Politik

Jede zweite Frau und jeder dritte Mann wird im Alter dement

Dienstag, 30. November 2010

Berlin – Fast jede zweite Frau und jeder dritte Mann, die 2009 im Alter von über 60 Jahren verstarben, litten an einer Demenz. Das geht aus dem Pflegereport 2010 hervor, der heute von der Barmer GEK in Berlin vorgestellt wurde.

„Mit der Entwicklung demenzieller Erkrankungen stoßen wir in eine neue Pflegedimension vor“, kommentierte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse, Rolf-Ulrich Schlenker. „Die zeitlichen und professionellen Anforderungen an die Pflege steigen weiter an und wandeln sich.“ Es bedürfe nun einer tragfähigen Lösung für die Pflege von morgen.

Das Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen (ZeS), das den Pflegereport auf Basis von Versichertendaten der GEK erarbeitet hat, geht derzeit von bundesweit 1,2 Millionen Demenzkranken aus.

Im Jahr 2030 werden es laut ZeS bereits 2,5 Millionen sein. Zwar führe eine Demenzerkrankung nicht sofort zu einer Pflegebedürftigkeit, erklärte der Studienleiter Heinz Rothgang: „Mit der Demenzdiagnose vervierfacht sich allerdings die Wahrscheinlichkeit, noch im selben Quartal als pflegebedürftig eingestuft zu werden.“ Lediglich zehn Prozent der im Jahr 2009 verstorbenen Demenzkranken seien nicht pflegebedürftig gewesen.

„Durch die Demenz entsteht ein großer Aufwand an medizinischer und pflegerischer Versorgung“, sagte Rothgang. Der größte Aufwand bestehe in der persönlichen Betreuung und Pflege demenziell erkrankter Personen.

„Verglichen mit den Ausgaben für gleichaltrige, nicht demente Personen liegen die Aufwendungen der Sozialversicherungen um mindestens 800 Euro monatlich höher. Während für Demente Kosten von 1.150 Euro entstehen, liegen die Aufwendungen für Nicht-Demente gleicher Altersstruktur bei 310 Euro“, so Rothgang.  

Auch die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden, ist gestiegen. Lag die Zahl der weiblichen Versicherten, die vor ihrem Tod eine Pflegeleistung bezogen hat, 2001 noch bei 60,2 Prozent, so lag sie im vergangenen Jahr dem Report zufolge bereits bei 66,7 Prozent. Bei den verstorbenen Männern stieg die Wahrscheinlichkeit im selben Zeitraum von 40,3 auf 47 Prozent.

Rothgang wies darauf hin, dass das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008 nur für begrenzte Zeit zu einer Entspannung der Finanzsituation der sozialen Pflegeversicherung geführt habe.

„Werden keine weiteren Maßnahmen ergriffen, droht noch in dieser Legislaturperiode ein Überschuss der laufenden Ausgaben über die Beitragseinnahmen“, so der Bremer Wissenschaftler. Die im Koalitionsvertrag geforderte Finanzreform der sozialen Pflegeversicherung sei daher zu begrüßen.

Allerdings sei die geplante ergänzende Kapitaldeckung weder zwingend noch alternativlos. Für Rothgang ist „eine obligatorische ergänzende Kapitaldeckung mit einkommensbezogenen Beiträgen, die von der sozialen Pflegeversicherung durchgeführt wird, anderen Optionen vorzuziehen“.

Schlenker appellierte an die Koalition, die Neuausrichtung der Pflege zu forcieren. Bevor die Politik alternative Versicherungs- und Finanzierungsformen ins Spiel bringe, solle sie sich zuerst über den künftigen Leistungsinhalt und -umfang der Pflegeversicherung verständigen. Ob und wie eine ergänzende Finanzierung des Pflegebedarfs zu realisieren sei, hänge im hohen Maße vom künftigen Pflegebedürftigkeitsbegriff ab.  

„Wer die soziale Pflegeversicherung systematisch stärken will, muss die private Pflegeversicherung in den Finanzausgleich der Pflegekassen einbeziehen“, forderte Schlenker darüber hinaus. Auf diese Weise ließe sich das zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung ungleich verteilte Pflegerisiko dauerhaft und generationengerecht absichern. „Schließlich profitiert umgekehrt auch die PKV von den neuen GKV-Regelungen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetztes (AMNOG)“, so Schlenker.

Ein Demenzkranker kostet die Kranken- und Pflegeversicherung jährlich rund 10.000 Euro mehr als ein Gleichaltriger, der noch geistig fit ist. Rein rechnerisch bedeuten 100.000 zusätzliche Demenzkranke also eine Milliarde Euro zusätzliche Kosten pro Jahr.

Für Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) steht die Konsequenz deshalb schon seit längerem fest: „Dieser Entwicklung gilt es Rechnung zu tragen“, erklärte er kürzlich. „Ich werde dies tun, in dem ich mich umfassend mit der Zukunft unserer Pflege auseinandersetze.“ Für das kommende Jahr hat er eine Pflegereform angekündigt. Der Streit ist eröffnet, wer die Lasten des langen Lebens einstmals bezahlt.

Die Deutsche Hospiz Stiftung warnte, Deutschland sei auf den starken Anstieg der Pflegebedürftigen nicht vorbereitet. Nötig seien vor allem mehr Pflegepersonal und mehr Geld für Pflege. Die Stiftung schlug vor, die Pflege- und die Krankenversicherung zusammenzulegen, um Verwaltungskosten zu sparen.

Die Linke plädierte erneut für eine Bürgerversicherung auch in der Pflege, um die Ressourcen der Privaten Krankenversicherung zu nutzen.

Rösler hat bereits für kommendes Jahr eine Pflegereform angekündigt. Union und FDP setzen dabei auf eine private Zusatzversicherung, die Kapital anspart, ähnlich der Riester-Versicherung bei der Rente. © fos/aerzteblatt.de

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glanzmann
am Mittwoch, 1. Dezember 2010, 12:40

Jeder 2/3.über 60 an Demenz...

bei diesen Zahlen und dem Tenor des Artikels kommt mir der starke Verdacht, dass man die Kriterien für diese Diagnose etwas an die Forderungen nach mehr Ressourcen adaptiert hat.
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