Medizin

Pilz-Halluzinogen nimmt Krebskranken Angst und Depressionen

Dienstag, 7. September 2010

Los Angeles – US-Psychiater sehen in dem Halluzinogen Psilocybin ein wirksames Mittel, um Krebspatienten in der existenziellen Krise im Endstadium der Erkrankung zu helfen. In einer Pilotstudie in den Archives of General Psychiatry (2010. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2010.116) hat sich die Therapie sicher erwiesen. Die einmalige Einnahme der Droge löste Angst und Depressionen über mehrere Monate.

Psilocybin ist ein Alkaloid, das natürlicherweise in einigen Pilzen enthalten ist, deren Verzehr eine halluzinogene Wirkung hat, die jener von LSD ähnlich sein soll. Dessen Erfinder, der Schweizer Chemiker Albert Hofmann hat Psilocybin 1959 aus mexikanischen sogenannten Rauschpilzen extrahiert.

Zuvor hatte der US-Banker und Hobby-Mykologen R. Gordon Wasson in der Illustrierten Life noch frei über seine Erfahrungen beim Verzehr von Magic Mushrooms berichten. Heute würde er vermutlich eine Verhaftung riskieren. In den meisten Ländern, wie auch in Deutschland gehört Psilocybin (wie auch LSD) zu den nicht verkehrsfähigen Stoffen. Eine Anwendung auch zu medizinischen Zwecken ist nicht erlaubt.

Dabei hatte es nach der Entdeckung nicht an Versuchen gefehlt, dem psychotropen Wirkstoff eine sinnvolle medizinische Indikation zuzuordnen. Auch bei Krebspatienten wurde es erprobt. Psilocybin schien besser verträglich zu sein als LSD, dessen Konsumenten häufiger zu Panikreaktionen und zu paranoiden Wahnvorstellungen neigen, während Psilocybin eher emotional positive visuelle Halluzinationen erzeugte, so die damaligen Quellen.

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Dann kam die Zeit der psychedelischen Jugendbewegung und die erschreckte ältere Generation verbot die Droge. Das hat für 35 Jahre auch eine wissenschaftliche Forschung verhindert. Erst vor kurzem haben zwei Zentren an der Johns Hopkins Universität in Baltimore und am Los Angeles Biomedical Research Institute (LA BioMed) in Torrance bei Los Angeles die klinische Forschung an Krebspatienten wieder aufgenommen.

Charles Grob vom LA BioMed stellt jetzt erste Ergebnisse einer Doppelblindstudie vor. Es nahmen 12 jüngere Patienten (Alter 36 bis 58 Jahre) teil, die im Endstadium ihrer Krebserkrankung eine Angststörung entwickelt hatten. Sie wurden im Cross-Over-Design einmal mit Psilocybin und einmal mit Placebo behandelt.

Die Applikation fand im Abstand von mehreren Wochen in einem Zimmer statt, das die Forscher mit Blumen und Tüchern dekoriert hatten um eine möglichst angenehme Umgebung zu schaffen (siehe Video). Das Placebo enthielt übrigens Niacin. Das Flushing, das Niacin auslöst ist eine reine Gefäßreaktion. Sie sollte verhindern, dass die Patienten erraten, ob sie ein Placebo oder den Wirkstoff erhalten hatten.

Nach der Applikation blieben die Teilnehmer im Bett liegen, bis die halluzinogene Wirkung wieder abgeflaut war. Während dieser Zeit wurden Herzrate und Blutdruck überwacht. Ein Ziel der Pilotstudie war die Sicherheit der Anwendung. Es kam zwar zu dem erwarteten Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz, kardial bedeutende Komplikationen traten jedoch nicht auf.

Die psychologischen Auswirkungen der Drogenexposition wurden mit dem Beck Depression Inventory (BDI), dem Profile of Mood States (POMS) und dem State-Trait Anxiety Inventory (STAI) gemessen. Alle drei Tests zeigten eine Verbesserung von Depressionen, Stimmungslage und Angst an, zu der es in den zwei Wochen nach der Psilocybin-Gabe im Vergleich zu Placebo kam.

Die Wirkungen auf die Angstzustände und die Depression hielten auch nach dem Ende der Studie weiter an. Kein Patient erlebte die halluzinogene Wirkung von Psilocybin als einen “Bad Trip” versichert Grob, der wie auch seine Kollegen in Baltimore die Therapie, bei allen Beschränkungen einer Pilotstudie mit einer geringen Teilnehmerzahl als sicher betrachtet. Das ist aber sicherlich nicht auf den Verzehr von halluzinogene Pilzen im Selbstversuch übertragbar. Die Forscher wollen ihre Studien fortsetzen. © rme/aerzteblatt.de

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