Stanford – Nahrungsmittelallergien sind vermutlich sehr viel seltener, als in der Öffentlichkeit vermutet wird. Die Diagnostik ist unzuverlässig und therapeutische Ansätze nicht evidenzbasiert, heißt es in einem Bericht im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2010; 303: 1848-1856).
Schon bei der genauen Anamnese entpuppen sich viele Nahrungsmittelallergien als Unverträglichkeit. So sind Kopfschmerzen nach dem Weingenuss eher eine Nebenwirkung der Sulfite und keine Nahrungsmittelallergie. Auch eine Laktose-Intoleranz gehört nicht zu den Allergien und schon gar nicht das Sodbrennen nach einem opulenten Mahl.
Auch ein positiver Prick-Test beim Hautarzt oder der Nachweis von spezifischen IgE im Serum sind längst kein Beweis für eine Allergie, berichtet Jennifer Schneider Chafen von der Stanford University School of Medicine.
Die Wahrscheinlichkeit betrage jeweils nur etwa 50 Prozent, dass die verdächtigten Nahrungsmittel für die Beschwerden verantwortlich sind. Beweisen lasse sich dies nur durch einen doppelblinden Expositionsversuch, der zeitaufwendig ist und wegen des Risikos einer anaphylaktischen Reaktion in den meisten Fällen unterlassen wird.
Auch wissenschaftliche Untersuchungen zur Nahrungsmittel-Allergie sind selten, wie die Forscher feststellen mussten, die im Auftrag der National Institute of Health in Medline und drei weiteren Datenbanken nach Studien suchten.
Sie fanden 12.378 Quellen, von denen aber nur 72 die angelegten Qualitätskriterien erfüllten. Darunter war nur eine einzige Studie zur Wirksamkeit einer Eliminationsdiät, die heute ein Standard in der Therapie ist und der sich viele Menschen aus eigenem Antrieb unterziehen.
Die meisten verzichten vermutlich völlig unnötigerweise auf einzelne Nahrungsmittel, denn die Prävalenz der Nahrungsmittelallergie beträgt nach Schätzung der Autoren höchstens 1 bis 2 Prozent und nicht 10 Prozent oder mehr, wie gelegentlich behauptet werde.
Eine Alternative zur Allergenvermeidung könnte eine Immuntherapie sein, bei der das Allergen in steigender Dosis gegeben wird, um eine langfristige Toleranz zu erzeugen. Doch auch dieser Therapieansatz sei bei Nahrungsmittelallergien derzeit nicht ausreichend untersucht, kritisieren die Autoren.
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