Gutachten: WHO war auf Schweinegrippe schlecht vorbereitet
Freitag, 11. März 2011
dpa
Genf – Die Schweinegrippe hat einige Schwächen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Umgang mit Pandemien offenbart, urteilt eine Gruppe unabhängiger Experten in einem Entwurf für ein Gutachten, das im Mai vorgestellt werden soll. Hinweise für eine Beeinflussung von Entscheidungen durch die Impfstoffhersteller gebe es aber nicht.
Im Januar 2010, als die Pandemie H1N1 2009/10 (“Schweinegrippe”) weitgehend vorüber war und die Industrieländer feststellen mussten, dass sie auf den Impfstoffen sitzen bleiben, hatte die WHO ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die Erfahrungen zusammenzufassen.
Ein erster 33-seitiger Entwurf wurde jetzt etwas versteckt auf den Seiten der WHO veröffentlicht. Er findet sich in der Rubrik zu den International Health Regulations. Es handelt sich um eine Reihe von „Internationalen Gesundheitsvorschriften“, die für die die Mitglieder bindend sind. Sie wurden zuletzt 2005 überarbeitet und legen unter anderem fest, wie sich die WHO im Fall einer Pandemie verhalten soll.
Im Zentrum der WHO-Reaktion im Fall einer drohenden Influenza-Pandemie steht ein Alarmplan, der sechs Phasen vorsieht. Er wurde im Jahr 2009 aktiviert. Nach und nach wurde die nächste Phase und schließlich, wenn auch zögerlich, die höchste Alarmphase 6 verkündet.
Sie verpflichtet die Mitgliedsländer zu Gegenmaßnahmen, die sich bei der Schweinegrippe als maßlos übertrieben erwiesen haben. Der Pandemie-Plan habe die Gefahr in hohem Maße überschätzt, weil er den Schwerpunkt auf die geografische Ausbreitung legt, dabei aber den geringen Schweregrad der Erkrankungen übersah, urteilen jetzt die Gutachter.
Der Plan sei auf die Vogelgrippe (H5N1) zugeschnitten, bei der die Letalität 60 Prozent beträgt. An der Schweinegruppe H1N1 starben jedoch nur wenige Infizierte. Zu den Empfehlungen der Experten gehört deshalb ein neuer Plan.
Er sollte stark vereinfacht werden, statt sechs könnten drei Phasen ausreichen. Der Schweregrad der Erkrankungen müsse jedoch stärker berücksichtigt werden. Statt aus den Mitgliedsländern die Zahl der im Labor bestätigten Infektionen anzufragen, könnte die Zahl der Hospitalisierungen oder Todesfälle besser geeignet sein, um das Ausmaß der Pandemie richtig einzuschätzen.
Die Gutachter gestehen der WHO zu, dass sie auf eine Grippe-Pandemie personell schlecht vorbereitet ist. Die Interventionspläne seien auf kleine fokale Epidemien zugeschnitten. Dann gelingt es der WHO meistens innerhalb kurzer Zeit Teams auch in die entlegensten Ortschaften zu entsenden und Impfungen zu organisieren. Bei einer Grippe-Pandemie greifen diese Instrumente nicht. Die WHO, so das Gutachten, sei auf eine Pandemie einfach schlecht vorbereitet.
Die WHO hat nach Ansicht der Gutachter nicht nur organisatorische Fehler gemacht, auch eine schlechte Kommunikation ihrer Entscheidungen habe förmlich zu Verdächtigungen eingeladen. Diese betrafen die Rolle der externen Berater, die zu den Impfempfehlungen gehört wurden.
Deren Identität sei zwar in Übereinstimmung mit den Gepflogenheiten geheim gehalten worden. Doch dies musste den Verdacht schüren, die WHO habe etwas zu verheimlichen. Als dann herauskam, dass einige Berater Forschungsarbeiten für die Impfstoffhersteller durchgeführt hatten, war der Boden für Verschwörungstheorien gelegt.
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie
registriert sein.
Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.
Viele der Kritikpunkte sind berechtigt. Allerdings wird dabei ein entscheidender Punkt übersehen: Der Verlauf einer Pandemie ist nicht vorhersehbar. Schon kleine Mutationen können die Aggressivität des Erregers massiv steigern. Die Impfung ist gegen das Hämagglutinin, d.h.eines der zentralen Membranproteine gerichtet, die das Virus zum Eindringen benötigt. Gefährliche Mutationen können aber auch an anderen viralen Proteinen auftreten. Auch im Falle einer solchen Mutation könnte der Verlauf der Welle sich dramatisch ändern - ohne, dass der Impfschutz beeinträchtigt ist. Unter der ursprüngl. Annahme eines milden Verlaufs, wäre dann aber kein Impfstoff ausreichend verfügbar. Es sei erwähnt, das wir im Moment nur knapp die Produktionskapazitäten haben um die Bevölkerung mit je einer Dosis zu versorgen - andere Länder gehen ganz leer aus. Der Trend zur Grippeimpfstoffausschreibung wird diese Problematik verschärfen, da einzelne Hersteller sich vom Markt zurückziehen werden. Will sagen, die WHO war durchaus gezwungen, die Pandemie auszurufen und Krisenpläne zu aktivieren. Hier sollte eher überlegt werden, wie man diese optimiert ohne für den Fall einer aggressiven Mutation im Regen zu stehen.
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.