Hohe Prävalenz bipolarer Störungen
Dienstag, 8. März 2011
Bethesda – Etwa ein Prozent aller Erwachsenen leidet unter einer bipolaren Störung. Bei weiteren 2,4 Prozent liegen einzelne Symptome vor. Dies ergab eine Querschnittsstudie in den Archives of General Psychiatry (2011; 68: 314-321).
Die vom US-National Institute of Mental Health bestellten Interviewer waren in elf Ländern ausgeschwärmt: In Brasilien, Mexiko, Kolumbien und den USA, in Bulgarien und Rumänien, in China, Indien und Japan, im Libanon und in Neuseeland wurden 61.392 Erwachsene mit strukturierten Fragebögen nach Symptomen befragt, die typisch für Bipolare Störungen sind.
Als „Bipolar I“ wurden Menschen eingestuft, wenn sie Phasen einer gehobenen, überschwänglichen Stimmung („Manie“) kannten, die länger als 7 Tage anhalten, ohne dass es einen gemessenen Grund dafür gibt. Außerdem müssen drei weitere manieartige Störungen nach DSM-IV vorliegen – oder vier, wenn sich die Manie durch eine gereizte Stimmung manifestierte.
Stimmungsstörungen, die zu einer schweren Beeinträchtigung oder einer Hospitalisierung führten oder mit psychotischen Symptomen einhergehen, legten ebenfalls eine Bipolar I-Störung nahe. Dies hatten nach den jetzt von Kathleen Merikangas vom National Institute of Mental Health in Bethesda vorgestellten Daten 0,6 Prozent der Bevölkerung schon einmal erlebt (Lebenszeitprävalenz). Bei 0,4 Prozent lag die letzte Episode weniger als 12 Monate zurück.
Als Bipolar II wurden jene Befragten klassifiziert, die auch schwere Depressionen kannten, wobei die manischen Symptome dann geringer ausgeprägt sein (Hypomanie) und nur 4 Tage andauern mussten. Dies kannten 0,4 Prozent der Befragten (Lebenszeitprävalenz). Bei 0,3 Prozent lag die Episode weniger als 12 Monate zurück.
Neben dieser bipolaren Störung litten 1,4 Prozent (Lebenszeit), beziehungsweise 0,8 Prozent (letzten 12 Monate) an einer unterschwelligen Störung. Sie zeigten nur einzelne Symptome der Erkrankung.
Erwartungsgemäß leiden die Patienten eher unter den Depressionen als unter den Manien. Etwa 74 Prozent der Patienten waren durch Depressionen, immerhin 51 Prozent aber auch durch die Manien in ihrer alltäglichen Rolle eingeschränkt. Drei Viertel aller Patienten zeigten neben der Bipolaren Störung weitere psychiatrische Erkrankungen. Am häufigsten waren Angststörungen und hier insbesondere Panikattacken.
Während die Störungen in allen Ländern mehr oder weniger gleich häufig auftraten, waren die Behandlungsangebote sehr unterschiedlich. Laut Merikangas bleiben bipolare Störungen vor allem in wirtschaftlich schwachen Ländern häufig unbehandelt, was viele Suizide zur Folge haben dürfte.
Auch wenn die Prävalenzen etwas niedriger sind als in der Literatur bisher angegeben, gehören bipolare Störung dennoch zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Da sie sich oft schon im frühen Erwachsenenalter manifestieren, könnten sie zu einem höheren Verlust an Lebensjahren in voller Gesundheit (QALY) führen, als alle Krebserkrankungen oder alle schweren neurologischen Erkrankungen zusammen, schreibt die Autorin.
© rme/aerzteblatt.de
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