Politik

Kommunikation in der Onkologie: 5 Fragen an Friedrich Overkamp

Mittwoch, 16. März 2011

Berlin – Nutzenbewertungen sind ein hochaktuelles Thema in der Onkologie, doch dabei stehen Arzneimittel im Mittelpunkt. Über den Nutzen guter Gespräche zwischen Krebspatienten und ihren Ärzten wird nach Ansicht von Friedrich Overkamp zu wenig diskutiert und geforscht. 

Overkamp, niedergelassener Onkologe in Recklinghausen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), wird über den „Nutzen des ärztlichen Gesprächs“ bei der diesjährigen Frühjahrstagung seiner Fachgesellschaft am 17. und 18. März in Berlin referieren.

Dass ihm das Thema Kommunikation am Herzen liegt, hat auch biografische Gründe: Overkamp moderierte während seines Medizinstudiums regelmäßig beim Westdeutschen Rundfunk und wollte ursprünglich Wissenschaftsjournalist werden.  

Fünf Fragen zu einem unterschätzten Thema an Friedrich Overkamp

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DÄ: Herr Dr. Overkamp, ist die Kommunikation in der Onkologie ein wunder Punkt?

Overkamp
: Ich denke schon. Das fängt damit an, dass manche Kolleginnen und Kollegen Hemmungen haben, Begriffe wie Krebs, Metastase, Unheilbarkeit überhaupt in den Mund zu nehmen. Sie sprechen auch nicht gern über die Auswirkungen der Krankheit auf Familie und Beruf oder gar das Sexualleben. All das sind noch viel zu häufig Tabuthemen, wie Patienten immer wieder zu Recht anprangern.

Umgekehrt sind wir teilweise auch nicht in der Lage, den Patienten Therapiemöglichkeiten oder Heilungschancen tatsächlich gut zu vermitteln. Das belegen zahlreiche Umfragen zu Patientenzufriedenheit in Kliniken wie Praxen. Immer wieder zeigt sich, dass die Hauptursache, weshalb Kranke unzufrieden sind mit ihrer ärztlichen Versorgung, die mangelhafte Kommunikation ist. Dabei ist häufig nicht nur eine schwache Leistung gemeint, sondern teilweise auch die Tatsache, dass manche Kollegen am liebsten gar nicht reden.

DÄ: Ist das ärztliche Gespräch für Onkologen aufgrund der Art der Erkrankung eine besondere Herausforderung?

Overkamp: Natürlich gibt es auch in anderen Fachgebieten schwere Erkrankungen, aber Krebserkrankungen bewegen die betroffenen Menschen sicher immer noch in besonderer Weise. Deshalb spielt wahrscheinlich das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt auch eine besondere Rolle. Dass es so schwer ist, diese Herausforderung anzunehmen, liegt sicher an unserer Ausbildung. Wir legen großen Wert auf Kenntnis der Krankheitsbilder und der therapeutischen Möglichkeiten, aber nicht darauf, dass die Kommunikationsfähigkeiten geschult werden. Weil das bei älteren Chefärzten oder Oberärzten keine besondere Rolle gespielt hat, achten sie beim Nachwuchs auch nicht darauf.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die eigene Betroffenheit. Krebserkrankungen sind schwere Erkrankungen, und da scheut sich mancher Kollege, die gesamte Tragweite wirklich zu benennen. Man neigt dann zum Delegieren und hofft, ein anderer werde dies oder das schon ansprechen. Das Problem ist, dass dann vieles verschwiegen wird, zum Teil eben auch positive Aspekte oder Heilungsmöglichkeiten.

Nicht zuletzt hindert einen aber auch der Zeitdruck an guten Gesprächen. In der Klinik fehlen oft die Zeit und auch der Raum für ein vertrauliches Zwiegespräch. In der Praxis hat man es leichter, nur: Das ärztliche Gespräch wird dort bei weitem nicht so gut honoriert wie apparative Untersuchungen. Deshalb investieren die Kollegen teilweise in die Kommunikation nicht so viel Zeit und Empathie, wie es wünschenswert wäre.

DÄ: Welchen nachweisbaren Nutzen könnte es denn Ihrer Meinung nach haben, wenn Onkologen intensiver mit ihren Patienten sprechen würden?

Overkamp:
Nehmen Sie als Beispiel eine ambulante Chemotherapie, die sich über mehrere Monate hinzieht. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, treten stets Nebenwirkungen auf, mehr oder weniger stark. Wenn man Patienten zum Beispiel vor der anstehenden Infusion nur fragt, ob sie irgendwelche Beschwerden haben, sagen sie oft, es gehe ganz gut. Wenn Sie gezielter fragen, ob der Patient vielleicht ein Kribbeln in den Fingern hat, ein Kälte- oder Taubheitsgefühl, manchmal Durchfall oder ein flaues Gefühl im Oberbauch ­ dann kommen alle möglichen Symptome zutage, und das klinische Bild ändert sich.

Dann muss man womöglich Dosisreduktionen vornehmen, Antiemetika verschreiben, was auch immer. Es ist also enorm wichtig, mit dem Kranken zu sprechen und genau zu erfassen, wie es ihm geht, um eine unnötige Belastung oder Toxizität für ihn zu vermeiden. Ich plädiere daher vehement dafür, dass vor jeder Therapie ein eingehendes ärztliches Gespräch geführt wird.

DÄ: Ließe sich so auch Geld sparen?

Overkamp: Wir könnten durchaus im Rahmen einer unserer originären ärztlichen Aufgaben, nämlich der Patientenführung, wesentlich zur Kostendämpfung beitragen. Nehmen Sie das Beispiel Tumorschmerzen. Da wird zum Teil Geld verpulvert, weil Patienten Medikamente gar nicht einnehmen oder weil panisch hin- und hergewechselt wird.

In einem guten Gespräch könnte man die bisherige Therapie hinterfragen und hören, ob der Patient die Medikamente wirklich regelmäßig nimmt, ob die Dosis stimmt, ob vielleicht etwas anderes die Wirkung stört. Wir geben uns zu wenig Mühe, Patienten anzuhören und immer wieder nachzufragen. Wir könnten Geld sparen, indem wir Medikamente, die die Patienten nicht nehmen wollen, reduzieren oder gar nicht erst verordnen oder Begleitmedikamente reduzieren, wenn wir frühzeitig und offen über Nebenwirkungen sprechen.

DÄ: Schon jetzt beklagen Onkologen, dass sich keine Finanzierung für die Versorgungsstudien finden lässt, die sie sich wünschen. Wer soll Studien zum Nutzen guter Gespräche zwischen Arzt und Patient in der Onkologie finanzieren?

Overkamp: Das ist ein Problem. Wir müssten überlegen, wie man in gängige Studien Aspekte der Kommunikation mitberücksichtigen kann. Ansonsten kann ich allen Kollegen nur empfehlen, ihre Kommunikation durch Trainings zu verbessern. Es gibt ja nur wenig Naturtalente. Ich habe bislang noch jedes Mal etwas dazugelernt. © Rie/aerzteblatt.de

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