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H1N1: WHO weist Vorwürfe zu Interessenkonflikten zurück

Donnerstag, 10. Juni 2010

Genf/London – Die Generaldirektorin der Welt­gesund­heitsorganisation (WHO), Margaret Chan, ist in einem offenen Brief an das Britische Ärzteblatt (BMJ) dem Vorwurf entgegen­getreten, finanzielle Interessen ihrer Berater hätten die vor einem Jahr getroffene Entscheidung, die H1N1-Epidemie zu einer globalen Bedrohung zu erklären beeinflusst. Anlass war eine Recherche britischer Journalisten, welche die WHO mit – eigentlich bekannten – Interessenkonflikten ihrer Berater konfrontiert.

Seit einigen Jahren ist es üblich, dass Wissenschaftler in medizinischen Publikationen ihre finanziellen Beziehungen zur Pharmaindustrie offenlegen. Die meisten Forscher machen auch auf öffentlichen Veranstaltungen keinen Hehl daraus, dass sie sich ihre Tätigkeit als Redner oder Berater bezahlen lassen.

So fiel es Deborah Cohen und Philip Carter vom Bureau of Investigative Journalism in London nicht schwer, nachzuweisen, dass drei WHO-Berater, die maßgeblich an einer 2004 publizierten WHO-Leitlinie zum Einsatz von Impfstoffen und Medikamenten im Fall einer Grippepandemie mitgearbeitet hatten, für die Hersteller der beiden wichtigsten Grippemedikamente Tamiflu® und Relenza®, nämlich Roche und GlaxoSmithKline, tätig gewesen sind. Der Einsatz dieser Medikamente wurde in der Leitlinie positiv bewertet (BMJ 2010; 340: c2912).

Frederick Hayden, ein allseits respektierter US-Virologe, hatte auf eine Pressekonferenz im letzten Jahr erklärt, das er Gelder von Roche erhalten hat. Karl Nicholson von der Uni Leicester hatte 2003 in einer Publikation mögliche Interessenkonflikte mit Roche und GlaxoSmithKline angegeben. Und der dritte Berater, Arnold Monto von der Universität Ann Arbor in Michigan hatte noch 2004, also im Jahr der Publikation seine “professionelle Beziehung” zu Roche öffentlich gemacht.

Die beiden Journalisten haben für ihren ausführlichen Bericht weitere Verbindungen von WHO-Beratern zur Industrie recherchiert – und die Wissenschaftler damit konfrontiert. Keiner dementierte sie. Nur die WHO scheint aus der ganzen Sache ein Geheimnis zu machen. In der Leitlinie fehlten Hinweise auf Interessenkonflikte.

Vor genau einem Jahr trat nun der Eventualfall ein: Am 11. Juni 2009 verkündete die WHO die höchste Warnstufe 6 und erklärte die “Schweinegrippe” zur Pandemie. In der Folge stockten die meisten Regierungen, die sich dies leisten konnten, ihre Vorräte an Tamiflu® und Relenza® auf und bestellten eine der eilig entwickelten Impfstoffe. Heute nähern sich die Grippemedikamente ihrem Verfallsdatum und für die georderten Impfstoffe werden vergeblich Abnehmer gesucht.

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In dieser Situation wird die Unabhängigkeit der WHO-Berater vermehrt infrage gestellt, und die WHO geriet in die Kritik. Im März veröffentlichte Paul Flynn, ein britischer Abgeordneter des Europa-Parlaments ein Memorandum, in dem er Anschuldigungen erhob.

Im April startete die WHO eine Untersuchungskommission, welche die Entscheidungen des Sommers 2009 zum Gegenstand hat. Vor deren Abschlussbericht will die WHO-Leiterin Chan allerdings keine Informationen über die Zusammensetzung des Notfallkomitees machen, das sie im letzten Jahr bei ihrer Entscheidung beraten hat.

Dies sei eine “protektive” Maßnahme und nicht der Versuch, etwas zu verschleiern, schreibt sie in dem offenen Brief. Den Vorwurf, damals die Situation dramatisiert zu haben, wies sie entschieden zurück. Man habe nach den vorliegenden Fakten entschieden und auch darauf hingewiesen, dass die meisten Erkrankungen milde verlaufen.

Das Britische Ärzteblatt hält der WHO zugute, dass es damals nicht wissen konnte, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. Wäre es im Winter 2009/2010 zu einer größeren Zahl von Todesopfern gekommen, wäre die WHO heute möglicherweise von einer anderen Seite aus in die Kritik geraten (BMJ 2010; 340: c2947). © rme/aerzteblatt.de

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adonis
am Freitag, 11. Juni 2010, 09:28

Interessenskonflikte?

Das ist immer sehr schwierig zu beurteilen. Wenn man für Vorträge von der Pharmaindustrie ein angemessenes Honorar ( damit meine ich nicht 100.000 Dollar für einen 30 Minuten Vortrag) bekommt, dann ist das vollkommen in Ordnung. Und es ist kaum von einem Interessenskonflikt zu sprechen, da man auch nicht vergessen sollte, dass die Pharmaindustrie eine ganze Menge Fortbildungen sponsert. Will man das generell nicht haben, dann sollten sich staatliche Stellen überlegen, wo das Geld für die Weiterbildungen her kommen sollte. Allerdings gibt es sicherlich auch Dimensionen in der Vergütung, die den Verdacht der Einflussnahme der Pharmaindustrie auf Empfehlungen nahelegen.
Gleichsam möchte ich aber auch auf die Verflechtungen von Politik mit Unternehmen z. B. Parteispenden oder gezielte finanzielle Unterstützung einzelner Politiker oder deren Unternehmen hinweisen. Aufsichtsratspöstchen von Politikern usw. Genauso wie Richter evt Gutachten mit Interessenskonflikten schreiben, die auch mit Vergütungen bedacht werden, die eigentlich über den Aufwand und Sinn hinausgehen.
Also leider kein Einzelfallproblem, obwohl man sich den Einzelfall ansehen muss. Wieviel Geld ist geflossen für welchen Aufwand. Generelle Unterstellungen über Bestechung und Einflussnahme halte ich für ungerecht. Man sollte aber im Einzelfall hinsehen, wie die Vergütung ausfällt. Stehen Aufwand und Leistung in einer vernünftigen Relation.
Dem Ablauf der Schweinegrippe und dessen Hantieren hat es leider sehr geschadet und man wird sich das nächste Mal wohl anders verhalten. Ob das allerdings besser ist wage ich zu bezweifeln. Sind wir froh, dass das mit der Schweinegrippe noch glimpflich abgegangen ist.

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