Medizin

Lungenkrebs: Palliative Pflege kann das Leben verlängern

Donnerstag, 19. August 2010

Boston – Eine frühzeitig begonnene palliative Therapie hat in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (2010; 363: 733-742) bei Patienten mit nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) nicht nur die Lebensqualität verbessert. Auch die Überlebenszeiten wurden um mehrere Wochen verlängert.

Das NSCLC zählt zu den aggressivsten Krebserkrankungen und nach dem Auftreten von Metastasen sind die Möglichkeiten von Radio- und/oder Chemotherapie begrenzt. Im günstigsten Fall wird eine Lebensverlängerung um weniger Wochen erzielt. Von einer palliativen Behandlung würde man einen derartigen Effekt nicht erwarten, weshalb die Ergebnissee der Studie von Jennifer Temel vom Massachusetts General Hospital in Boston und Mitarbeiter bemerkenswert sind.

Die Studie umfasste 151 Patienten, bei denen die Diagnose eines metastasierten NSLCL nicht länger als 8 Wochen zurücklag. Alle Patienten erhielten die vorgesehene onkologische Therapie. Der Hälfte wurde von Anfang an zusätzlich eine integrierte palliative Betreuung angeboten.

Diese Patienten trafen sich monatlich mit einem professionellen palliativen Team, das sich aus einem Facharzt für Palliativmedizin und einer Krankenschwester zusammensetzte. Dabei wurde nach Möglichkeiten zur Behandlung der psychischen und körperlichen Beschwerden gesucht. Eine solche begleitende Therapie hat sich in den USA in vielen Zentren etabliert und ihr Wert für die Lebensqualität der Patienten ist nicht mehr umstritten.

Auch in der Studie kam es zu einer Verbesserung gleich in mehreren Fragebögen zur Lebensqualität. Ebenso gingen die depressiven Symptome der Patienten zurück, übrigens ohne dass den Patienten vermehrt Antidepressiva verschrieben wurden. Die Patienten unterzeichneten häufiger Patientenverfügungen, und sie erhielten auch seltener am Lebensende noch eine aggressive Chemotherapie.

Wiederbelebung und aggressive Chemotherapie sind aus medizinischer Sicht am Lebensende oft unnötig, doch die Hoffnung, dass sie vielleicht das Leben um einige Tage verlängern werden, ist weit verbreitet. Umso überraschender ist der Befund, dass die Patienten unter der integrierten palliativen Betreuung um 2,7 Monate länger lebten (11,6 vs. 8,9 Monate).

Auf eine ähnlich lange lebensverlängernde Wirkung stützen sich heute die Zulassungsanträge für viele, oft kostspielige Krebsmedikamente. Dass die vermutlich günstigere palliative Therapie eine ähnliche Wirkung erzielt, gibt den Editorialistinnen Amy Kelley und Diane Meier von der Mount Sinai School of Medicine in New York zu denken.

Da die Angaben zu palliativen Therapie in der Publikation nicht sehr detailliert ausfallen, sei aber unklar, welcher Aspekt der palliativen Therapie für diese Lebensverlängerung verantwortlich sei. Ist es die bessere Behandlung der Depression (auch ohne den vermehrten Einsatz von Antidepressiva), ist es die bessere Symptomkontrolle oder auch die Vermeidung von unnötigen Klinikaufenthalten, oder sollte die palliative Therapie durch die Neubestimmung der Therapieziele den Lebensmut der Patienten erhöht haben? Weitere Studien zu diesen Fragen dürften folgen. © rme/aerzteblatt.de

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