Vermischtes

Angeklagte Krebsärztin ist tot

Montag, 24. Januar 2011

Hannover – Die umstrittene Krebsärztin Mechthild Bach, die sich vor dem Landgericht Hannover wegen 13-fachen Totschlags verantworten musste, ist tot. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hildesheim wurde 61-jährige Internistin am Montagnachmittag gegen 15.00 Uhr tot in ihrem Wohnhaus in Bad Salzdetfurth aufgefunden.

Nach ersten Ermittlungen deute alles auf einen Suizid hin, erklärte die Ermittlungsbehörde. Die notwendigen weiteren Ermittlungen habe die Polizei in Hildesheim übernommen. „Ihr Gehen ist kein Schuldeingeständnis”, sagte ihr Verteidiger Matthias Waldraff am Montag in Hannover. Vielmehr habe die Internistin nicht mehr die Kraft finden können, den Kampf für ihre Unschuld und die Wiederaufnahme der ärztlichen Tätigkeit fortzusetzen.

Der Präsident des Landgerichts Hannover, Dieter Schneidewind, reagierte bestürzt auf den Tod der Medizinerin, die nach einem geplatzten ersten Prozess zum zweiten Mal in Hannover vor Gericht stand. „Es ist tragisch, dass sich Frau Bach in so einer aussichtslosen Situation gesehen hat“, sagte Schneidewind der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom Dienstag.

Rechtsanwalt Waldraff sagte: „Ohne die Zwischenbilanz des Gerichts wäre meine Mandantin noch am Leben.” Es gebe eine kausale Verknüpfung zwischen der Bilanz des Gerichts und der Hoffnungslosigkeit der Ärztin. „Nach der Bilanz wäre sie entweder lebenslang oder 15 Jahre weggegangen.” Er habe noch am Sonntag in einem dreistündigen Gespräch versucht, seine Mandantin wieder aufzubauen. „Aber sie hat diese Kraft nach acht Jahren Kampf nicht mehr gefunden, Frau Dr. Bach hat keine Perspektive mehr für sich gesehen”, betonte er.

Bach soll laut Anklagen in den Jahren 2002 und 2003 insgesamt 13 schwer kranke Patienten durch zu hohe Gaben an Morphium und Valium getötet haben. Das Landgericht hatte vergangene Woche im seit Oktober 2009 laufenden zweiten Prozess gegen die Internistin Zwischenbilanz gezogen und erklärt, dass in zwei der Fälle auch eine Verurteilung wegen Mordes infrage komme.

Beide Prozesse gegen die Internistin waren von heftigen Diskussionen von Schmerzspezialisten begleitet, die Anklage wie Verteidigung als medizinische Gutachter aufgeboten hatten. Bach hatte von 1987 bis 2003 in einer Klinik in Langenhagen bei Hannover als Belegärztin praktiziert und war bei einem Teil der Angehörigen ihrer meist todkranken Patienten sehr beliebt. Bei Beginn des ersten Prozesses im Februar 2008, damals noch wegen achtfachen Totschlags, verlangten Angehörige einen Freispruch.

Andere Angehörige traten allerdings in beiden Prozessen gegen die Internistin als Nebenkläger auf. Im zweiten Prozess lieferte die Staatsanwaltschaft eine zweite Anklage mit weiteren Totschlagvorwürfen nach. Die Internistin geriet 2003 durch Ermittlungen der AOK Niedersachsen wegen hoher Morphingaben in den Verdacht der verbotenen Sterbehilfe. Sie saß 2004 drei Wochen lang in Untersuchungshaft und wurde dann gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Der zweite Prozess vor dem Landgericht Hannover nahm am 50. Verhandlungstag am vergangenen Dienstag eine überraschende Wendung als der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch erklärte, dass bei zwei Fällen auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht komme. Damit drohte Bach erstmals eine lebenslange Haftstrafe.

Das Gericht hatte bis zur Zwischenbilanz nur 6 der angeklagten 13 Todesfälle behandelt. Für alle sechs Fällen ging Rosenbusch davon aus, „dass die Patienten nicht eines natürlichen Todes gestorben sind“.

Es gebe erhebliche Anhaltspunkte dafür, dass die Internistin den Tod der sechs Patienten durch Gaben von Morphium und Valium herbeigeführt und den vorzeitigen Tod auch gewollt habe. In keinem Fall hätten sich jedoch Anhaltspunkte dafür ergeben, dass es dem Willen der Patienten entsprochen habe zu sterben.

Zwei der allesamt schwer kranken Patienten seien bei klarem Bewusstsein gewesen, als sie die tödlichen Medikamente erhalten hätten, sagte der Richter zudem. „Sie wussten nichts von diesen Gaben“, betonte er. Da diese Patienten arg- und wehrlos gewesen sein könnten, komme eine heimtückische Tötung in Betracht und damit eine Verurteilung wegen Mordes.Eine das Leben verkürzende Schmerzmittelbehandlung habe ihre Grenze, wenn der Schmerz beseitigt sei. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Internistin diese Grenze beachtet habe. © dapd/aerzteblatt.de

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eurodoc
am Sonntag, 30. Januar 2011, 02:28

cui bono?...

