Medizin

Abstoßungsreaktionen als Dämpfer für die Stammzellforschung

Montag, 16. Mai 2011

San Diego – Die Hoffnung auf den baldigen Ersatz von Körperzellen durch sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) hat einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Experimente in Nature (2011; doi: 10.1038/nature10135) zeigen, dass es zu Abstoßungsreaktionen kommen kann.

Seit es Ende 2007 Forschern erstmals gelang, differenzierte Zellen der Haut in induzierte pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, gelten diese iPS als Hoffnungsträger der Stammzellforschung. Sie vermeiden zum einen die ethischen Debatten und gesetzlichen Restriktionen, die den Einsatz von embryonalen Stammzellen stark einschränken und in vielen Ländern unmöglich machen.

Zum anderen sollten die Zellen, da sie ja vom Patienten selber stammen, vom Immunsystem nicht als fremd erkannt und bekämpft werden. Dies wäre ein wesentlicher Vorteil, da nach der Therapie auf eine Immunsuppression mit den von der Transplantationsmedizin her bekannten Nachteilen verzichtet werden könnte. Doch die Experimente, die Yang Xu von der Universität von Kalifornien in San Diego durchgeführt hat, stellen dies jetzt ernsthaft infrage.

Während die meisten Forscher ihre Experimente an Versuchstieren ohne eigenes Immunsystem durchgeführt haben, sind die Untersuchungen von Xu stärker an die angestrebte klinische Praxis orientiert, die mit der Gegenwehr der Körperabwehr rechnen muss.

Der Biologe arbeitet mit B6-Mäusen, einem häufig verwendeten Inzuchtstamm, deren Immunsystem wie bei eineiigen Zwillingen identisch ist. Die Transplantation von embryologischen Stammzellen von einem auf ein anderes Tier, führt deshalb nicht zu Abstoßungsreaktionen. Die Erwartung war, dass dies auch bei der Verwendung von iPS vermiede würde. Doch diese Erwartung wurde – jedenfalls teilweise – enttäuscht.

Xu stellte die iPS auf zwei unterschiedliche Arten her. Bei der zuerst entwickelten Methode werden mittels Retroviren Gene in das Erbgut der Fibroblasten eingeschleust, die die Reprogrammierung zur iPS steuern.

Diese Gene bleiben auf Dauer in den iPS enthalten und können, wie die Experimente zeigen, eine Abstoßungsreaktion auslösen. Während die Stammzelltransplantation normalerweise zur Bildung von Teratomen führt, wurde dies bei den mittels retroviraler Gene umprogrammierten iPS niemals beobachtet.

Doch eine neuere Variante der iPS-Bildung kann diese Nachteile möglicherweise umgehen. Dabei werden die Gene mittels eines Episoms – das sind kleine meist ringförmige DNA-Ketten – in die iPS geschleust. Auch viele der episomal zur iPS reprogrammierten Zellen lösten eine Abstoßungsreaktion aus. Es gab jedoch auch Zellen, bei denen dies nicht der Fall war. Der Unterschied könnte möglicherweise in der Eliminierung der Fremdgene liegen.

Der Stammzellforscher Paul Fairchild von der Universität Oxford zeigte in einer Nachricht von Nature zuversichtlich, dass die Schwierigkeiten überwunden werden können. Die Experimente von Xu seien auch nicht so realitätsnah, wie sie auf den ersten Blick erscheinen würden, meinte Fairchild.

So habe Xu die iPS gar nicht aus Fibroblasten, sondern der Einfachheit halber aus embryonalen Stammzellen gewonnen. Bei echten iPS sei die Situation möglicherweise anders. Das mag sein. Fest steht allerdings, dass bisher kein Forscherteam zeigen konnte, dass iPS beim Menschen sicher sind.

Im März hatte die US-Zulassungsbehörde FDA kritische Fragen zu möglichen genetischen Mutationen in den iPS gestellt. Auch dies zeigt, dass die Hürden bis zur klinischen Anwendung höher sein könnten, als anfangs vermutet wurde. © rme/aerzteblatt.de

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Businesspaar
am Mittwoch, 18. Mai 2011, 07:59

Zellhaufen?????

