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Vor zehn Jahren wurde das Erbgut des Menschen entschlüsselt

Donnerstag, 24. Juni 2010

Washington – Es war eine Weltsensation, als vor zehn Jahren zum ersten Mal das Erbgut des Menschen entschlüsselt wurde.

Die Menschheit werde „eine neue, gewaltige Macht“ erhalten, Krankheiten zu heilen, verkündete der damalige US-Präsident Bill Clinton am 26. Juni 2000 den Durchbruch.

Die Gen-Medizin werde „die Diagnostik, die Vorbeugung und die Behandlung der meisten, wenn nicht aller Krankheiten revolutionieren“. Doch ein Jahrzehnt später zeigt sich, dass die erhoffte Revolution langwieriger ist als erwartet.

Erbittert hatten sich seit den 90er Jahren zwei Rivalen einen Wettlauf um die Entschlüsselung des Erbgutes geliefert: das aus staatlichen Mitteln finanzierte internationale Humangenomprojekt (HGP) und die Privatfirma Celera Genommen unter der Führung des US-Biochemikers Craig Venter.

Am Ende wurden beide praktisch zeitgleich fertig und konnten im Juni 2000 einen ersten Rohentwurf der Abfolge der Basenpaare im menschlichen Genom vorstellen. In den darauffolgenden Jahren wurde er dann weiter verfeinert.

Dutzende Milliarden wurden seither in die Genforschung gesteckt. Doch noch ist das erhoffte goldene Zeitalter der Medizin nicht angebrochen. Die Kenntnis des Genoms habe „noch keine direkte Wirkung auf die medizinische Behandlungen für den Großteil der Menschen“ entfaltet, räumte Francis Collins, Leiter des staatlichen US-Gesundheitsinstituts NIH, jüngst in der Fachzeitschrift "Nature" ein. „Die medizinischen Anwendungen bleiben bis heute bescheiden, auch wenn es mehrere große Fortschritte gab.“

Zu den Erfolgen zählt Collins, der damals das Humangenomprojekt führte, bestimmte Behandlungen gegen Krebs, die auf zentrale Funktionen des Tumors zielen. Darüber hinaus gibt es nun Gentests, die entscheiden helfen, ob krebskranke Frauen auf eine Chemotherapie ansprechen – oder Untersuchungen, die vorhersagen, wie Patienten aufgrund ihrer Erbanlagen auf eine bestimmte Medikamentengruppe reagieren. Ein Erbguttest, der eine Anfälligkeit für Herzkrankheiten vorhersagen sollte, hat dagegen nicht überzeugen können.

Etwa ein Zehntel der heute zur Zulassung vorgelegten Medikamente basierten auf pharmazeutisch eingesetzten Erbgut-Informationen, schrieb Margarett Hamburg, Chefin der US-Medikamentenbehörde FDA, im Juni im „New England Journal of Medicine“. Das sei „aber nicht die Grenze des Potenzials einer personalisierten Medizin“ - also Behandlungen, die Besonderheiten im Erbgut einzelner Menschen oder Gruppen berücksichtigen.

Collins sagt den eigentlichen Start einer „personalisierten Medizin“ in drei bis vier Jahren voraus, wenn "bisher noch versteckte Teile des Genoms, in denen sich die Gene der Vererbung verbergen", entdeckt würden. Doch viele Forscher sind inzwischen skeptisch: In einer Befragung von 1.000 Wissenschaftlern durch "Nature" diese Woche gab der Großteil an, dass die erhoffte „Revolution“ in der Medizin wohl noch mehrere Jahrzehnte auf sich warten lassen werde.

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Immerhin hat die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts schon geholfen, einen genaueren Blick auf die Vergangenheit des Menschen zu werfen. Forscher haben inzwischen weltweit das Erbgut tausender Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden der Welt untersucht.

Wissenschaftler fanden dabei unter anderem heraus, dass die genetische Vielfalt in Afrika höher ist als auf jedem anderen Kontinent. Sie konnten den Ursprung des modernen Menschen in einer Region zwischen Südafrika und Namibia bestätigen. Und ein Gen-Vergleich zeigte, dass frühe moderne Menschen sich mit dem Neandertaler vermischt haben.

Große Fortschritte in Biologie wie auch Medizin werden nun durch die gesunkenen Kosten der kompletten Erbgutanalyse erwartet. Das Humangenomprojekt kostete noch drei Milliarden Dollar (heute 2,4 Milliarden Euro). Inzwischen bieten Unternehmen die Entschlüsselung bereits für 5.000 bis 6.000 Dollar pro Mensch an – sie brauchen dafür auch nicht mehr Jahre, sondern nur noch einen Tag. © afp/aerzteblatt.de

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