Retinitis pigmentosa: Erste Leseübungen mit Netzhautimplantat
Mittwoch, 3. November 2010
Tübingen – Ein subretinales Netzhautimplantat hat es einem Patienten mit Retinitis pigmentosa erstmals seit seiner Erblindung vor mehr als 5 Jahren wieder ermöglicht, einfache Gegenstände zu erkennen und Worte in großen Buchstaben zu lesen. Neue Ergebnisse einer Pilotstudie an elf Patienten mit Retinitis pigmentosa oder verwandten Erkrankungen wurden jetzt in den Proceedings of the Royal Society B (2010; doi: 10.1098/rspb.2010.1747) vorgestellt.
Das elektronische Netzhautimplant der Firma Retina Implant AG aus Reutlingen ist drei mal drei Millimeter groß und wird subretinal implantiert, also in jener Schicht, in der sich die Stäbchen und Zapfen befinden, die bei der Retinitis pigmentosa allmählich degenerieren.
Das derzeitige Modell besteht aus etwa 1.500 Mikrophotodioden, die ein Bild mit der Auflösung von 38 x 48 Pixeln auffangen. Das ist im Vergleich zu modernen Digitalkameras gewiss nicht viel. Es ermöglicht den Patienten jedoch mehr als die Unterscheidung von hell und dunkel.
Die Signale werden nach einer elektronischen Verstärkung, deretwegen das Netzhautimplantat eine Stromzufuhr von außen über einen perkutanen Zugang benötigt, an die Interneurone der Retina weitergeleitet.
Diese bilden die erste Relaisstation der Sehbahn, allerdings gehen auch diese Neurone im Verlauf der Retinitis pigmentosa allmählich zugrunde, weshalb die Netzhautimplantate an Patienten erprobt wurden, deren Erblindung erst wenige Jahre zurückliegt.
Bei diesen ausgewählten Patienten erzielt die Gruppe um Eberhart Zrenner vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen immer bessere Ergebnisse. Konnten die ersten Patienten gerade einmal helle Balken, zusammengesetzt aus einzelnen Bildpunkten, erkennen, so waren die letzten drei Patienten bereits in der Lage, Gegenstände zu erkennen. Sie verdanken dies neben dem Implantat wohl auch der Tatsache, dass dieses in der Nähe der Makula, also der Stelle des vormals schärfsten Sehens, implantiert wurde.
Der letzte Patient, dessen Ergebnisse in der vorliegenden Publikation detailliert beschrieben werden, beeindruckte die Forscher damit, dass er nicht nur unbekannte Objekte wie zum Beispiel eine Banane oder einen Apfel korrekt identifizierte oder die Zeigerstellung einer großen Uhr abzulesen vermochte.
Er konnte auch sieben verschiedene Graustufen unterscheiden und erkannte darüber hinaus einzelne Buchstaben, die zu kurzen Worten zusammengefügt waren. Dabei korrigierte er sogleich die Schreibweise seines Namens Mika, der im Finnischen mit zwei “i” und zwei “k” geschrieben wird.
Die von Zrenner gegründete Firma Retina Implant hat bereits mit einer weiteren Studie begonnen. Sie soll auf Patienten anderer europäischer Länder ausgeweitet werden, darunter Großbritannien und Italien. In dieser klinischen Studie wird der 1500-Elektroden-Chip permanent implantiert.
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