Politik

BGH entscheidet über Sterbehilfe-Fall

Dienstag, 1. Juni 2010

Karlsruhe – Über die Sterbehilfe bei einer unheilbar kranken Frau verhandelt am Mittwoch der Bundesgerichtshof (BGH). Sie lag seit einer Hirnblutung 2002 im Koma in einem Pflegeheim in Bad Hersfeld und hatte für einen solchen Fall den Wunsch geäußert, dass die künstliche Ernährung eingestellt wird. 

2006 beauftragten die Kinder der Frau eine auf Medizinrecht spezialisierte Münchener Anwaltskanzlei, das Sterben ihrer Mutter in Würde zu ermöglichen. Die Heimleitung widersetzte sich den Plänen. Auch die Anordnung des Hausarztes zur Einstellung der künstlichen Ernährung der Wachkomapatientin befolgte das Personal nicht. 

Die Heimleiterin schlug später vor, dass sich das Personal um Pflegetätigkeiten kümmern sollte, während die Kinder die Ernährung über die Sonde einstellen und der Mutter im Sterben beistehen sollten. Die Geschäftsleitung des Unternehmens wies die Heimleitung an, die künstliche Ernährung umgehend wieder aufzunehmen. Den Kindern wurde ein Hausverbot für den Fall angedroht, dass sie sich hiermit nicht einverstanden erklären sollten. 

Wolfgang Putz, über dessen Fall am Mittwoch vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe verhandelt wird, gilt als einer der renommiertesten Patientenrecht-Anwälte in Deutschland. Und er wird nun wegen seines umstrittenen Ratschlags, der im vor dem Landgericht Fulda neun Monate Haft auf Bewährung einbrachte, Rechtsgeschichte schreiben. Der BGH kündigte in dem Revisionsverfahren ein Grundsatzurteil zum Behandlungsabbruch in Fällen wie diesem an.

Auf Anraten von Putz durchtrennten die Kinder den Schlauch der Sonde, mit der die Frau ernährt wurde. Die Heimleitung schaltete die Polizei ein, und auf Anordnung eines Staatsanwalts wurde der Frau gegen den Willen ihrer Kinder in einem Krankenhaus eine neue Sonde gelegt. Zwei Wochen später starb die Frau auf Grund ihrer Erkrankungen eines natürlichen Todes. 

Das Schwurgericht Fulda verurteilte den Anwalt der Kinder wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung, die Tochter wurde freigesprochen, weil sie angesichts des Rechtsrats des Anwalts ohne Schuld gehandelt habe. Sowohl der Jurist als auch die Staatsanwaltschaft legten Revision beim BGH ein. Ob die Richter am Mittwoch ein Urteil fällen, ist völlig offen. 

Die Deutsche Hospiz Stiftung warf dem Anwalt am Dienstag in Berlin „Wild-West-Methoden“ vor. Wachkomapatienten seien ebenso wenig Sterbende wie Demente. Sie hätten ein Recht auf umfassende Versorgung und Pflege. Die Karlsruher Richter hätten eine weitreichende Entscheidung zu treffen. Die entscheidenden Fragen müsse lauten, woher man wissen könne, ob die Frau wirklich sterben wollte. © kna/afp/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

05.12.16
Zürich – Die Zahl der Fälle von Beihilfe zur Selbsttötung in der Schweiz ist einem Zeitungsbericht zufolge angestiegen. 2015 hätten 999 Menschen mit Schweizer Wohnsitz einen begleiteten Suizid......
28.11.16
Palliativmedizin: Sterbewünsche im Alter richtig deuten
Berlin – Was meinen schwerkranke Menschen, wenn sie sagen, dass sie sterben wollen? Mit dieser Frage haben sich Schweizer Ärzte und Ethiker in einer zehnjährigen Studie auseinandergesetzt. Noch......
23.11.16
Paris – 80 Prozent der Franzosen befürworten einer Umfrage zufolge aktive Sterbehilfe. Zugleich herrscht im Land jedoch Unkenntnis über bestehende Regelungen. Das geht aus einer gestern......
17.11.16
Brüssel – Eine Gruppe von Bioethik-Experten kritisiert den Anstieg von Sterbehilfefällen kranker älterer Menschen. Es sei nicht immer klar, ob es einen Kausalzusammenhang zwischen einem unheilbaren......
16.11.16
Marseille – Eltern einer kranken Tochter in Südfrankreich klagen auf die Weiterbehandlung des Mädchens. Zuvor hatte ein Ärzteteam aus Marseille entschieden, die Behandlung des Mädchens abzubrechen,......
02.11.16
Karlsruhe – Professionelle Hilfe beim Sterben – was die einen für ethisch geboten halten, lehnen andere ab. Jetzt liegt das vor einem Jahr verabschiedete Gesetz in Karlsruhe. Beim......
20.10.16
Brüssel – In Belgien gibt es immer mehr Fälle aktiver Sterbehilfe. Zwischen 2012 und 2015 stieg die Zahl um 22 Prozent, wie das Europäische Institut für Bioethik in Brüssel mitteilte. Insgesamt nahmen......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige