Genf – Ein neuer oraler Impfstoff soll die Eradikation der Poliomyelitis endlich über die Ziellinie tragen. In einer randomisierten klinischen Studie im Lancet (2010; doi: 10.1016/S0140-6736(10)61230-5) war die bivalente Vakzine, sie schützt vor den beiden noch verbreiteten Virentypen, dem monovalenten Impfstoff überlegen. Doch die Polio hat in den letzten Monaten wieder auf nicht endemische Länder übergegriffen.
Am 28. Oktober ist Weltpoliotag. Er wird seit 1998 jedes Jahr zu Ehren des Geburtstages von Jonas Salk begangen, um an den ersten Polioimpfstoff zu erinnern. Die Schluckimpfung hat wesentlich zur Eindämmung der Kinderlähmung beigetragen.
Die Zahl der endemischen Länder wurde von 125 auf 4 gesenkt. Doch die Eradikation, die die Weltgesundheitsorganisation seit 1988 anstrebt und für die Rotary International jährlich Spenden sammelt, ist bisher nicht erreicht worden.
Ein Grund könnte in der begrenzten Immunität der Schluckimpfung liegen: Immer wieder wurden Patienten beobachtet, die trotz mehrmaliger Impfung an einer Kinderlähmung erkrankten. Im April 2005 wurde deshalb ein oraler Impfstoff mit verbesserter Immunität gegen den Typ 1 (mOPV1) eingeführt, der allerdings eine Lücke beim Typ 3 hinterlässt, während Typ 2 seit 1999 nicht mehr aufgetreten ist.
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Indien gehört neben Pakistan, Afghanistan und Nigeria zu den letzten Ländern, in denen die Polio noch endemisch ist. In diesen Ländern wurden in den letzten Jahren Erfolge erzielt. Mit der Ausnahme von Pakistan ist die Zahl der Erkrankungen geringer als im Vorjahr.
Wie virulent die Situation aber weiterhin ist, zeigt die jüngste Epidemie in Tadschikistan, wohin das Virus von Indien aus eingeschleppt wurde. Im ersten Halbjahr 2010 kam es dort zu 458 Erkrankungen. Von dort gelangte das Virus nach Russland (13 Erkrankungen) Turkmenistan (3 Erkrankungen) und Kasachstan (1 Erkrankung). Erstmals nach vielen Jahren starben wieder 19 Menschen in Europa an der Kinderlähmung.
Der Ausbruch in Tadschikistan ist für zwei Drittel der weltweiten Poliofälle in 2010 verantwortlich. Er hat dazu geführt, dass deutlich mehr Erkrankungen außerhalb als innerhalb der Endemieländer auftraten (579 vs. 152 bis 19. Oktober).
Dank der Impfungen sind in Tadschikistan und den benachbarten Ländern der ehemaligen UdSSR seit Anfang Juli keine Neuerkrankungen mehr gemeldet worden. Die Gefahr für Osteuropa scheint damit vorerst gebannt zu sein.
Wie lange die Eradikation noch dauern und ob sie überhaupt gelingt, ist offen. Die WHO hatte die Ausrottung der Polio ursprünglich für das Jahr 2000 geplant, musste sie aber immer wieder hinausschieben. Die Entscheidung wird in den nächsten zwei Jahren fallen, meinen Nigel Crawford und Jim Buttery vom SAEFVIC Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne im Editorial (Lancet 2010; doi: 10.1016/S0140- 6736(10)61427-4).
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