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Medizin

Zucker kann Schmerzen bei Babys nicht lindern

Montag, 6. September 2010

London – Hirnforscher bezweifeln, dass eine Zuckerlösung bei Säuglingen eine analgetische Wirkung entfaltet. In einer kleinen randomisierten klinischen Studie im Lancet (2010; doi: 10.1016/S0140-6736(10)61303-7) blieben die erwarteten evozierten Potenziale in der Elektroenzephalographie (EEG) aus.

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Die Erfassung von Schmerzreaktionen bei Neugeborenen ist nicht einfach, da die Kinder sich abgesehen vom Schreien nicht verbal mitteilen können. Körperliche Unruhe und eine Veränderung in der Mimik liefern jedoch wichtige Hinweise.

Der zur Schmerzerfassung bei Frühgeborenen entwickelte PIPP (Premature infant pain profile) erfasst außerdem die Veränderung der Herzrate und die Sauerstoffsättigung. Wenn den Kindern vor einem schmerzhaften Eingriff, etwa der Blutentnahme aus der Ferse, eine Zuckerlösung verabreicht wird, ist die Reaktion im PIPP oft vermindert.

Dies war auch in einer kleinen randomisierten klinischen Studie der Fall, die Rebeccah Slater und Mitarbeiter vom University College London an 59 Neugeborenen durchgeführt haben. Die Kinder hatten vor der Fersenblutentnahme entweder 0,5 ml einer 24-prozentigen Saccharoselösung oder 0,5 ml sterilisiertes Wasser erhalten.

Das Zuckerwasser verminderte den PIPP-Anstieg (auf 5,8 gegenüber 8,5) und auch die Mimik der Neugeborenen änderte sich nach Gabe der Saccharoselösung niemals (0 von 24 Kindern), während in der Vergleichsgruppe 7 von 20 Kindern eine Reaktion zeigten.

Dennoch glaubt Slater nicht, dass die Zuckerlösung die Schmerzen gelindert hat. Ihre Skepsis stützt sich dabei auf die Auswertung des EEG bei den Kindern. Hier kommt es nach einem Schmerzreiz normalerweise zu sogenannten evozierten Potenzialen. Dies war auch bei den untersuchten Säuglingen der Fall.

Allerdings gab es hier keine Unterschiede zwischen den Kindern, die eine Zuckerlösung erhalten und jenen, die keine Zuckerlösung erhalten hatten. Für Slater sind die Veränderungen in Mimik und im PIPP auf andere Wirkungen der Zuckerlösung zurückzuführen. Sie findet, dass Zuckerlösungen ohne weitere Forschungen bei Neugeborenen nicht routinemäßig verwendet werden sollten.

Damit dürfte die Grundlagenforscherin bei den meisten klinisch tätigen Ärzten und dem Pflegepersonal auf taube Ohren stoßen. Die intuitive Reaktion auf die Äußerungen der Neugeborenen dürfte stärker sein, als die Befunde einer neurologischen Untersuchung, die außerhalb des wissenschaftlichen Experiments nicht durchgeführt wird.

Und da die Zuckerlösung, solange sie nicht regelmäßig verabreicht wird, auch bei Diabetologen nicht auf Vorbehalte stößt, gibt es keinen Grund darauf zu verzichten. Auch die Kommentatoren Robert Lasky, Houston, und Wim van Drongelen, Chicago, bezweifeln, dass sich aus einer derart kleinen Studie verlässliche Empfehlungen ableiten lassen. Sie räumen allerdings ein, dass die evozierten Potenziale ein wichtiger und innovativer Beitrag zur Erforschung von Schmerzreaktionen von Neugeborenen sind (Lancet 2010; doi: 10.1016/S0140- 6736(10)61358-X). © rme/aerzteblatt.de

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