Medizin

Erstmals Harnröhre aus der Retorte

Dienstag, 8. März 2011

Winston Salem – Chirurgen aus Nordamerika haben weltweit erstmals bei fünf Jungen die Harnröhre mit einem im Labor gezüchteten Transplantat repariert. Beim Transplantat handelte es sich um eine biologisch abbaubare Schablone, die vor der Operation mit Zellen der Patienten besiedelt wurde.

Im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140-6736(10)62354-9) zeigen die Forscher, wie die Zellen das Transplantat innerhalb kurzer Zeit in eine natürliche Harnröhre verwandelten. Dies verhinderte spätere Strikturen, die sich bei konventionellen Operationen ergeben können.

Die Jungen kamen aus Mexiko und waren zwischen 10 und 14 Jahre alt. Drei hatten nach einem Verkehrsunfall, zwei bei einem sogenannten Straddle-Trauma (stumpfes Trauma im Dammbereich) eine komplizierte Verletzung der Harnröhre erlitten.

Bei zwei Patienten war bereits eine Rekonstruktion, einmal mit Wangenschleimhaut – einmal mit dem Präputium – versucht worden. Eine konventionelle Rekonstruktion erschien wenig erfolgversprechend. Für die Züchtung einer neuen Urethra wurde den Kindern zunächst eine Blasenbiopsie entnommen.

Aus ihr wurden Muskel- und Urothelzellen isoliert und an der Universidad Autonoma Metropolitana in Mexico City in Zellkulturen vermehrt. Nach 3 bis 6 Wochen standen genügend Zellen zur Verfügung. Sie wurden auf eine röhrenförmige Schablone gegeben – die Urothelzellen innen und die Muskelzellen außen.

Die Schablonen waren zwischen 4 und 6 cm lang. Der Durchmesser betrug 16 French. Die Schablonen bestanden aus einem biologisch abbaubaren Kunststoff. Vor der Operation wurden sie mit den Zellen über 7 Tage in einem Inkubator besiedelt.

Während der Operation wurden die verletzten Stellen freipräpariert und über einem liegenden Harnwegskatheter exzidiert. Danach wurden die Schablonen implantiert und mit den Rändern der natürlichen Urethra anastomisiert. Die Operationen fanden zwischen März 2004 und Juli 2007 statt.

Die Gruppe um Anthony Atala vom Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston Salem im US-Staat North Carolina trat erst jetzt an die Öffentlichkeit, da sich ein Erfolg der Therapie erst nach etwa 5 Jahren beurteilen lässt.

Eine Crux bei der konventionellen Rekonstruktion sind späte Strikturen infolge einer Narbenbildung. Die fünf Operationen liegen im Durchschnitt 71 Monate zurück und nach den Befunden von Atala ist es bei keinem der fünf Jungen bisher zu einer narbigen Striktur gekommen: Die maximale Flussrate betrug median 27,1 ml/Sek. Durch wiederholte Biopsien kann Atala dokumentieren, dass sich das Transplantat bereits 3 Monate nach der Operation in eine natürliche Harnröhre mit einem normalen Aufbau verwandelt hatte.

Diese Ergebnisse überzeugen den Editorialisten Karl-Dietrich Sievert von der Universität Tübingen. Er gibt allerdings zu bedenken, dass auch die Ergebnisse der bisherigen Rekonstruktion bereits sehr gut sind, auch wenn häufiger mehrfache Operationen notwendig werden. Ob sich die Harnröhre aus dem Labor durchsetzt, werde nicht zuletzt von den Kosten abhängen, mutmaßt Sievert. © rme/aerzteblatt.de

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