...dass ausgerechnet nach langjährigem Verfahren, in welchem der Ärztin eben gerade NICHT nachgewiesen werden konnte, dass sie Patienten widerrechtlich getötet habe,
...wem nutzt es, dass diese Ärztin nun nach zermürbendem Justizmarathon dem ganzen ein Ende gesetzt hat, indem sie ihr eigenes Leben wegwarf, das ihr anscheinend verfehlt schien...
...wem nutzt es, dass die Akten nun, nach einer mündlich ausgesprochenen "Justitia praecox" endlich geschlossen werden können, Klappe zu, kein Urteil mehr notwendig, wer könnte zufriedener sein als...
(Honni soit qui mal y pense)
Man weiss nicht genau, welches Verschulden am Tode der Patienten Frau Dr. Mechthild Bach trifft, aber zumindest weiss man nun, welches Verschulden am Tode eines Menschen dieses Gericht trifft. Mal sehen, welche Konsequenzen diese Verhandlungsstrategie haben wird.
WiseDoc/i
am Samstag, 29. Januar 2011, 13:26

Verantwortung des Richters und des Gerichtes

Dr. Schätzler möchte ich zunächst völlig zustimmen.

Was für mich bleibt, ist - gerade vor dem Hintergrund, dass in D gegen Tote nicht ermittelt wird, und das Verfahren und jede Aufklärungsmöglichkeit somit für immer unterbleiben wird - die Frage nach der Verantwortung des Richters.

Er wird sein Meinung zum Stand des Verfahren schon äußern dürfen, soviel vermute ich mal. Aus meiner Sicht hat er aber überhaupt nicht reflektiert, wasw passieren kann.

Er hat mit der Wertungskeule (oder besser Vorverurteilungskeule?) draufgehauen, und nichts weiter. Zumindest in der Presse war nichts von neuen Gutachtern etc. zulesen. Ganz im Gegenteil, es hieß, dass die Aufnahme nach weniger als der Hälfte der zu verhandelnden Fälle abgeschlossen werden sollte.

Zum einen wäre der Sachverhalt damit nicht vollständig ermittelt worden. Zum anderen war er dabei nicht konsequent. Er hätte ggf. auch zum Schutz der Angeklagten wieder Haft anordnen können.

Die Rolle und die Bedeutung des richterlichen Handelns ist etwas, was dringend und vollständig aufgeklärt werden muss, alleine aus dem Punkt heraus, dass der Fall jetzt zu ist. Was ist mit den Rechten der Opfer? Was ist mit den Rechten der Hinterbliebenen? Die möglichen Ansprüche gegen die Ärztin sind jetzt nicht mehr zu formulieren. Kommt dafür jetzt die Versicherung des Richters auf?

Und zum Schluss: Der Richter hat die Rechte seiner Schutzbefohlenen aus meiner Sicht verletzt, die der Angeklagten und die der Angehörigen der Opfer, und die der Opfer.

Ein Arzt wäre alleine für so was angeklagt worden. Sind Juristen davor geschützt? Und wenn ja, warum?

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 29. Januar 2011, 12:11

Ärzte und Juristen - das sind zwei völlig fremde Welten!

Gerade medizinisch-juristische Grenzgebiete sind voller Widersprüche, Missverhältnisse, Schuldzuweisung, Aggression und fundamentaler Gegensätze. Aber wenn die Wogen der Emotionen abebben und ruhigere Gedanken folgen, sollte man versuchen der internistischen Kollegin, Frau Dr. med. Mechthild Bach gerecht zu werden und zugleich die gesellschaftlichen Auswirkungen würdigen. Ich will mich hier bewusst absetzen von den Versuchen, Frau Dr. Bach als Märtyrerin hoch zu stilisieren und nur der Gerichtsbarkeit das Böse zu unterstellen.

Grundsätzlich ist für ein Gericht nie auszuschließen, dass ein noch so gut beleumdeter Angeklagter nicht möglicherweise eines Verbrechens schuldig gesprochen werden muss. Bei Zweifeln an der Substanz des Anklagevorwurfs wird freigesprochen, bei sicher überzeugender Tatüberführung ist zu verurteilen, es sei denn die Schuldfähigkeit ist objektiv wesentlich eingeschränkt. Auch ist die Tatsache, einen höchst angesehenen Beruf auszuüben, kein zwingender Schutz vor Aggression und Autoaggression. Jeder Mensch kann unter den Lasten seines beruflichen und privaten Alltags dekompensieren. Ein unreflektierter Altruismus kann zu in Frustration geronnene Sinnlichkeit ausarten und eine auskömmliche „work-life-balance“ konterkarieren.

