Politik

Diskussion um Organspende neu entfacht

Montag, 30. August 2010

Bonn – Die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier an seine Frau führt zu einer neuen Debatte über die Transplantationsmedizin in Deutschland. Dabei zeigte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, am Montag deutliche Vorbehalte gegen Gesetzesänderungen wie die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung.

Jeder Mensch habe das Recht, sich mit seinem Lebensende nicht zu befassen, sagte der Ärztefunktionär dem Berliner Tagesspiegel. Schon die Debatte über eine Gesetzesverschärfung verstärke das Misstrauen der Bürger gegen die Transplantationsmedizin. „Sie macht mehr kaputt, als sie an Nutzen bringt.“

Derzeit gilt in Deutschland eine „erweiterte Zustimmungslösung“. Dabei dürfen Organe nur entnommen werden, wenn der Betroffene vorab ausdrücklich zugestimmt hat oder die Angehörigen Ja zu einer Entnahme sagen. Unionspolitiker hatten sich am Wochenende für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen.

Dabei gilt jeder Bürger als potenzieller Spender, der nicht ausdrücklich einer Organentnahme widersprochen hat. Im Mai hatte sich auch der Deutsche Ärztetag überraschenderweise für eine solche Widerspruchslösung ausgesprochen. Hintergrund ist die seit Jahren auf niedrigem Niveau verharrende Rate an Organspenden in Deutschland. 

Der Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss, Rolf Koschorrek (CDU), hatte am Wochenende angekündigt, für die Widerspruchsregelung zu kämpfen. Dies sei „eine Möglichkeit, die Versorgung mit Spenderorganen hierzulande entscheidend zu verbessern“, sagte er der Welt am Sonntag.

Auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), sagte der Zeitung: „In Anbetracht des Mangels an Spenderorganen muss über alle Möglichkeiten offen diskutiert werden, die zu einer Verbesserung der Situation führen.“ 

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) äußerte sich zurückhaltend. „Ich halte nichts von Zwang“, sagte Rösler der Welt am Sonntag. Damit entkräfte man Vorbehalte nicht, sondern baue emotionale Hürden auf. „Die Überzeugung, anderen zu helfen, ist der stärkste Beweggrund für die Organspende“, sagte Rösler. „Das kann nur freiwillig gehen.“

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Jens Spahn (CDU), bezeichnete die Forderung Koschorreks am Montag ebenfalls als zu weitgehend. Allerdings forderte der CDU-Politiker, „dass man jeden Erwachsenen mindestens einmal im Leben mit dem Thema konfrontieren muss“.

Ein guter Zeitpunkt dafür wäre aus seiner Sicht der Führerscheinerwerb, bei dem man ein Formular für einen Spendenausweis erhalten solle. Im Idealfall könne die Bereitschaft zur Organspende dann gleich auf diesem Dokument vermerkt werden. 

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) plädierte in der Tageszeitung Die Welt dafür, offen über die Widerspruchsregelung zu diskutieren. „Jahr für Jahr sterben Menschen, die vergeblich auf Organspenden warten. Es ist gut, dass offen darüber diskutiert wird, wie die Situation verbessert werden kann“, sagte sie. 

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, sprach sich für eine fraktionsübergreifende Initiative zur Reform des Transplantationsgesetzes aus. Angesichts des eklatanten Organmangels in Deutschland müsse eine Regelung gefunden werden, die die Organspende zur Regel mache und nur bei ausdrücklichem Widerspruch zu unterlassen sei. „Ich halte das ethisch für geboten“, sagte Lauterbach dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Der SPD-Politiker betonte, dass es zur der Problematik innerhalb aller Bundestagsfraktionen unterschiedliche Auffassungen gebe. Es handele sich nicht um eine parteipolitische Frage. Daher solle der Bundestag, ähnlich wie in den Debatten zur Stammzellforschung und der Patientenverfügung, ohne Fraktionszwang abstimmen. 

2009 spendeten bundesweit 1.217 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe. Die Zahl der Organspender pro eine Million Einwohner betrug 14,9; im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im unteren Mittelfeld. Die Zahl der Transplantationen bundesweit betrug 4.050.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten derzeit rund 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Schätzungsweise 1.000 Patienten sterben Jahr für Jahr, während sie noch auf eine Transplantation hoffen. © kna/aerzteblatt.de

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Thelber
am Montag, 30. August 2010, 15:18

Auf jedem Personalausweis wäre Platz ....

... für eine Zeile mit Kreuz !
- ich bin Organspender
- Ich bin kein Organspender
promisit
am Montag, 30. August 2010, 14:48

Gequake

Es quakten die Frösche im Teich
und jeder produzierte seinen Laich
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