Politik

Ethikrat uneins über Gentests bei Embryonen

Dienstag, 8. März 2011

Berlin – Für seine heikle Entscheidung über ein Verbot von Gentests an Embryonen erhält der Bundestag keine klare Empfehlung: Auch der Deutsche Ethikrat zeigt sich in seiner Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (PID) tief gespalten.

Während 13 der 26 Ratsmitglieder eine eng begrenzte Zulassung der PID befürworten, sind 11 gegen diesen Vorschlag, ein Mitglied zeigte sich unentschieden, Ratsmitglied Eckhard Nagel  gab ein Sondervotum ab. Darin spricht er sich dafür aus, die PID zur Identifikation von entwicklungsfähigen Embryonen zu erlauben und dafür eine verbindliche Indikationsliste zu erstellen.

„Es gibt in der PID keine Antwort, die moralisch einwandfrei wäre“, sagte Ratsmitglied Christiane Woopen am Dienstag in Berlin. „Auch der Status des Embryos ist nicht streitfrei zu bestimmen“, ergänzte  Ratsmitglied Wolf-Michael Catenhusen, Leiter der PID-Arbeitsgruppe des Deutschen Ethikrates.

Hohes medizinisches Risiko
Die Befürworter im Ethikrat argumentieren mit dem Recht der Frau auf Fortpflanzung. Dieses sei abzuwägen mit dem Schutz des Embryos, sagte Woopen. Es handele sich letztlich um die Auswahl des kleineren Übels, meinte die Kölner Professorin für Geschichte und Ethik in der Medizin.

Die Befürworter schlagen eine Zulassung der PID bei einem „hohen medizinischen Risiko“ vor. Dazu zählte Woopen erbliche Anlagen, die zu einer schweren Krankheit oder Behinderung oder zum Tod des Kindes nach der Geburt führen würden.

In solchen Fällen sei heute eine Abtreibung nach begonnener Schwangerschaft möglich. Es wäre widersprüchlich, einem Embryo aus dem Reagenzglas mehr Schutz zu gewähren als einem weiter entwickelten Fötus, sagte Woopen.

Ausdrücklich verbieten wollen auch die Befürworter, im Sinne eines „Designerbabys“ mit der PID Geschlecht oder spätere Krankheiten ausfindig zu machen. Auch soll die Zeugung eines „Rettungsgeschwisters” – etwa zur Verpflanzung eines Organs – ausgeschlossen bleiben. PID soll nur an wenigen spezialisierten Zentren möglich und mit eingehender Beratung verbunden sein.

Ein selektiver Blick
Für die Gegner argumentierte der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, gerade bei Embryos aus dem Reagenzglas sei besondere Verantwortung geboten, weil eine PID bei natürliche Empfängnis gar nicht möglich sei. Zwar erkenne man die Nöte von Paaren nach Fehlgeburten und die Hoffnung auf die PID an, sagte der frühere Berliner Bischof.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht.“ Dennoch sei eine Zulassung ethisch nicht vertretbar. „Eine Zulassung hätte gravierende Folgen für den Embryonenschutz“, sagte Huber. Beispielsweise ließe sich bei der künstlichen Befruchtung die „Dreierregel“ nicht mehr aufrecht erhalten und viele überzählige Embryonen würden entstehen.

Die von den Befürwortern vorgeschlagene Begrenzung auf ganz bestimmte Fälle halten die Gegner für Illusion. Eine Ausweitung der Indikationen sei absehbar, sagte Huber. Darüber hinaus werde sich Druck auf genetisch belastete Eltern aufbauen.

Die Haltung der Gesellschaft zu Menschen mit Behinderungen könnte sich ändern - gegen alle Bemühungen, sie einzubeziehen. Schließlich befürchten die Gegner auch, dass viele „überzählige“ Embryonen als Abfall behandelt werden könnten.

Streit über Sinn der Stellungnahme
Das Vorgängergremium, der Nationale Ethikrat, hatte sich bereits 2003 zur PID geäußert. Damals hatten noch zwei Drittel für eine begrenzte Einführung votiert. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn kritisierte in der Rheinischen Post das nun gespaltene Votum des Rats. „Es stellt sich einmal mehr die Frage, wozu es einen Ethikrat braucht“, sagte Spahn.“Letzten Endes fasst er die gesellschaftliche Debatte zusammen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.“

Ratsmitglied Wolf-Michael Catenhusen widersprach dem. Alle Argumente und Begründungen seien noch einmal genau geprüft und erläutert worden. So sei die Frage, wie eine Zulassung der PID begrenzt werden könnte, so ausführlich wie nie zuvor behandelt worden. Huber sagte, mit der Stellungnahme sei Transparenz hergestellt worden.“Die Pluralität der Gesellschaft ist in die Voten einbezogen worden“, meinte der Bischof. Aus den vorgelegten Argumenten könne nun jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Vergangenen Sommer hatte der Bundesgerichtshof die PID faktisch erlaubt. Dem Bundestag liegen drei Vorschläge vor - von einem völligen Verbot, das unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürwortet, bis zu einem Verbot mit Ausnahmen oder einer begrenzten Zulassung. Sie sollen am 17. März erstmals beraten werden. Auch im Parlament sind in allen Fraktionen unterschiedliche Auffassungen Frage vertreten. © dapd/kna/ER/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

06.06.16
Schweizer für Zulassung von Präimplantations­diagnostik
Bern – Die Schweizer haben sich bei einem Referendum für die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) entschieden. Laut aktuellen Hochrechnungen stimmten am Sonntag 61 Prozent der Wähler dafür,......
02.06.16
Bern – Am Sonntag stimmen die Schweizer erneut über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ab. Zum zweiten Mal binnen eines Jahres geht es darum, ob unter bestimmten Bedingungen Gentests......
01.09.15
Bern - Ein überparteiliches Komitee in der Schweiz strebt ein Referendum gegen das neue Fortpflanzungsmedizingesetz an. Ziel sei es, eine „flächendeckende willkürliche“ Anwendung der sogenannten......
14.07.15
Stuttgart – Nach jahrelangen Diskussionen und Gesetzgebungsverfahren ist der Weg für die ethisch umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland,......
14.06.15
Zürich – Hochrechnungen zufolge haben die Schweizer für die Freigabe der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) gestimmt. Diese Tests an Embryonen könnten damit künftig in großem Umfang erlaubt......
09.02.15
München – Auch in Bayern können voraussichtlich in einigen Monaten Paare nach einer künstlichen Befruchtung unter bestimmten Bedingungen eine Präimplantationsdiagnostik (PID) vornehmen lassen. Seit......
09.09.14
Bern – Genetische Untersuchungen an im Reagenzglas erzeugten Embryonen sollen in der Schweiz künftig in großem Umfang erlaubt werden. Bislang waren sich die beiden Parlamentskammern – National- und......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige