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Wie Blinde mit Ohren und Fingern „sehen“

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Washington – Die Sehrinde, die den Großteil des Okzipitallappens im Großhirn einnimmt, liegt bei Menschen, mit angeborener oder früher Erblindung keineswegs brach. Die dort vorhandenen Fähigkeiten werden vielmehr genutzt, um das andere Sinne zu verfeinern. In Neuron (2010; 68: 138-148) zeigt ein internationales Forscherteam, wie das räumliche Vorstellungsvermögen der Sehrinde für die akustische und die taktile Wahrnehmung genutzt wird.

Menschen, die von Geburt an blind sind, verfügen häufig über erstaunliche Fähigkeiten in anderen Sinnen. Sie können präziser als Sehende Geräusche unterscheiden und im Raum lokalisieren, und im Erlernen der Blindenschrift sind sie ebenfalls schneller. Sie erreichen dies möglicherweise, weil sie neuronale Kapazitäten der Sehrinde für andere Zwecke nutzen.

Der visuelle Cortex ist eine der größten und leistungsstärksten Teile des Großhirns. Hirnforscher wie Josef Rauschecker von der Georgetown Universität in Washington lokalisieren hier 40 verschiedene „Module“, doppelt so viele wie in der Hörrinde.

Zu den besonderen Leistungsmerkmalen des visuellen Cortex gehören die Analyse von Raum, Formen und Bewegungen. Sichtbar machen lässt sich dies mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI), die Veränderungen der Hirnaktivität farblich auf eine normale MRI projizieren.

Rauschecker führte die fMRI bei Blinden und Gesunden durch, während die Versuchsteilnehmer Tests zur akustische und taktilen Raumwahrnehmung absolvierten. In einem Versuch trugen die Probanden Versuchsteilnehmer Stereokopfhörer. Sie sollten sagen, aus welcher Richtung bestimmte Töne kamen. In einem anderen Test trugen die Probanden piezo-elektrische Vibratoren an allen Fingern. Hier sollten die Probanden die fein abgestuften Berührungsreize unterscheiden.

Die Aktivitäten in der fMRI belegen, dass die Blinden in beiden Tests die gleichen Module der Sehrinde benutzten, mit denen Sehende sich mit Hilfe der Augen im Raum orientieren. Die sehenden Probanden griffen für die akustische und taktile Wahrnehmung nicht auf die Kapazitäten der Sehrinde zurück, was ihre im allgemeinen schlechteren Fähigkeiten im Hören und Tasten erklären mag.

Der modulare Aufbau der Sehrinde ist, wie Rauschecker ausführt, angeboren. Solange die Erblindung ihre Ursache nicht im Gehirn hat, stünden diese Fähigkeiten für andere Zwecke zur Verfügung. Der Zugriff wird durch die Plastizität des Gehirns ermöglicht, die in den ersten Lebensjahren noch sehr hoch ist.

Rauschecker hofft, dass die Erkenntnis auch für die Therapie genutzt werden kann. Forscher aus Belgien würden derzeit Spezialbrillen entwickeln, die visuelle Reize in akustische Signale umwandeln. Sie könnten Blinden im Alltag bei der Orientierung unterstützen. © rme/aerzteblatt.de

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