belohnt oder bestraft nicht mit Punkten nd Minuspunkten. Dass für Kinder mit ADHS Belohnung (z.B. Lob) und auch Konsequenz bei Fehlverhalten sehr wichtig sind, und zwar möglichst unmittelbar und sofort, ist kein wirklich neues Forschungsergebnis. Das weiß längst jeder, der mit solchen Kindern erfolgreich arbeitet.

Leider kommt in der Realität, in der das Kind mit seinen Schwierigkeiten nicht nur im Elternhaus, sondern vor allem bei Lehrern und Mitschülern aneckt, das Thema Belohnung meist viel zu kurz. Dafür erfährt es massenhaft Bestrafungen, weniger in Form von direkter, sofortiger und logischer Konsequenz, sondern meist als unüberschaubare Wand aus Ablehnung, Ausgrenzung, Zurechtweisung, Schuldzuweisung, Mobbing, Unverständnis usw.

@adonis: Medikamente sind wenig nahrhaft, als "Futter" taugen sie nichts. Und auch sonst "reicht es" nicht, Tabletten zu geben. Auch trotz Medikament müssen sich in der Summe verschiedene Bezugspersonen sogar mehr als 12 Stunden mit dem Kind auseinandersetzen. Bei schwerem ADHS kann das Medikament aber nach meiner Erfahrung dazu beitragen, dass diese Zuwendung auf fruchtbaren Boden fällt, dass also Erziehung eine Chance bekommt.

Ich denke übrigens, es sind deutlich weniger als 8%, aber egal wie viele, ADHS gefährdet nicht den Fortbestand der menschlichen Spezies.
adonis
am Dienstag, 20. April 2010, 09:00

Unterschied Ritalin und Erziehung?

Bei Ritalin reicht es das Kind mit dem Medikament zu füttern. Zeitaufwand 1 Minute pro Tag.
Bei der Erziehung? Da sind es 12 h am Tag und man muss sich mit dem Kind auseinandersetzten. Wie einfacher ist das Medikament.
Und sind wir ehrlich: Wenn es wirklich 8% der Kinder sind die ADHD haben, dann wären wir schon längst als Spezies ausgestorben!!!

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