Politik

Experten mahnen Reform der Pflegeversicherung an

Montag, 2. Mai 2011

Berlin – Das Deutsche Institut für Alters­vorsorge (DIA) warnt in der am Montag in Berlin vorgestellten Studie „Soziale Pflege­versicherung – heute und morgen“ vor einer Kosten­explosion der Pflege­­ver­sicherung innerhalb der nächsten Jahre. Die Wissen­schaftler Bernd Raffelhüschen, Tobias Hackmann und Bernd Katzenstein, sehen als größtes Problem die steigende Lebens­erwartung, welche einen erhöhten Pflegeaufwand zur Folge hat.

Die  heute erbrachten Leistungen sind nach Meinung des DIA  in Zukunft durch die bisherige Versicherung nicht mehr finanzierbar, da durch zunehmende Überalterung der Gesellschaft das Umlageverfahren an seine Grenzen stößt. Diese demographische Entwicklung sei schon jetzt absehbar und führt zu „mehr Pflegefällen, welche auf weniger Menschen verteilt sind“, erklärte Raffelhüschen. Desweiteren sei der technische Fortschritt in der Krankenpflege relativ gering, dementsprechend könne nicht mit hohen Effizienzsteigerungen und somit größeren Kostensenkungen gerechnet werden.

Insgesamt führe diese Entwicklung zu einer Verdopplung der Pflegefälle von heute 2,3 Millionen auf 4,4 Millionen Pflegefälle im Jahr 2050, prognostiziert der Finanzwissenschaftler. Der Beitragssatz der Pflegeversicherung müsste auf sieben bis acht Prozent bis zum Jahre 2050 steigen, um die Finanzierung sicherzustellen. 

Diese für künftige Generationen zu tragenden hohen Kosten, könnten zu einer „Kündigung des Generationenvertrages führen“, warnte Raffelhüschen, was einen Zusammenbruch der Pflegeversicherung zur Folge hätte.

Als möglichen Weg aus der Misere  schlagen die Autoren der Studie die Einführung einer einjährigen Karenzzeit vor. Pflegebedürftige müssten demnach für das erste Jahr ihrer Pflege selbst aufkommen. Dieses Risiko soll über eine verpflichtende private Vorsorge abgesichert werden. Erst in den Folgejahren würden dann von staatlicher Seite aus Leistungen übernommen. Mithilfe dieser Finanzierung könnte der Beitragssatz der Pflegeversicherung bei einjähriger Karenzzeit bis 2030, bei zweijähriger bis 2046, oder bei dreijähriger bis 2070 auf heutigem Niveau gehalten werden.

Anzeige

Dem entgegen stehen die bisher von der Politik diskutierten Reformvorschläge der Pflegeversicherung. Neben der Bürgerversicherung, welche als Pflichtversicherung auch Beamte, Selbstständige und Arbeitnehmer am oberen Ende der Versicherungspflichtgrenze einbezieht, wird noch die Möglichkeit der Fixierung der Pflegeleistungen auf heutigem Niveau diskutiert. Eine Ausgliederung einzelner Pflegestufen wurde auch schon in Erwägung gezogen.

Nach Analysen der DIA würden die Vorschläge jedoch zu einer Beitragssatzerhöhung oder einer Leistungseinschränkung in der Pflegeversicherung führen.

DIA-Sprecher Bernd Katzenstein kritisierte, dass trotz des von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ausgerufenen Reformjahres der Pflege bisher über die Kosten eisern geschwiegen werde. Die Leistungen und Kosten der zukünftigen Pflegeversicherung müssten für jeden Einzelnen „gut kalkulierbar und zumutbar sein“, forderte er.

Rösler will bis zur Sommerpause Eckpunkte für die Pflegereform vorlegen. In den bisherigen Pflege-Runden mit Experten der Branche ging es unter anderem darum, den Pflegeberuf attraktiver zu machen und den Fachkräftemangel zu beheben. Um die Finanzierung sollte es erst ganz zum Schluss gehen. © afp/TH/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

karin k
am Mittwoch, 10. August 2011, 19:07

aha gerechnet kalkuliert und prognostiziert

So derart pessimistisch, wie es hier dargestellt wird finde ich persönlich ein wenig übertrieben. Es wird sich mit der Zeit von selbst auf einen Level einpendeln. Nachschub aus Polen und anderen Ländern mit Deutschstämmigen wird wohl kaum noch kommen, die gegen ihren Willen in die Pflege gequetscht werden können. Auch wenn es sich demographisch derart wandelt wird der Bedarf an Konsumgütern und Dienstleistungen nicht abreißen. Also der Absprung für Pflegekräfte in andere familienfreundlichere und ruhigere und zudem noch gleich oder besser bezahlte Berufe noch leichter gemacht.

Hey der zehneuroschein der vielleicht mehr gezahlt wird kann nicht als Inkontinenzhose (Windelhose darf man ja nicht mehr sagen) oder als Toilettenpapier herhalten. Der muss erst einmal einen Abnehmer finden, der die Schiete beseitigt.

