Ärzteschaft

Bremer Methadonprogramm gefährdet Kinder Drogensüchtiger

Freitag, 18. März 2011

Bremen – Anlässlich des Skandals um mit Methadon und Heroin belastete Kinder in Bremen hat die Substitutionskommission der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) und der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) den zuständigen Stellen Nachlässigkeit vorgeworfen.

Zuvor hatten Untersuchungen der Sozial- und Gesundheitsbehörde des Landes ergeben, dass zahlreiche Kinder methadonsubstituierter Eltern selbst Spuren illegaler Drogen im Körper hatten. Es bestehe der Verdacht, dass die Eltern ihren Kindern möglicherweise bewusst Drogen wie Kokain, Heroin oder Beruhigungsmittel gegeben haben, sagte die Sprecherin des Bremer Sozial- und Gesundheitsressorts, Petra Kodré, am Freitag.

Bei 14 von 15 in den vergangenen Monaten untersuchten Kindern wurde in Haarproben Drogen gefunden, die Minderjährigen wurden aus den Familien genommen. Die Zahl sei alarmierend, sagte Kodré.

Vonseiten der KVHB-Substitutionskommission hieß es, sie habe seit langem auf mögliche Risiken des Therapieprogramms hingewiesen. „Wir müssen leider feststellen, dass die zuständigen Stellen die Hinweise der Experten seit mindestens vier Jahren auf die leichte Schulter nehmen“, kritisierte KVHB-Vize Günter Scherer.

So habe die Substitutionskommission seit 2007 auf 19 Suchtpatienten mit Kindern hingewiesen, die zum Teil neben der Entwöhnungsdroge Methadon zusätzlich weitere Rauschgifte zu sich genommen hätten. Aus Sicht der Mediziner stelle dies eine akut bedrohliche Situation für Kinder dar.

Eine Initiative der Substitutionskommission aus dem Jahr 2007, wonach Entwöhnungspatienten mit Kindern prophylaktisch erfasst werden, um die Familiensituation durch die zuständigen Stellen besser zu durchleuchten, habe der Datenschutz einen Riegel vorgeschoben. „Wir hätten hier gemeinsam mit den zuständigen Stellen Lösungen finden können. An den Ärzten in Bremen wäre dies nicht gescheitert“, so Scherer.

Es werden nun weitere 30 Kinder im Alter von ein bis drei Jahren und deren Geschwister untersucht. Kleinkinder seien besonders gefährdet, da Eltern möglicherweise mit ihnen überfordert seien und sie ruhigstellen könnten.

Die Analysen werden von zwei Laboren unabhängig voneinander vorgenommen. Mit dem Ergebnis werde in rund vier Wochen gerechnet. Eine solche systematische Überprüfung habe es bislang noch nicht gegeben. Sollte sie zu einem ähnlichen Resultat kommen wie bei den ersten 15 Proben, würde dies bundesweit die Drogentherapie „auf den Kopf stellen“, sagte Kodré. © Hil/dpad/aerzteblatt.de

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poizen
am Samstag, 14. Mai 2011, 16:06

eventuelle Fehlmessungen?

Hallo,
Ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen.
Ich werde selbst substituiert, habe aber keine Kinder.
Liegt es nicht im Rahmen der Möglichkeit, dass, wenn die Eltern aktiv Drogen genommen haben (Methadon - eventuell auch Beigebrauch haben - ) dass diese, welche ja aktiv auch über soge. "Wipe-Test" im Schweiss der Hände gemessen werden können, dann , wenn die Eltern mit ihren Kinder umgehen oder mit ihnen kuscheln, auf deren Haare übertragen werden und eingebaut werden?

Quasi aus dem Schweiss direkt ins Haar?

In diesem Fall sollte man bei den Kindern die Haarprobe durch entsprechende Urinuntersuchungen verifizieren, bevor man gleich die Kinder aus den Familien nimmt.
14 von 15 kommt mir einfach zu unrealistisch vor.

gruß
p.
Schelm
am Montag, 21. März 2011, 18:41

Kein Bremer Problem.

Auch in anderen Städten wurde Methadon in Wochen- und Monatsgebinden an Abhängige abgegeben, die damit den Drogenmarkt an den Bähnhöfen vergrößerten und damit ihren Beikonsum finanzierten... Kein Bremer Problem, sondern ein Problem der mehr oder weniger unkontrollierten Abgabe durch mehr oder weniger geeignete Praxen. Wenn in Arztbriefen aus dem Krankenhaus daraufhin hingewiesen wurde, passierte nichts...
harlekin2000
am Montag, 21. März 2011, 15:55

Substitution gefährdet niemanden und kann positiv sein. ABER!!!

Die Substitution muss sicher verlaufen. Wenn die Leute ihre Drugs mit nach Hause bekommen oder sie anderweitig rausschmuggeln ist damit weiterem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Es gab in Bregenz einen Todesfall durch so eine Schlampigkeit. Denn anders ist es nicht zu bezeichnen.
Generell ist aber die kontrollierte Abgabe unter Verantwortungsbewusstsein ein Segen!!!
Inge Hoenekopp
am Montag, 21. März 2011, 10:42

Bitte korrekt...

Nicht das „Methadonprogramm gefährdet die Kinder“, sondern das Verhalten der Eltern, sofern sich die Ergebnisse der Analysen bestätigen.
Ohne Methadonprogramm dürfte die Gefährdung erheblicher sein.

„Sollte sie zu einem ähnlichen Resultat kommen wie bei den ersten 15 Proben, würde dies bundesweit die Drogentherapie „auf den Kopf stellen“, sagte Kodré.“

Wieso würde das bundesweit die Drogentherapie auf den Kopf stellen?

Die „zuständigen Stellen“, z.B. Jugendämter, müssen entsprechende Maßnahmen ergreifen. Nicht nur in Bremen reagieren manche zögerlich auf Hinweise aus der Ärzteschaft bezüglich „Beikonsum“ der Substituierten. Es gibt auch schon gute Projekte bundesweit, Kooperationsvereinbarungen zwischen Suchtmedizin, Drogenhilfe und Jugendämtern. Die Umsetzung scheint unterschiedlich zu sein, sowie die Einschätzung („Haltung“) der verschiedenen Berufsgruppen, was tolerabel ist. Mir sind Fälle bekannt, wo ständige Hinweise auf Dauer (!) Konsum anderer Drogen für ein Jugendamt kein Grund zur Ergreifung „härterer“ Auflagen bzw. für die Fremdunterbringung des Kindes sind. Ihr Artikel kommt mir als Argumentationshilfe, wenn auch aus traurigem Anlass, gerade zur rechten Zeit.
Bruddler
am Samstag, 19. März 2011, 09:13

Zufall?

Ich habe eine Benzodiazepinabhängige aus Bremen "geerbt". Die hatte von der dortigen Ärztin ein Attest, das ihr einen Anspruch auf etwa 12 mg Lorazepam pro Tag bescheinigte. Die Kranke hat diesen "Anspruch" natürlich vehement verteidigt. Wer diesen Anspruch infrage stellt ist böse. Zufall? Sicherlich.
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