.... gewissenloses Forscherpack!!! Pfui!!! Zu was dieses Gesocks u. a. fähig ist:
http://www.zeit.de/kultur/film/2011-03/film-gekaufte-wahrheit
ProForschung
am Dienstag, 17. Mai 2011, 08:30

Ein weiteres Argumen für die embryonale SZ-Forschung!

Zitat: "Die Transplantation von embryologischen Stammzellen von einem auf ein anderes Tier, führt deshalb nicht zu Abstoßungsreaktionen. Die Erwartung war, dass dies auch bei der Verwendung von iPS vermiede würde. Doch diese Erwartung wurde – jedenfalls teilweise – enttäuscht."

Genau hier liegt der sprichwörtliche Hase im Pfeffer:

Für nichts wurde in den letzten Jahren so viel Zeit und Geld verschwendet, wie für die iPS-Forschung, um Fragen zu beantworten, die sich im Fall embryonaler SZ gar nicht stellen würden! Und wozu das Ganze? Um "die ethischen Debatten" zu vermeiden!
Doch wieviel "Ethik" kann und darf die Medizin sich leisten? Und vor allem: Wieviel Pseudo-Ethik? Wieviel Zeit dürfen wir uns nehmen, um für den "Schutz" von Zellen (!), die andererseits im Zuge bestimmter Verfahren durchaus entsorgt werden und werden dürfen (!), einen Weg zu beschreiten, der sich durchaus nach jahre- oder jahrzehntelanger Forschung als Irrweg herausstellen könnte?

Es wurde gerade in unserem Lande in letzter Zeit viel über die Menschenwürde gesprochen. Leider ging es dabei fast ausschließlich um die Würde der angesprochenen Zellen. Ohne jeden Zweifel hat jedes Leben und selbstverständlich auch embryonales Leben eine Würde. Doch wie "ethisch" ist es eigentlich, das Leid und den qualvollen Tod lebendiger, denkender und fühlender Menschen in Kauf zu nehmen, um die Würde eines Zellhaufens ohne jeden dieser Attribute zu schützen?

Vielleicht sollten wir zur Abwechslung endlich einmal über die Würde jener lebender und fertig entwickelter Menschen nachdenken, die in unseren Krankenhäusern verzweifelt auf einen Durchbruch in der Therapie ihrer unheilbaren Erkrankung warten, der mit embryonalen Stammzellen erreicht werden könnte und denen die Zeit davonläuft, während sich Politiker diese Zeit großzügig nehmen, um mit Weihbischöfen, Religionslehrern und Moralaposteln über Ethik zu diskutieren und Stammzellforscher immer weiter einen Sysiphos-Stein den Berg hinaufschleppen, ohne zu wissen, ob er jemals oben bleiben wird.

Um noch eine weitere Metapher zu bemühen: Wenn man ein Haus betreten will, kann man sich entweder mit bloßen Händen durch den Boden graben und hoffen, dass das Betonfundament schon weich genug sein wird, um sich Steinchen für Steinchen den Weg hinein bahnen zu können (= ipS-Forschung) - man könnte aber auch irgendwann einfach die Tür benutzen, die weit offen steht, selbst wenn man damit ein Stück weit vom christlich- oder auch ökologisch-konservativen Dogmatismus abrücken müsste (= ES-Forschung).

Wenn wir wirklich Leid vermindern, Leben schützen und damit "ethisch" handeln wollen, dann brauchen wir eine potente regenerative Medizin, dann brauchen wir Tissue Engineering und auch die Gentherapie und wir brauchen sie so schnell wie irgendwie möglich! In diesem Sinne führt an der embryonalen SZ-Forschung und -Anwendung kein Weg vorbei. Für endlose Ethik-Debatten haben wir schlicht und ergreifend keine Zeit!
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