Irgendwann werden wir wieder das vorfinden, was vor der Pflegeversicherung gewesen ist. Ich wette, dass vor der Pflegeversicherung wesentlich mehr Menschen ab einem gewissen Alter in ihre Wohnung vorgefunden wurden als in der Zeit ab der Pflegeversicherung. Damals weil keiner wahr genommen hat wie groß der Hilfebedarf vor allem bei Dementen war und später weil kaum noch einer einen Platz in der ambulanten oder stationären Pflege findet aufgrund von Persönalmangel.

Was sagt uns das?????
Wir haben zu viele Politker, die noch komische und ungerechtfertigte Ängste schüren um ihre existenzberechtigung zu beweisen. Na wenn wir all die einparen inklusive der ganzen von ihnen verursachten Nebenkosten, könnten wir (jetzt rechne mal ich) die Beiträge für die Pflegeversicherung senken und dem Pflegepersönal mehr zahlen.

Grüße Karin
( eine Nichtakamiestukadierte, war mir in der Schule einfach zu peinlich beim Nachbarn alles abzuschreiben)
Senbuddy
am Freitag, 6. Mai 2011, 11:21

Zu Inge R.: Demographie und Demoskopie

In den Kritiken über Herrn Raffelhüschen (vor allem auf den von Inge R. zitierten "Nachdenkseiten") wird stets vergessen, dass der Mann Demograph ist und nicht Demoskop. Der Unterschied ist wichtig.

Erstere rechnen mit bereits vorhandenen und belastbaren Daten. Die Menschen, die R. zählt, sind ja schon geboren. Letztere machen massenpsychologisch oder ähnlich motivierte Prognosen (z.B. Vorhersagen von Wahl- oder Fußballergebnissen). Also erweiterte Kaffeesatzleserei.

Die Leute, die Raffelhüschen zählt, sind aber schon da. Und
dann ist es gar nicht schwer, diese Zahlen mit den aktuellen Sterbetafeln zu kombinieren und Zahlen der Bevölkerungsstruktur für die nächsten Jahrzehnte "vorherzusagen". Man braucht dafür nur die Grundrechenarten.

Und daraus dann einen steigenden Bedarf an Pflege zu prognostizieren, ist ja wohl auch nicht schwer. Und den in einem Anteil vom Arbeitseinkommen umzusetzen, ist auch möglich, und zwar unabhängig von der tatsächlichen Höhe des Volkseinkommens. Das hat er getan.

Das dann aber (wie auf den Nachdenkseiten...) mit der Prognose konjunktureller Daten der nächsten Quartale (die ja nun wirklich keinen signifikanten Zusammenhang zur Entwicklung der Bevölkerung zeigen) zu vergleichen, ist vollkommen abwegig.

Da staunt man dann wirklich. Vor allem die Experten. Oder man wendet sich lieber ab...
Viele Grüße
S.
Inge R.
am Donnerstag, 5. Mai 2011, 16:54

Experten

[....] Da staunt der Laie und der Experte reibt sich verwundert die Augen: Während Ökonomen in steter Regelmäßigkeit bei der Prognose konjunktureller Daten für das nächste Quartal versagen, gaukelt Bernd Raffelhüschen vor [PDF - 1.1 MB], das Verhältnis der Pflegefälle zur Erwerbsbevölkerung im Jahre 2050 mit einer Stelle hinter dem Komma berechnen zu können, um daraus dann auch noch den exakten Beitrag für die Pflegeversicherung im Jahre 2060 zu prognostizieren. [....]
Quelle und kompletter Text: http://www.nachdenkseiten.de/?p=9322
polmu
am Dienstag, 3. Mai 2011, 21:09

Explosionen haben den großen "Vorteil"

dass danach von dem was explodiert ist, hier die Kosten, nichts mehr übrig ist. Also lassen wir doch die Verursacher gleich mitexplodieren. - als Kommentar zur völlig unpassenden Wortwahl.
Senbuddy
am Dienstag, 3. Mai 2011, 12:04

Rechnen können ?

zu willi.pet / Dieter Petschow:

Das deutsche demografische Problem zu verleugnen ist vollkommen abwegig. Und Herrn Raffelhüschen zu unterstellen, dass er als einer der Finanzwissenschaftler der Rürup-Kommission nicht rechen kann, ist es ebenso. Man kann seine Ergebnisse unterschiedlich auslegen, das ist klar. Aber falsch sind seine Berechnungen deshalb nicht.

Die Thesen von willi.pet, dass "Geldanleger" (wer immer damit auch gemeint sein soll) 180 Milliarden Rendite "aus dem Sozialbudget der Bundesrepublik" bekommen würden, ist völlig unverständlich. Wer sollen diese Geldanleger sein ? Und in was investieren diese ? Und 180 Mrd Rendite aus 750 Mrd Anlagesumme (Sie sprachen von 30% des BIP) wären 24 % Rendite. Wo gibt es die ? Und machen Sie da nicht auch mit, wenn man solche Renditen als Anleger bekommen kann ? Ich würde es tun. Gibt´s aber leider nicht....