In Ärzteprozessen wie diesem ist die Beurteilung durch die Vielschichtigkeit der Ereignisse besonders diffizil. Da liegt ein Kranker, der seinen Willen oft nicht mehr konkludent äußern kann. Da ist ein Arzt, der noch viele andere Patienten zu betreuen hat. Da ist eine grundsätzliche Unmöglichkeit, zukünftige Lebens- und Sterbensentwicklung valide abzuschätzen. Da muss man sich mit Berufserfahrung und Selbstreflexion seiner Arbeit immer klar machen, dass Prophetie unangebracht ist.

Dann sind fehlende Willenserklärung des Patienten, mögliche Willkürentscheidungen des Arztes, mangelnde Dokumentation und auch nur latent destruktive Impulse bei a l l e n Beteiligten eine explosive Mischung. Dann ist jede palliative Bemühung eine Gratwanderung zwischen Heilen und Helfen des Arztes, dem unbestimmbaren Schicksal des Patienten und den Erwartungshaltungen aller Beteiligten bzw. der Angehörigen.
Deswegen ist es auch ein Unding, z. B. seitens der Bundesärztekammer, zu behaupten, der ärztlich assistierte Suizid sei nach dem deutschen Strafgesetzbuch grundsätzlich nicht mehr strafbar. Im Gegenteil, der § 216 StGB („Tötung auf Verlangen“) soll gerade eine Schutzfunktion ausüben bei der Gratwanderung zwischen Patientenselbstbestimmung, Garantenpflicht und ärztlichem Auftrag.

Wenn dann eine Angeklagte, nach hoffentlich fundierter anwaltlicher Beratung, dem Vorsitzenden Richter erklärt, sie würde bei präfinalen Patienten immer eine Art „Aura des Sterbens“ fühlen und danach ihre Entscheidung richten, Morphin und Diazepam auch sehr hoch dosiert zu geben, und dieser Patient möglicherweise n i c h t sterbenskrank und noch bei vollem Bewusstsein ist, dann kann bzw. muss der Richter auch ein Heimtückemerkmal reflektieren. Der Patient ist wehrlos, agieren kann nur die Ärztin und dies muss sie dokumentieren und insbesondere den erklärten Willen des Patienten beschreiben. Wer dies nicht tut, muss sich dem Vorwurf der willkürlichen, von einer Aura angetriebenen Entscheidungsfindung stellen. Was für eine tragische Entwicklung!

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

PS: Ärgerlich waren Blogs, in denen der laxe Justizumgang mit Sexualstraftätern beklagt wird. Wenn bei einer Verurteilung Mordmerkmale nach § 211 StGB festgestellt werden, ist das Strafmaß lebenslängliche Inhaftierung. Eine evtl. Sicherungsverwahrung nach z. B. 15-jahriger Haftverbüßung ist ein völlig anderes Thema. Auch „Hexenjagd“, oder Ärzte als „Spielball und Freiwild der Nation!" ist unangemessen, da wir Ärztinnen und Ärzte Bürgerinnen und Bürger mit Rechten und Pflichten wie jeder Andere in Deutschland auch sind. Recht und Gesetz gelten für Alle gleichermaßen.
advokatus diaboli
am Mittwoch, 26. Januar 2011, 09:39

"Niveau" einer "Standes"Zeitung?

Nun - ich möchte den "Fall" und dessen tragisches Ende nicht kommentieren, bin aber angenehm überrascht, hier ein Statement nach dem "Warum...?" lesen zu können.

Indes sei aber die Nachfrage erlaubt, was der Kommentator denn nun meint, wenn er darauf hinweist, die Reaktion solle sich nicht auf ein derartiges Niveau herablassen?
Businesspaar
am Mittwoch, 26. Januar 2011, 04:10

"Lebensverlängernde Maßnahmen" ...

... bringen doch ne gehörige Stange Geld ein, warum soll sich eine Klinik da das Wasser abgraben?
noch Student
am Dienstag, 25. Januar 2011, 20:25

Schmerztherapie

Dieser Prozess mit dem tragischen -an dieser Stelle mein herzlichstes Beileid- Ende wirft die moderne und adäquate Schmerztherapie in deutschen Kliniken meilenweit zurück. Wir brauchen, wenn schon Prozesse angestrebt werden, klare rechtliche Grenzen, wobei man sich an unseren unmittelbaren Nachbarn orientieren sollte. Geburt und Leben gehören zu einem natürlichen Prozess, friedvoll und vor allem schmerzfrei Sterben und das bestenfalls im Kreise der Familie sollte es auch.
frusti
am Dienstag, 25. Januar 2011, 10:59

"Krebsärztin"

Liebe Redaktion, auf diese Niveau sollte sich die Redaktion einer ärztlichen "Standes"zeitung nicht herablassen.
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