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Medizin

Erste Genom-Analyse für die ärztliche Praxis

Freitag, 30. April 2010

Stanford/Kalifornien – Bei stetig sinkenden Kosten wird die Genom-Analyse früher oder später Einzug in die ärztliche Beratung halten, sagen US-Mediziner voraus. Im Lancet (2010; doi: 10.1016/S0140-6736(10)60452-7) haben sie bei einem 40-jährigen Mann eine komplexe Risikoanalyse durchgeführt.

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Im August letzten Jahres hatte Stephen Quake, ein Bioingenieur an der Stanford Universität schon einmal für Schlagzeilen gesorgt. In Nature Biotechnology (2009; 27: 847-52) wurde sein Erbgut vorgestellt, dessen Sequenzierung gerade einmal 50.000 US-Dollar gekostet hatte. Geradezu ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass das Human Genom Project noch 2,7 Milliarden US-Dollar verschlungen hatte. Und die Preise werden weiter sinken, da die Technik weitgehend automatisiert werden kann. Spätestens, wenn die 1.000-Dollar-Grenze für eine Genom-Analyse unterschritten wird, dürften sich Ärzte mit der Frage beschäftigen, ob sie die Informationen sinnvoll für die Beratung ihrer Patienten einsetzen könnten.

Für den Patienten Quake bestand die Frage zunächst darin, ob sich im Genom Antworten auf eine problematische Familienanamnese finden lassen. Ein entfernter Verwandter war im Alter von 19 Jahren an einem plötzlichen Herztod gestorben, und es war bekannt, dass Quake Träger einer Genvariante ist, die auf eine hypertrophe Kardiomyopathie prädisponiert. Im übrigen Genom fanden die Forscher dann tatsächlich weitere Risikogene: Drei Varianten in den Genen TMEM43, DSP und MYBPC3 zeigen ein erhöhtes Risiko auf einen plötzlichen Herztod an. Eine weitere Mutation im LPA-Gen könnte die hohen Lipoprotein-A-Werte des Patienten erklären.

Darüber hinaus entdeckten Euan Ashley von der Stanford Universität und Mitarbeiter eine Mutation im CYP2C19-Gen, die eine Resistenz auf Clopidogrel wahrscheinlich macht. Andere Genvarianten sagen ein gutes Ansprechen einer Therapie mit Statinen voraus, während für den Fall, dass eine orale Antikoagulation notwendig wird, die Anfangsdosierung von Warfarin gering gewählt werden sollte, da die Wirkung des Vitamin-K-Antagonisten durch Varianten in den Genen CYP4F2 und VKORC1 verstärkt wird.

Die Genomanalyse verfeinerte auch die Ergebnisse in zahlreichen klinischen Risikoscores. Das Lebenszeitrisiko auf ein Prostatakarzinom wurde von 16 auf 23 Prozent hochgestuft, während die Gefahr einer Alzheimerkrankheit nur noch 1,4 statt 9 Prozent beträgt. Der Patient wird den Berechnungen zufolge jedoch zu mehr als 50 Prozent an Typ-2-Diabetes und an einer koronaren Herzkrankheit erkranken. Einige der Risiken (Osteoarthritis, Gefäßerkrankungen und plötzlicher Herztod) konnten bereits aus der Familienanamnese abgeleitet werden, andere, wie die Disposition auf eine Eisenüberladung oder Funktionsstörungen von Schilddrüse oder Nebenschilddrüse wurden erst durch die Genomanalyse entdeckt.

Für das US-National Institute of General Medical Sciences, einem Sponsor der Studie, ist damit der Beweis erbracht, dass eine Genom-Analyse im Prinzip einen sinnvollen Beitrag zur medizinischen Beratung leistet. Auch Prof. Heribert Schunkert vom Campus Lübeck, Mitautor des Editorials (Lancet 2010; doi: 10.1016/S0140- 6736(10)60599-5) sieht einen möglichen Nutzen ­- wenn einige offene Fragen geklärt sind. Zu ihnen gehört die Genauigkeit der Sequenzierung.

Bereits kleine Fehler können schnell zu Fehlinterpretationen führen, wenn dabei fälschlicherweise eine Risikovariante angezeigt wird. Geklärt werden müsse in jedem Fall, ob die Informationen die klinische Entscheidung tatsächlich beeinflussen können. Außerdem wenden die Editorialisten ein, dass die Kosten zum möglichen Nutzen für den Patienten in einem vertretbaren Rahmen stehen müssen. © rme/aerzteblatt.de

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