Und was ist "exorbitant steigender Reichtum über Preise" ? Wie kann Reichtum über Preise steigen ? Und wessen Reichtum steigt da ? Und welche Preise sind gemeint ? Und was heißt "soziale Bedürftigkeit" ist in der "freien Wirtschaft hochrentabel" ? Meinen Sie für den Sozialhilfemefänger, der nichts investiert, aber trotzdem was bekommt ?

Herr Dr. Petschow, Ihre Ausführungen sind nicht nachvollziehbar und unverständlich. Die von Professor Raffelhüschen (auch wenn man vielleicht nicht damit so ganz übereinstimmt) sind es dagegen schon. Der Mann weiß, von was er redet.

Viele Grüße
S.
willi.pet
am Montag, 2. Mai 2011, 15:42

Experten mahnen

Herr Raffelhüschen ist ein Lobbyist erster Güte und kann wie alle diese Damen und Herren nicht rechnen. Wir haben kein demographisches, dafür aber ein renditographisches Problem. Sozialversicherungen ersetzen "Marktpreise" und in diesen sind beim Einkauf noch Rendite und Verbrauchssteuer enthalten. Herr Prof. R. kennt sich in Volkswirtschaft nicht aus, auch hat er keine Ahnung über unser Geld- und Rechts-System. Das ganze Sozialbudget der BRD (ca. 30% BIP brutto) erbringt für Geldanleger 7% BIP Rendite (ca. 180 Mrd. €) und 3%BIP Verbrauchssteuer (ca. 75 Mrd. €). Soziale Bedürftigkeit ist in unserer "freien Wirtschaft" hochrentabel, nur irgendwann kann die Arbeitswelt nicht beides finanzieren: den exorbitant steigenden Reichtum über Preise, zu zahlen auch von sozialer Bedürftigkeit. Je einzeln sind es heute 20% BIP netto und zusammen 1.000 Mrd. €uro. Damit das Geschäft für den Reichtum weitergeht, wird mal kurz gemahnt, wenn es für die Bedürftigen nicht reicht. Ich hatt mal den Glauben, in einem Rechtsstaat zu leben - das ist schon lange her, seit ich mich mit unserem Geldsystem und dem nachgeordneten Sozialstaat beschäftige. Erst kommt die Rendite, dann die Sozialkasse - wo leben wir eigentlich? Diejenigen, die so absahnen, bekommen dann noch Leistungen aus der Pflegeversicherung - so bleibt die Erbschaft unangetastet.

Exakte Summen- und Salden gern auf Anfrage.

Dr. Dieter Petschow
30855 Langenhagen
Am Kielenkamp 35
Inge R.
am Montag, 2. Mai 2011, 14:30

Finanzexperte

Der Prophezeiungen des Finanzexperten Raffelshüschen sind an den Haaren herbeigezogen und völlig absurd.
Diese „Prognosen“ über Jahrzehnte hinweg sind genau so sicher wie die zweihundert Jahre alten Unkenrufe, wonach London wegen des zunehmenden Verkehrs mit Pferdekutschen schon längst hätte in Pferdemist versunken sein müssen.
5.000 News Politik

Nachrichten zum Thema

23.09.16
Mehr Beratung für Pflegebedürftige vor Ort
Berlin – Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollen künftig intensiver beraten und besser vor Pflegebetrug geschützt werden. Das sieht das dritte Pflegestärkungsgesetz vor, das am Freitag in erster......
15.09.16
Ärzte und Pflegedienste sollen über neuen Pflegebedürftigkeits­begriff informieren
Berlin – In rund 100 Tagen – am 1. Januar 2017 – sollen die Regelungen des zweiten Pflegestärkungsgesetzes in Kraft treten. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) appellierte heute in Berlin an......
14.09.16
GKV-Spitzenverband: 2017 wird neue Ära in der Pflegeversicherung beginnen
Berlin – Der GKV-Spitzenverband geht davon aus, dass die Umstellung auf den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff zum Beginn des kommenden Jahres gelingen wird. „Ich glaube, dieses Mammutprojekt ist sehr......
07.09.16
Pflegereform: Streit um Regelungslücke
Berlin – Bis zu zehn Prozent der Bewohner von Pflegeheimen erhalten keine Leistungen der Pflegeversicherung. Meist werden in diesem Fall die Heimkosten vom Sozialhilfeträger übernommen. Dies könnte......
27.04.16
Dritte Stufe der Pflegereform: Modellkommunen sollen Pflegeberatung erproben
Berlin – Die Bundesregierung will die Kommunen in Deutschland bei der Pflege stärker einbinden. Das geht aus dem Referentenentwurf zum dritten Pflegestärkungsgesetz (PSG III) hervor, der dem Deutschen......
07.03.16
Pflegende Angehörige nutzen Leistungen der Pflegeversicherung kaum
Berlin – Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung sind den meisten pflegenden Angehörigen bekannt, zum Beispiel die Tages-, Kurz- oder Verhinderungspflege. Mit Ausnahme des Pflegedienstes......
28.12.15
Schwesig kündigt Pflegetelefon an
Saarbrücken – Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zieht eine erste positive Bilanz der Familienpflegezeit und kündigt zugleich ein neues Pflegetelefon an, um pflegende Angehörige besser zu......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige