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Kein Leukämierisiko in der AKW-Umgebung

Montag, 9. Mai 2011

Glasgow – Kinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken wohnen, erkranken einer britischen Studie zufolge nicht häufiger an einer Leukämie. Der jetzt veröffentlichte Report steht damit im Gegensatz zur deutschen KiKK-Studie, in der die Autoren methodische Schwächen gefunden haben wollen.

Die „Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken“, besser bekannt unter dem Akronym KiKK, war zu dem Ergebnis gekommen, dass mit zunehmender Wohnortnähe zu einem von 16 Kernkraftwerken in Deutschland das Leukämierisiko von unter 5-jährigen Kindern steigt.

Für die 5-km-Zone ermittelte Peter Kaatsch von der Universität Mainz eine Odds Ratio von 2,19, die bei einer unteren Grenze des 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,51 signifikant war (Deutsches Ärzteblatt 2008; 105: 725-32). Auch für die 10-km-Zone war das Risiko signifikant um 33 Prozent erhöht. Die Studie hatte das anspruchsvolle Design einer Fall-Kontrollstudie, das als aussagekräftiger gilt als die reine geografische Suche nach Erkrankungsclustern.

Die Ergebnisse sorgten Ende 2007 nicht nur in Deutschland für Aufsehen. In Großbritannien war sie Anlass einen neuen, den 14. Report des Committee on Medical Aspects of Radiation in the Environment (COMARE) in Auftrag zu geben.

Die Ergebnisse liegen jetzt vor: In dem 142 Seiten starken Bericht setzt sich die Gruppe um Alex Elliott von der Universität Glasgow über weite Strecken kritisch mit der KiKK-Studie auseinander, um dann eigenen Berechnungen für das Leukämie-Risiko von unter 5-jährigen Kindern vorzustellen.

Nach Ansicht von Elliott hat die KiKK-Studie nicht alle Störgrößen (confounding factors) berücksichtigt, die bei Fall-Kontroll-Studien schnell das Ergebnis verfälschen können. So gebe es Korrelationen zwischen der Leukämie und dem sozioökonomischen Status der Kinder (in der Oberschicht häufiger diagnostiziert) und mit der Bevölkerungsdichte, die laut Elliot ein Marker für ein erhöhtes Risiko mit viralen Infektionen sein könnten, die als Leukämie-Auslöser in der Diskussion sind.

Eine weitere Kritik betrifft die Einbeziehung eines Clusters in der Umgebung des Kernkraftwerks Krümmel, für den es nach Ansicht Elliotts andere Erklärungen geben müsse als eine vermehrte Exposition der Bevölkerung mit ionisierender Strahlung. Denn bisher sei nicht erwiesen, dass die Bevölkerung in Krümel einer höheren Strahlung ausgesetzt sei als in der Nähe anderer Kernkraftwerke.

In einer eigenen Analyse kann Elliott kein erhöhtes Risiko von Leukämie-Erkrankungen bei unter 5-jährigen Kindern erkennen, die in der Nähe einer der 13 britischen Nuklearanlagen wohnen. Eine Stellungnahme der deutschen Arbeitsgruppe liegt nicht vor. Einigkeit dürfte aber darin bestehen, dass Leukämie-Erkrankungen bei Kindern durch ionisierende Strahlen ausgelöst werden können und dass die Latenzzeit kurz sein muss.

Unbestreitbar ist allerdings auch, dass Leukämien bei Kindern selten sind. In Deutschland sind es jährlich 600 Erkrankungen, in Großbritannien 500. Die wenigsten treten in der unmittelbaren Umgebung von Kernkraftwerken auf.

In der KiKK-Studie waren es in 23 Jahren gerade einmal 37 Erkrankungen in der 5-km-Zone. Elliotts Analyse liegen 430 Erkrankungen zugrunde, die während eines Zeitraums von 35 Jahren in einer 25-km-Zone auftraten.

Dies hat Folgen für die Beweisführung: Die Chancen, bei dieser geringen Fallzahl eine Korrelation herzustellen, sind vermutlich gering. Ein methodischer Mangel aller bisherigen Studien besteht darin, dass sich die tatsächliche Dosis, denen die Patienten vor der Erkrankung ausgesetzt waren, nicht rekonstruieren lässt.

Die nächste Studie ist bereits in Planung. Die US Nuclear Regulatory Commission will eine Studie des National Cancer Institutes aus dem Jahr 1990, die ebenfalls keine Assoziation finden konnte, aktualisieren. © rme/aerzteblatt.de

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akoerblein
am Mittwoch, 11. Mai 2011, 15:52

Leukämieraten in GB sind doch erhöht!

Im Artikel wird gesagt, in der neuen britischen Studie sei kein erhöhtes Risiko von Leukämie-Erkrankungen bei unter 5-jährigen Kindern zu erkennen, die in der Nähe einer der 13 britischen Nuklearanlagen wohnen.
Das ist so nicht richtig. Die Erhöhung fällt in Großbritannien nur deshalb deutlich kleiner aus, weil - anders als in Deutschland - neben den Leukämien auch Non-Hodgkins Lymphome in die Auswertung einbezogen wurden. Die Leukämien allein ergeben im 5km-Nahbereich britischer Nuklearanlagen bei Kleinkindern eine gegenüber dem Landesdurchschnitt um 36% erhöhte Inzidenz (O=20; E=14,74; SIR=1,36; p=0,222). In Deutschland beträgt bei gleicher Methodik die Erhöhung 41% und ist ebenfalls nicht signifikant (O=34, E=24,09; SIR=1,41; p=0,066) [1]. Die Ergebnisse aus Deutschland und GB stimmen also innerhalb der Fehlergrenzen sehr gut überein. Die Zusammenfassung der beiden Datensätze („gepoolte“ Analyse) ergibt eine signifikante Erhöhung um 39% (p=0.024).
Ginge man bei der britischen Studie so vor wie bei der deutschen KiKK-Studie, würde man also die Leukämierate im Nahbereich mit der Rate im restlichen Studiengebiet vergleichen, so ergäbe sich ein relatives Risiko (RR) von 1,42 (p=0,173). Die entsprechenden Ergebnisse für Deutschland sind RR=1,45 und p=0,054. Mit den gepoolten Daten errechnet sich ein deutlich signifikant erhöhtes relatives Risiko von RR=1,44 (p=0,016). Damit bestätigen die Daten aus Großbritannien durchaus die Ergebnisse aus Deutschland, stehen also nicht im Gegensatz zur deutschen KiKK-Studie, wie im DÄ Artikel behauptet.

[1] Kaatsch P, Spix C, Jung I, Blettner M. Childhood leukemia in the vicinity of nuclear power plants in Germany. Dtsch Arztebl Int. 2008 Oct;105(42):725-32. 2008 Oct 17.

Dr. Alfred Körblein, Nürnberg

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