„Legal high“: Immer mehr Drogenvarianten im Internet
Mittwoch, 11. Mai 2011
Lissabon – Die synthetische Cannabisdroge Spice, die vor zwei Jahren verboten wurde, ist nur das bekannteste Beispiel für den Erfindungsreichtum der Drogenproduzenten. Um gesetzliche Regelungen zu umgehen, wurden seit 1997 insgesamt 140 neue psychoaktive Substanzen eingeführt, heißt es in einem Report der Europäischen Beobachtungsstellen für Drogen und Drogensucht (EMCDDA), die ihren Sitz in Lissabon hat.
Drogenhersteller und Gesetzgeber in Europa liefern sich derzeit ein Wettrennen, das immer mehr an Fahrt gewinnt. Hatten Europol und EMCDDA 2008 noch 13 neue Drogen recherchiert, stieg die Zahl im Jahr darauf auf 24, und in 2010 kamen 41 Neuentwicklungen hinzu. Darunter waren allein 11 neue synthetische Cannabinoide, die Teil des Spice-Phänomens sind. Sie sind inzwischen in 16 Ländern Europas verboten.
Eine zweite Gruppe sind Nachfolgeprodukte von Mephedron, einem Amphetamin, das im Dezember 2010 verboten wurde. Inzwischen gibt es aber 15 weitere chemische Derivate, die nicht von den Gesetzen erfasst werden und deshalb im Internet als „Legal high“ verkauft werden dürfen, bis sie schließlich verboten werden.
Zu den „Neueinführungen“ des letzten Jahres gehörten ferner fünf Phenethylamine, ein Tryptamin and ein Piperazin, ebenso eine pflanzliche Droge, ein synthetisches Kokain, ein Ketaminderivat, ein Phencyclidinderivat, ein Indan, ein Benzofuran sowie eine Substanz, die der Bericht als “Designer-Medikament” umschreibt. Im Unterschied zu den zugelassenen Medikamenten ist die Sicherheit der Substanzen nicht bekannt.
Die Hersteller verfügen offenbar über gut ausgebildete Berater, die die wissenschaftliche Literatur nach möglichen noch nicht verbotenen Substanzen durchsuchen. Die Produktion erfolgt in China, der Absatz über Internet-Portale oder auch in Head-Shops.
Das sind Läden, die sogenannte Paraphernalia zum Drogenkonsum verkaufen. Dort werden die Drogen als “Badesalze”, “Lufterfrischer” oder “Kräutermischungen” deklariert und als angeblich legale Alternative zu herkömmlichen illegalen Drogen angeboten.
Dies suggeriert, dass die Drogen auch gefahrlos konsumiert werden können, was angesichts der enthaltenen Substanzen nicht zu erwarten ist. Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmann, warnten bereits im Dezember letzten Jahres vor unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken.
Das BKA berichtete über mitunter lebensgefährliche Intoxikationen. Die meist jugendlichen Konsumenten seien mit Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen, Muskelzerfall bis hin zu drohendem Nierenversagen in Krankenhäusern notfallmedizinisch behandelt worden.
© rme/aerzteblatt.de
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