Ausland

Guantanamo: Schauten Ärzte bei Folter weg?

Mittwoch, 27. April 2011

Cambridge – Ein Mitarbeiter der Organisation Physicians for Human Rights und ein leitender US-Soldat erheben in PLoS Medicine (2011; 8: e1001027) schwere Vorwürfe gegen Ärzte und Psychiater im US-Gefangenenlager Guanta­namo. Sie sollen bei der Folterung von Gefangenen weggesehen und den Ursachen von Verletzungen nicht auf den Grund gegangen sein.

Es ist kein Geheimnis, dass Insassen im Gefangenenlager Guantánamo Bay gefoltert wurden. Seit August 2002 zählten das simulierte Ertränken („waterboarding“), erzwungene Nacktheit, Schlafentzug, Kälte (Hypothermie) und schmerzhafte Körperhaltungen (Stress-Positionen), die zuvor auch in den USA als Folter betrachtet wurden, zu den „verstärkten“ (enhanced) Befragungsmethoden. Sie wurden von der US-Regierung als „sicher, legal, ethisch und effektiv“ eingestuft.

Inzwischen haben mehrere Insassen vor Gericht Anklage wegen Folter und Misshandlungen erhoben. Vincent Iacopino von Physician for Human Rights, einer unabhängigen Menschenrechtsorgansation in Cambridge/Massachusetts, und Stephen Xenakis, ein ehemaliger Brigadegeneral der US-Armee, haben die Krankenakten von neun Klägern ausgewertet.

Dort stießen sie auf Angaben zu körperlichen und psychischen Erkrankungen, die die Anschuldigungen stützen. Zu den körperlichen Verletzungen gehörten Prellungen (2 Patienten), Knochenbrüche (3), Wunden (2), Beschädigungen peripherer Nerven (1) und Ischiasbeschwerden (2).

An psychiatrischen Folterfolgen wurden dokumentiert: Albträume (5), Suizidgedanken (4), Depressionen (2), audiovisuelle Halluzinationen (3), Suizidversuche (2), Angst/Klaustrophobie (2), Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen (1) sowie Bewusstseinsveränderungen (2).

Den behandelnden Ärzten werfen Iacopino und Xenakis vor, dass sie die Schäden zwar dokumentiert, aber nicht nach den offenkundigen Ursachen gefragt hätten. Darüber hinaus seien psychologische Symptome häufig als „Persönlichkeitsstörungen“ oder „übliche Folgen der Gefangenschaft“ banalisiert worden.

Die Ärzte und Psychiater haben ihre Dossiers möglicherweise auch den Folterern zur Verfügung gestellt. Ein Insasse berichtet, die Tatsache, dass er unter chronischen Rückenschmerzen litt, sei benutzt worden, um ihm gezielt schmerzhaften Stresspositionen auszusetzen.

Physicians for Human Rights hat vom US-Präsidenten Obama die Einsetzung einer Untersuchungskommission gefordert. Außerdem müsse einem Special Rapporteur on Torture der UN-Menschenrechtskommission ein Besuch des Gefangenenlagers erlaubt werden. Das US-Verteidigungsministerium hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert.

Das Gefangenenlager Guantánamo Bay wurde trotz eines Wahlkampfversprechens von Präsident Obama noch nicht geschlossen. Sollte sich dereinst herausstellen, dass US-Mediziner die Folterungen ignoriert oder sogar unterstützt haben, könnte dies berufliche Konsequenzen haben.

Die American Medical Association verlangt in ihrem Ethikkodex, dass Ärzte sich der Folterung widersetzen. Sie dürfen zwar die Opfer medizinisch behandeln, müssen aber, wenn irgend möglich, danach streben die Situationen zu verändern. © rme/aerzteblatt.de

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harlekin2000
am Donnerstag, 28. April 2011, 08:50

Schon vor vielen Jahren erschien eine Stellungnahme im NEJM

zu Guantanamo mit klaren Statements. Aber alle waren wohl nicht daran interessiert Folter zu diskutieren.
Mit Guantanamo haben sich die USA ausserhalb der freien und demokratischen Welt gestellt und sich auf eine Stufe mit Nordkorea, dem Iran und dem nationalsozialistischen Regime Hitlerdeutschlands. Das ist extrem bedauerlich. Dass die Marionette Obama Guantanamo nicht abgeschafft hat, ist ebenfalls verwerflich. Obama sollte sich überlegen warum ihn die Amerikaner wieder wählen sollten. Denn er hat nur ein Wahlversprechen erfüllt: Er hat seinen Kindern einen Hund gekauft. Toll.
Was mich schockiert hat, ist dass die USA unter G. W. Bush kein Vertrauen in ihr Rechtssystem hatten. Denn meiner Meinung hätte man das Völkerrecht nicht verletzen müssen. Das amerikanische Recht bietet genug Möglichkeiten Terroristen ihrer gerechten Strafe zu zuführen. Da braucht man niemanden zu deportieren und zu foltern.
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