Politik

Debatte um die Zukunft kirchlicher Krankenhäuser

Freitag, 11. März 2011

Freiburg – Jeder dritte Krankenhauspatient in Deutschland lässt sich in einer Klinik in kirchlicher Trägerschaft behandeln. Erstmals kamen gestern und heute in Heidelberg Experten und Entscheider aus ganz Deutschland zur Debatte über die Zukunft kirchlicher Krankenhäuser zusammen. 

Studien sagen voraus, dass die Zahl aller Kliniken in Deutschland aufgrund von Konzentrationsprozessen und wirtschaftlichen Zwängen in den kommenden Jahren deutlich sinken wird. Andererseits bleibt das Gesundheitswesen mit bundesweit mehr als 4,4 Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von 263 Milliarden Euro im Jahr 2009 ein Wachstumsmarkt. 

Volker Penter, Berliner Gesundheitsökonom und renommierter Wirtschaftsberater im Krankenhauswesen, wagte in Heidelberg die überraschende Prognose, dass die konfessionellen Kliniken ihren Anteil am Gesundheitsmarkt auch in den nächsten Jahren behaupten können.

Vom Trend der Privatisierung seien vor allem die Kliniken in öffentlicher Trägerschaft betroffen. Zeit zum Zurücklehnen indes, das machten die Debatte im Heidelberger Krebsforschungszentrum deutlich, haben die kirchlichen Kliniken keineswegs. 

Der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Bernd Helmig konnte mit von ihm erhobenen Daten zeigen, dass vor allem solche Krankenhäuser wirtschaftliche Probleme und Wettbewerbsnachteile haben, die sich einer Suche nach neuen Geschäftsfeldern und Innovationen verschließen.

Doch auch er stellte den kirchlichen Häusern im Schnitt ein gutes Zeugnis aus: Denn entgegen verbreiteter Vorurteile belegt Helmigs Studie, dass konfessionelle Kliniken im Vergleich zu öffentlichen oder privat geführten Häusern keineswegs überdurchschnittlich altmodisch oder wenig innovativ seien. „Unsere Zahlen zeigen klar: Die Trägerschaft an sich hat keinen Einfluss auf den Erfolg einer Klinik“.

Wie definieren die kirchlichen Kliniken aber selbst ihren Erfolg? Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler und Marketingexperte Dieter Tscheulin mahnte, dass kirchliche Häuser stärker den in Umfragen nachweisbaren Vertrauensvorsprung gegenüber nichtkirchlichen Kliniken nutzen sollten.

Denn noch immer wünschten sich Patienten eine Behandlung, die von Haltungen wie Nächstenliebe, Caritas, Spiritualität, Wärme oder Fürsorge geleitet sei. „Die Konfessionalität, unsere christliche Prägung, muss das Salz sein, das man überall in unser Arbeit herausschmeckt“, fasste Fokko ter Haseborg, Leiter der Hamburger Klinikgruppe Albertinen-Diakoniewerk, zusammen. 

Am Rande der Tagung machte Michael Fischer von der nordrhein-westfälischen Krankenhausgruppe Franziskus Stiftung jedoch darauf aufmerksam, dass die praktische Umsetzung dieses Anspruchs immer schwerer werde. Beispiel Personalsuche: Die Gewinnung geeigneter Ärzte und Pflegekräfte, so Fischer, bereite immer größere Probleme.

„Wir mussten schon Bereiche schließen, weil wir keine Mitarbeiter gefunden haben.“ Industrie und Pharmaforschung lockten mit höheren Gehältern und attraktiveren Arbeitsbedingungen, so Fischers Beobachtung. Wie viel Gewicht, Kliniken vor diesem Hintergrund noch auf ihren Anspruch einer christlichen Arbeitsethik legen können, blieb offen. 

Die Tagungsorganisatoren von Diakoniewissenschaftlichem Institut Heidelberg und Caritaswissenschaft Freiburg zeigten sich zufrieden mit dem fachlichen Austausch und kündigten an, über eine eigens gegründete „Deutsche Stiftung für christliche Krankenhäuser“ künftig regelmäßig Gelegenheiten für Austausch und Strategiedebatten im umkämpften Gesundheitsmarkt zu geben. © kna/aerzteblatt.de

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lustrudiluna
am Freitag, 11. März 2011, 21:15

christliche Arbeitsethik oder Ausbeutung?

Ich verstehe nicht was christliche Arbeitsethik mit schlechterer Bezahlung oder schlechteren Arbeitsbedingungen zu tun hat. Pflegekräfte sind keine Ordensangehörige wie zu Zeiten der Ursprünge von Krankenhäusern. Verzichten die Häuser in kirchlicher Trägerschaft auf ihnen zustehende Zahlungen oder agieren sie als Wirtschaftsunternehmen? Wo bleibt da die Caritas?
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