Ärzteschaft

Sterbehilfe-Debatte verunsichert Ärzte

Donnerstag, 25. November 2010

Berlin – Die Diskussion über die Sterbehilfe in Deutschland hat nach Ansicht der Bundesärztekammer (BÄK) über lange Zeit zu einer Verunsicherung bei den Medizinern geführt. Die Entscheidung des Bundesgerichtshof (BGH) stärke nunmehr den Patientenwillen so sehr, dass dieser über dem Wohl des Patienten stehen könne, sagte BÄK-Hauptgeschäftsführer Christoph Fuchs am Mittwochabend bei einer Diskussionsveranstaltung der Katholischen Akademie in Berlin. Das Urteil bringe Rechtssicherheit. Insofern sei es im Kontext des Dritten Betreuungsrechtsänderungsgesetzes zu sehen und zu begrüßen.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte im Juni entschieden, dass ein Abbruch lebenserhaltender Behandlungen auf der Grundlage des Patientenwillens nicht strafbar ist. Die Behandlung kann künftig nicht mehr nur durch Unterlassen von Handlungen wie dem Einstellen der künstlichen Ernährung straffrei beendet werden, sondern auch durch aktives Tun wie dem Durchschneiden eines Versorgungsschlauchs.

Aus Sicht des Tübinger Moraltheologen Franz-Josef Bormann stellt das Urteil aus ethischer Perspektive die aktive mit der passiven Sterbehilfe gleich. Es komme zu einer Verlagerung von einer Hilfe beim Sterben zu einer Hilfe zum Sterben.

„Ärzte und Pfleger machen sich so zum Erfüllungsgehilfen für fragliche Patientenwünsche unter dem Deckmantel der Patientenverfügung“, so Bormann. Denn der aktuelle Wille des Patienten sei zum Zeitpunkt dieser Entscheidung nicht zu beantworten gewesen. 

Dagegen argumentierte der Chef der Rettungsstelle am Berliner Urban-Krankenhaus, Michael de Ridder, dem Willen des Patienten habe sich der Arzt unterzuordnen. Zudem sei eine gute Behandlung gegen den Wunsch des Patienten nicht möglich. Sinn der Medizin sei nicht, Erkrankte nur durch intensivmedizinische Maßnahmen am Leben zu erhalten. Beispielsweise sollte korrekt diagnostizierten Wachkomapatienten der Wunsch gewährt werden, sterben zu dürfen, wenn sich ihr Zustand langfristig nicht verbessert habe, so der Arzt. 

Die Karlsruher Richter hatten mit ihrer Entscheidung das Urteil gegen einen Rechtsanwalt aufgehoben, der wegen versuchten Totschlags zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war.

Er hatte einer Mandantin geraten, bei ihrer im Wachkoma liegenden Mutter den Schlauch der Magensonde zu durchtrennen, mit dem die Frau künstlich ernährt wurde. Die seit einer Hirnblutung bewusstlos liegende unheilbar Kranke hatte für einen solchen Fall den Wunsch geäußert, die künstliche Ernährung einzustellen. © hil/aerzteblatt.de

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Thelber
am Freitag, 26. November 2010, 17:58

Leiden lindern sollen wir !!

Und alles andere kommt erst danach !!
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 26. November 2010, 15:43

BGH-Urteil leistet aktiver Sterbehilfe keinen Vorschub

Wenn Vertreter der Bundesärztekammer (BÄK-Hauptgeschäftsführer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs) und Professor Franz-Josef Bormann als Moraltheologe eine Entscheidung des Bundesgerichtshof (BGH) nicht verstehen, empfehle ich dringend, diese zu lesen. Denn nur danach kann man sich qualifiziert äußern, insbesondere wenn man k e i n kompetenter Verfassungsjurist ist.

Keineswegs stellt das BGH-Urteil aus ethischer Perspektive die aktive mit der passiven Sterbehilfe gleich. Schon gar nicht aus juristischer Sicht. Keinesfalls ist die "Stärkung des Patientenwillens" mit "aktiverer" Sterbehilfe gleichzusetzen. Und das Unterlassen von Handlungen wie oben angeführt, ist immer auch eine Aktion und damit "aktives Tun".

Das Karlsruher Urteil war eine klassische Richterschelte für die untere Instanz, die mit einem Fehlurteil einen Rechtsanwalt wegen versuchten Totschlags zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilen wollte: Eine im Wachkoma liegende Patientin wurde gegen ihren schriftlich und mündlich konkludent geäußerten Willen mit einer Magensonde künstlich ernährt. Pflege- und Heimpersonal weigerten sich (auch das ist aktives Tun), die Magensonde zu entfernen und bestritten damit die Willensbekundung der seit einer Hirnblutung bewusstlos liegenden unheilbar Kranken.

Entscheidender Gegenstand der BGH-Verhandlung in diesem Einzelfall war, dass der Anwalt der Tochter, als seiner Mandantin, geraten hatte, bei ihrer im Wachkoma liegenden Mutter den Schlauch der Magensonde zu durchtrennen. Nach eingehender und abwägender Prüfung kam der BGH-Senat zu der Überzeugung, dass durch diese Handlung erst der eigentliche Wille der Patientin umgesetzt und realisiert wurde. Die Tochter vollzog eine Handlung, die durch die juristische und ethisch bedenkliche Fehlentscheidung des Pflegeheims konterkariert wurde, und tat dies auch erst nach anwaltlicher Beratung und Rechtsgüterabwägung. Die letztwillige Verfügung der komatösen Patientin wurde dadurch Realität, so bitter und traurig die Gesamtsituation auch gewesen sein mag.

Der Bundesgerichtshof hat klargestellt, dass die Umsetzung einer letztwilligen Patientenverfügung eben n i c h t verfolgt und juristisch bestraft, sondern im Gegenteil erlaubt sein muss. Es ist schon ziemlich peinlich, dass ausgerechnet dieses BGH-Urteil benutzt wird, damit Befürworter und Gegner aktiver oder passiver Sterbehilfe ihr "Mütchen" kühlen können.
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