Medizin

Mammakarzinom: 50 Krebs-Genome entschlüsselt

Montag, 4. April 2011

St – Louis. In einer molekulargenetischen Herkules-Arbeit haben US-Forscher das komplette Genom von 50 Mammakarzinomen sequenziert und mit dem Erbgut der Patientinnen verglichen. Ihre Ergebnisse stellten sie auf der Jahrestagung der American Association for Cancer Research in Orlando vor.

Der technische Fortschritt in der Molekularmedizin macht es möglich, in immer kürzerer Zeit und zu verträglichen Preisen eine immer größere Menge von Gendaten zu ermitteln. Die Gruppe um Matthew Ellis vom Alvin J. Siteman Cancer Center in St. Louis konnte das gesamte Genom von 30 Mammakarzinomen sequenzieren.

Um den gemeinsamen genetischen Nenner der Tumoren zu finden, die ihr Erbgut im Verlauf der Erkrankung häufig verändern, wurde jeder Tumor gleich 30 Mal sequenziert. Insgesamt wurden mehr als 10 Trillionen Basenpaare bestimmt. Eine Hauptschwierigkeit bestand darin, diese Daten sinnvoll zu verarbeiten. Die Forscher benötigten einen Supercomputer von der gleichen Größe wie das CERN in Genf ihn für den Large Hadron Collider benutzt.

Der Rechner ermittelte insgesamt 1.700 Abweichungen, die jedoch zumeist auf einzelne Tumoren beschränkt waren. Es handelte sich um Einzelmutationen, den Verlust von Erbinformationen (Deletionen) oder deren Verlagerung (Translokation) innerhalb und zwischen den Chromosomen. Drei Veränderungen traten bei mehr als 10 Prozent der Tumoren auf.

Am häufigsten, nämlich zu 40 Prozent, waren Veränderungen im Gen PIK3CA. Das Gen GTP53 war bei etwa 20 Prozent verändert. Diese Varianten waren allerdings schon in früheren Untersuchungen gefunden wurden, weshalb Ellis sich ein wenig enttäuscht über die Ausbeute der Arbeit zeigte.

Immerhin: Das Gen MAP3K1, das bei etwa 10 Prozent der Tumoren verändert war, könnte ein Volltreffer gewesen sein. Das MAP3K1 kontrolliert in seinem unveränderten Zustand die Apoptose. Sie sorgt im gesunden Organismus dafür, dass funktionsgestörte Zellen aus einem Zellverband eliminiert werden, bevor sie zum Auslöser eines Krebswachstums werden können.

MAP3K1 könnte deshalb ein Ansatzpunkt für eine Therapie sein, wenn es denn gelänge, seine ursprüngliche Funktion wieder herzustellen. Außer MAP3K1 wurden noch zwei weitere mutierte Gene (ATR und MYST3) in der gleichen Häufigkeit gefunden. Weitere 21 Gene waren seltener, aber statistisch signifikant mit dem Tumorwachstum assoziiert.

Auch eine zweite Erwartung erfüllte sich nur teilweise. Alle Tumoren stammten von Patientinnen, die an einer Therapiestudie der American College of Surgeons Oncology Group teilgenommen hatten. Gegenstand der Studie war die Wirkung von Aromatase-Inhibitoren beim Östrogenrezeptor-positivem Mammakarzinom gewesen.

Insgesamt 24 der 50 Patientinnen hatten nicht auf diese Therapie angesprochen, und ein Ziel der Studie war, die dafür verantwortlichen Gene zu finden. Dies scheint nicht gelungen zu sein, auch wenn die MAP3K1-Mutationen bei den Tumoren, die auf die Therapie mit Aromatase-Inhibitoren ansprachen, etwas häufiger gefunden wurden.

Die Studie werde wohl keinen wesentlichen Beitrag zum Problem der Resistenz auf die Hormontherapie leisten, meint Ellis. Das Mammakarzinom erweise sich genetisch als eine sehr komplexe Erkrankung. Die Aussicht auf ein Medikament, das eine zielgerichtete Therapie bei einer großen Anzahl von Patientinnen erlaubt, sei derzeit nicht in Sicht, berichtet Ellis.

Andererseits könnten aber auch Therapien, die auf relativ seltene Mutationen gerichtet sind, vielen tausenden Frauen nutzen, hofft der Forscher. Mit der Variabilität der Mutationen steigt allerdings die Anzahl der notwendigen diagnostischen Tests, die die Kosten der Therapie weiter erhöhen würde. © rme/aerzteblatt.de

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