Wissenschaftler-Streit: Stammzellen nur Fibroblasten?
Donnerstag, 24. Juni 2010
dpa
Münster – Handelt es sich bei den Stammzellen, die Anatomen der Universität Tübingen vor zwei Jahren im Hoden entdeckt haben wollen, nur um einfache Bindegewebszellen? Dies behaupten Stammzellforscher aus Münster. Die Tübinger Arbeitsgruppe weist alle Vorwürfe zurück.
Die Studie von Thomas Skutella und Mitarbeitern vom Zentrum für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin in Tübingen hatte international für Aufsehen gesorgt. Die Forscher hatten mitgeteilt, dass sie Spermatogonien aus dem Hodengewebe von Erwachsenen in pluripotente Stammzellen reprogrammiert hätten (Nature 2010; 456: 344-349).
Danach sei es ihnen gelungen, die Stammzellen in Zellen aller drei Keimblätter zu differenzieren. Damit stünde im Prinzip ein ethisch unbedenklicher Ersatz für embryonale Stammzellen zur Verfügung, mit denen Forscher in Deutschland nicht experimentieren dürfen.
Das ist bisher nicht geschehen. Und das Team von Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster bezweifelt, dass die Tübinger Kollegen tatsächlich Stammzellen hergestellt haben. Aufgrund eigener Studien in Nature (2010; doi: 10.1038/nature09089) kommen sie zu dem Schluss, dass die Tübinger Zellen gar nicht pluripotent sind. Es handele sich aller Wahrscheinlichkeit nach um schlichte Bindegewebszellen, schreiben sie.
Der Streit scheint schon einige Zeit zu kochen. Schöler wirft Skutella vor, er habe sich mehrfach geweigert, anderen Forschern, darunter auch ihm, eine Probe der Zellen zur Verfügung zu stellen. Seit Anfang Januar 2009 sei Skutella auch von Nature mehrfach dazu aufgefordert worden. Die Publikationsbedingungen von Nature verpflichten zur Weitergabe von Untersuchungsmaterialien.
Schöler wird hier auch durch den Zellbiologen Albrecht Müller von der Universität Würzburg unterstützt, der die Haltung der Tübinger Arbeitsgruppe in einer Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts als “untragbar” bezeichnete.
Das Team um Skutella entgegnet in Nature (2010; doi: 10.1038/nature09090), die Münsteraner Forscher hätten sich bei ihren Experimenten nicht exakt an seine Versuchsanordnung gehalten. Er kündigte allerdings an, Schöler Proben der Stammzellen zur Verfügung zu stellen. Man arbeite gerade daran, diese in ausreichender Menge herzustellen.
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