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China: Kostenfreie HIV-Therapie senkt Sterblichkeit um zwei Drittel

Donnerstag, 19. Mai 2011

Peking – Die Volksrepublik China hat die HIV-Epidemie lange ignoriert und dann auf ineffektive Präventionsmechanismen gesetzt. Erst der breite Einsatz der antiretroviralen Therapie ab dem Jahr 2003 brachte die Wende, wie eine Studie in Lancet Infectious Diseases (2011; doi: 10.1016/S1473-3099(11)70097-4) zeigt. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO beklagt derweil in einem Report die Diskriminierung vieler HIV-Infizierter.

Die ersten HIV-Infektionen wurden in China bereits 1983 registriert. Im Jahr darauf kam es zum ersten Todesfall. Die chinesische Regierung betrachtete die Infektionen als ein ausländisches Problem. Sie verbot die Einfuhr von Blutplasma und ließ Ausländer testen.

Sie unterschätzte damit die Dynamik, die das einmal ins Land gelangte Virus in der eigenen Bevölkerung entwickelte und überschätzte deren Sexualmoral und Selbstdisziplin. Ignoriert wurde auch der in den westlichen und südlichen Provinzen verbreitete Drogenkonsum. Schließlich wurde die Epidemie auch noch iatrogen gefördert: Die Blutbanken sammelten noch in den 1990er Jahren in entlegenen Regionen Blutplasma.

Blutspender waren ärmere Landwirte, denen nach der Blutspende und der Abtrennung des Plasmas die Erythrozyten re-infundiert wurden, um Anämien zu vermeiden. Das wäre unproblematisch gewesen, wären die Instrumente und Bestecke nicht mehrmals benutzt worden. So kam es Mitte der 90er Jahre zu tausenden von Infektionen. In einigen Dörfern soll sich die Hälfte der Einwohner angesteckt haben.

Auch die Behandlungsmöglichkeiten, die die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) seit 1997 bot, wurden nicht gleich erkannt. Erst 2003 wurde die “Four Free and One Care”-Politik eingeführt. Sie bietet allen Chinesen kostenfreie Beratung und Tests an. Kostenlos waren zudem die Behandlung von HIV-infizierten Schwangeren und die Tests an Neugeborenen.

Auch um Aids-Waisen kümmerte sich der Staat jetzt, und den erwachsenen HIV-Infizierten bot man wirtschaftliche Hilfen an. Der wichtigste Bestandteil zur Bekämpfung der HIV-Epidemie dürfte aber die kostenlose Behandlung der Infizierten gewesen sein, die derzeit bei einem Abfall der CD4-Zellwerte unter 350 Zellen/mm3 begonnen wird. Sie ist verantwortlich für den raschen Rückgang der Sterbefälle.

Nach den von Fujie Zhang vom National Centre for AIDS/STD Control and Prevention (NCAIDS) in Peking vorgelegten Zahlen sank die Sterblichkeit seit 2002 von 29,3 auf 14,2 pro 100 Personenjahre im Jahr 2009. Zwei Drittel der Infizierten erhält in China derzeit eine HAART-Therapie.

Unter den i.v.-Drogenkonsumenten beträgt der Anteil der Behandelten dagegen nur 42,7 Prozent – was die höhere Sterblichkeit in dieser Gruppe von 15,9 pro 100 Patientenjahre erklärt. Noch höher ist sie mit 17,5 pro 100 Personenjahre bei den Chinesen, die sich durch Sexualkontakte (oft bei Prostituierten) angesteckt haben, während die Situation bei Patienten, die sich bei Spende oder Empfang von Plasmaprodukten angesteckt haben, besser ist. Vier von fünf Infizierten wird behandelt. Die Sterblichkeit liegt bei 6,7 pro 100 Personenjahre.

Während die Regierung die Existenz der Epidemie inzwischen anerkannt hat, stoßen die HIV-Infizierten in der chinesischen Gesellschaft noch immer auf Ablehnung. Ein jüngster Bericht der International Labor Organization (ILO) in Genf berichtet von Zwangstests bei Arbeitern und der Entlassung von HIV-Positiven. HIV-Infizierten würden an vielen Kliniken Operationen und andere Behandlungen verweigert.

Nach Angaben der Regierung sind in China 650.000 Menschen mit HIV infiziert. Epidemiologen schätzen, dass es eher 1,5 Millionen sind, bei einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen.

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  © rme/aerzteblatt.de

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