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Lange Latenzphase des Pankreaskarzinoms

Donnerstag, 28. Oktober 2010


Cambridge/Baltimore – Das Pankreaskarzinom könnte nicht der aggressive Krebs sein, als der er klinisch in Erscheinung tritt. Genom-Forscher berichten in Nature, dass der Krebs sich über viele Jahre sehr langsam entwickelt. Im Endstadium durchläuft er aber eine schnelle Evolution, die die therapeutischen Misserfolge erklären könnte.

Nur zwei oder drei von hundert Menschen überleben ein Pankreaskarzinom. Trotz extensiver chirurgischer Eingriffe sterben die meisten Patienten frühzeitig an den Metastasen. Die Erfolge der Chemotherapie waren bisher bescheiden und eine Strahlentherapie aussichtslos.

Aus medizinischer Sicht ist das duktale Adenokarzinom des Pankreas ein äußerst aggressiver Tumor. Deshalb dürfte es viele Mediziner überraschen, was die Gruppe um Christine Iacobuzio-Donahue von den Johns Hopkins Medical Institutions in Baltimore über das “Alter” der Tumore bei sieben Patienten herausgefunden hat (Nature 2010; 467: 1114-1117).

Die Forscher sequenzierten das Genom von Primärtumor und Metastasen und stießen dabei auf so große Abweichungen, dass sie den Ursprung des Tumors in einer Ausgangszelle auf 20 Jahre zurückdatierten.

Danach sollen im Durchschnitt 11,7 Jahre vergangen sein, bevor sich aus einer Krebsmutation ein Tumor entwickelt hat. Bis die erste Zelle die Fähigkeit zur Metastasierung entwickelte, sollen im Durchschnitt 6,8 weitere Jahre vergangen sein, und von dort bis zum Tod würde es, wieder ein Durchschnittswert, noch einmal 2,7 Jahre dauern.

Wenn man bedenkt, dass die mittlere Überlebenszeiten nach der Diagnose sich im Bereich von sechs Monaten bewegen und nur wenige Patienten 2 Jahr oder länger leben, erklärt dies, warum die operative Therapie zu spät kommt. Vorausgesetzt natürlich, die Berechnungen der Genetiker, die auf der Prämisse einer aus biologischen Gründen konstanten Mutationsrate beruhen, treffen zu.

In diesem Fall bestünde eine Chance, die Patienten durch eine bessere Früherkennung zu retten. Der an der Studie beteiligte Krebsexperte Bert Vogelstein vom Howard Hughes Medical Institute in Chevy Chase/Maryland hofft, dass die genetischen Mutationen über den exokrinen Pankreas den Weg durch den Darm in die Faeces finden, wo sie mit einem Stuhltest nachweisbar sein könnten.

Vogelstein hat ähnliche Tests bereits für den Darmkrebs entwickelt, wo sie sich aber gegen die Konkurrenz von Hämokkulttest und Koloskopie nicht durchsetzen konnten. Beim Pankreaskarzinom, das endoskopisch nicht erreichbar ist, könnte dies mangels anderer Früherkennungstests anders sein.

Mutationen könnten, so Vogelstein, auch im Blut nachweisbar sein. Als möglicher Kandidat gilt das K-RAS-Gen, meint der Forscher, der hier ebenfalls eine Parallele zum Kolorektalkarzinom sieht. Pankreas- und Kolorektalkarzinom könnten mehr Gemeinsamkeiten haben als bisher angenommen, vermutet Vogelstein.

Eine weitere Genom-Analyse, die Peter Campbell vom Wellcome Trust Sanger Institute in Cambridge und Mitarbeiter an 13 Patienten mit metastasiertem Karzinom durchgeführt haben, liefert vielleicht eine Erklärung für die schlechten Ergebnisse der Chemotherapie (Nature 2010; 467: 1109-1113).

Die Befunde zeigen nämlich, dass sich die Metastasen genetisch erheblich unterscheiden. Stärker als beispielsweise beim Mammakarzinom entwickelt sich jede Metastase genetisch zu einem eigenen Krebs, die alle unterschiedlich behandelt werden müssten.

Campbell spricht von einer “Evolution” des Krebsleiden, wobei sich die Metastasen gekonnt den Bedingungen ihrer neuen Heimat anpassen würden. Campbell sieht darin eine späte Bestätigung der “seed and soil”-Hypothese, die der britische Chirurg Stephen Paget vor 120 Jahren aufgestellt hatte. © rme/aerzteblatt.de

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