Politik

Diskussion um Hygienestandards in Kliniken

Mittwoch, 25. August 2010

Berlin/Düsseldorf/Hannover – In der Debatte nach dem Tod von Säuglingen an der Uniklinik Mainz, die bakterienverseuchte Infusionen erhalten hatten, hat sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) für bundeseinheitliche Hygienevorschriften ausgesprochen. „Die Krankenhäuser sind offen für die Diskussion über bundeseinheitliche Regelungen zu Infektionsvermeidungen“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Auch die jetzt diskutierte gesetzliche Verpflichtung zur Vorhaltung von Hygienefachpersonal oder gesetzliche Vorgaben für allgemeine MRSA-Screenings könnten Bestandteile einer zukünftigen Neureglung sein. „Unabdingbar ist hierbei jedoch die volle Refinanzierung der dadurch entstehenden Mehrkosten“, so Baum. Gleichzeitig müsse der massive Rationalisierungsdruck, der seit Jahren auf den Kliniken laste, endlich beendet werden.

Zuvor hatte sich bereits Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) für bundesweit einheitliche Regelungen zum Infektionsschutz ausgesprochen. „Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) nimmt das Thema sehr ernst“, erklärte am Mittwoch ein Sprecher vor der Bundespressekonferenz.

Rösler wolle es beim nächsten Treffen der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder im Herbst erörtern; dies hätten die Länder bereits begrüßt. Welche Veränderungen Rösler konkret anstoßen möchte, ob also in Zukunft beispielsweise in jeder Klinik Hygienebeauftragte eingesetzt werden sollen, ließ der Sprecher offen. Gewünscht sei aber, dass die Standards, die das Robert-Koch-Institut vorgebe, in den Bundesländern einheitlicher als bisher umgesetzt würden, sagte er.

Unterdessen hat die Ärztegewerkschaft Marburger Bund Konsequenzen aus den Vorfällen an der Mainzer Uniklinik gefordert. „In jedem Krankenhaus sollte es einen Hygieneplan, eine Hygienekommission und einen Hygienebeauftragten geben“, sagte der Chef des Marburger Bundes, Rudolf Henke, der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post vom Mitwoch. Die Kliniken müssten dafür Personal aufstocken. In keiner anderen Industrienation sei die Personalausstattung pro Patient so gering wie in Deutschland, kritisierte Henke.

Die Bundesärztekammer erklärte, Deutschland verfüge „grundsätzlich über wirksame Instrumente für einen guten Infektionsschutz.“ Allerdings seien die Bundesländer gefordert, die nötigen finanziellen Mittel für spezielles Hygienepersonal zur Verfügung zu stellen.

Der Verband der Krankenhausbetreiber zeigte sich grundsätzlich „offen“ für eine Debatte um eine bundeseinheitliche Regelung zur Infektionsvermeidung.

Auch die KKH-Allianz fordert bundeseinheitliche Hygienestandards. „Wir brauchen dringend bundesweit verbindliche Vorschriften, um das Risiko unnötiger Fehler und damit Gefahr für Leib und Leben bestmöglich zu minimieren“, sagte Ingo Kailuweit, Vorstandschef der KKH-Allianz. Dazu müssten auch gesetzliche Standards zur Krankenhaushygiene zählen.

Dagegen bezweifelt der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), dass bundesweite Vorschriften die Situation verbessern würden. Das Verfahren zur patientenindividuellen Herstellung von Parenteralia sei sicher. Gravierende Zwischenfälle wie an der Uniklinik Mainz gibt es laut ADKA äußerst selten. © Rie/hil/ddp/aerzteblatt.de

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promisit
am Donnerstag, 26. August 2010, 08:28

Solange noch...

Solange noch jede Klinikleitung nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen "Hygiene macht", wird sich nicht viel ändern. Die bestehenden Hygiene-Vorgaben des Robert-Koch-Institut gibt es seit 1977. Diese wurden laufend kritisiert und aufgeweicht. Diese müssten nur konsequent eingehalten werden. Die Hygiene in deutschen Kliniken wäre sicher. Momentan wird jede Hygienemassnahme vor Einführung auf Kostenrelevanz geprüft und je nach Kosten entschieden. Es muss wenig, aber gut qualifiziertes Personal in den Kliniken eingesetzt werden, das aber auch die Weisungskompetenzen hat, die Hygieneforderungen umzusetzen. Klinisches Fachpersonal muss weisungsbefugt unabhängig und direkt den Klinikleitungen oder den zuständigen Gesundheitsämtern unterstellt sein. Hygiene in den Kliniken darf auch nicht Spielball der Politik der unterschiedlichsten Interessengruppen in den Kliniken bleiben. Erstaunlich, dass 850.000 jährlich in deutschen Kliniken wegen mangelnder Hygiene betroffene Patienten keinen Eindruck hinterlassen. Die 10.000 Tote nach Infektion jährlich können dies leider nicht mehr selbst tun. Wo fühlen die Verantwortlichen denn ihre Verantwortung ?
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