Politik

Arzneimittelreport: Ärzte verordnen zu oft Benzodiazepine bei Alkoholabhängigkeit

Mittwoch, 15. Juni 2011

Berlin – Die Autoren des Barmer GEK Arznei­mittel­reports 2011 kritisieren, dass deutsche Ärzte zu oft Benzo­diazepine bei alkohol­abhängigen Patienten ver­schreiben.

14 Prozent dieser Patienten, bei Frauen sogar 18 Prozent, erhielten von ihrem Arzt diesen Wirkstoff, obwohl er für einen längerfristigen Einsatz bei Alkoholabhängigkeit wegen des eigenen Sucht­potenzials kontraindiziert sei, sagte Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen heute bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Vor allem bei älteren Patienten seien verminderte kognitive Fähigkeiten, Stürze und schwer heilende Brüche die Folge.  

Glaeske kritisierte zudem die häufige Verordnung des Wirkstoffs Novaminsulfon, der unter anderem in den Medikamenten Metamizol und Dipyron enthalten ist. Metamizol sei bereits in den 1980er Jahren wegen der schwer kalkulierbaren unerwünschten Arzneimittelwirkungen in die Kritik geraten.

In den USA sei dieser Wirkstoff gar nicht zugelassen und auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft habe bereits häufiger auf dieses Problem hingewiesen. „Dass dieser Wirkstoff  seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt, ist nicht zu verstehen“, sagte der Arzneimittelexperte.  

Neuroleptika werden laut Glaeske heute mehr und mehr dort eingesetzt, wo sie nicht indiziert sind: „Sie dürften bei Menschen mit Demenz nur eingesetzt werden, wenn eine Selbstgefährdung oder eine Gefährdung anderer vorliegt. Tatsächlich werden sie jedoch häufig verordnet, um zum Beispiel in Pflegeheimen demente Patienten ruhig zu stellen.“ Dies führe bei Demenzkranken zu einer 1,6- bis 1,7-fach erhöhten Sterblichkeitsrate gegenüber der Placebogruppe.  

„Erschrocken hat uns, dass heute häufig die Antibabypille der dritten Generation eingesetzt wird“, sagte Glaeske. Im Vergleich zu den Pillen der zweiten Generation, die niedriger dosiertes Östrogen enthalten und ein Thromboembolierisiko von 20 pro 100.000 Frauenjahre aufweisen, sei dieses Risiko doppelt so hoch. „Wenn die jungen Frauen dann auch noch rauchen, verdoppelt und verdreifacht sich das Risiko nochmal“, so Glaeske. 

Das Verordnungsverhalten der Ärzte sei bundesweit sehr unterschiedlich. Antibabypillen der dritten Generation würden beispielsweise vor allem im Nordosten der Republik, aber auch verstärkt in Rheinland-Pfalz und im Osten Bayerns verordnet, in Niedersachen und Baden-Württemberg hingegen seltener. „Wir wollen wissen, warum das so ist“, sagte Glaeske. Auch wenn es darum gehe, das Verordnungsverhalten verbessern zu wollen, müsse man sich die Regionen anschauen.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) seien in der Pflicht, in den Regionen auf die Qualität der Verordnungen zu achten. Zudem sollten die Krankenkassen auf die Regionen heruntergebrochene Verträge schließen können, in denen auch Qualitätsaspekte bei der Verordnung berücksichtigt seien. 

Im Versorgungsstrukturgesetz sei vorgesehen, Ärzte zu beraten, bevor sie in Regress genommen würden, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. In dieser Beratung müsse auch die Qualität der Arzneimittelverordnung thematisiert werden. „Das gehört auch zum Sicherstellungsauftrag der KVen“, sagte Schlenker.

Glaeske warb dafür, eine Generikaquote von 90 Prozent zu vereinbaren. Damit könnte die Barmer GEK zusätzlich 400 Millionen Euro einsparen. Und bei einer Biosimilarquote von 50 Prozent seien Einsparungen für die Kasse von bis zu 200 Millionen Euro möglich.  

Unterversorgung gebe es insbesondere bei der Schmerztherapie und der Osteoporose, sagte Glaeske: „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern haben wir bei der Schmerzbehandlung in den letzten Jahren schon viel aufgeholt, doch gegenüber der Krankheitslast ist die Schmerzbehandlung nach wie vor optimierungsbedürftig.“

Der Arzneimittelreport basiert auf den Daten der etwa neun Millionen Barmer GEK-Versicherten. Die Ausgaben der Kasse für Arzneimittel liegen bei vier Milliarden Euro. © fos/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Senbuddy
am Freitag, 17. Juni 2011, 14:02

Weiterer Datenmißbrauch durch die GKVen

Zu VSGermany:

Ich denke, die Barmer und alle anderen GKVen mißbrauchen die Daten Ihrer Mitglieder in vielerlei Hinsicht. Und das anscheinend legal.

Man denke nur mal daran, mit welch hohen Stückzahlen die gesetzlichen Kassen private stationäre oder sonstige Zusatzversicherungen verkaufen. Selbstverständlich gegen Höchstprovisionen (hier hat man nichts gegen das sonst bei PKVen so kritisierte System der "Provisionsberatung"...).

Das alles könnten die GKVen natürlich nicht ohne massiven, mißbräuclichen Zugriff auf die Daten Ihrer Mitglieder.

Nur findet da nicht nur massiver Datenmißbrauch statt, sondern diese Dinge werden außerdem noch ohne die für jeden anderen Vermittler (Makler, Vertreter, Bankmitarbeiter) vorgeschriebenen Qualifikationsnachweise und Zulassungen betrieben. Da machen das einfach irgendwelche für diese Tätigkeit völlig unausgebildeten Bürokräfte.

Und das ist keine Bagatellen, denn gerade stationäre Zusatzversicherungen sind für den Versicherten meist eine Entscheidung für den ganzen weiteren Lebensweg, nach einigen Jahren oft ohne Chance auf einen Wechsel. Selbst wenn man die gesetzliche Kasse wechselt. Und bei einem GKV - Wechsel werden die Zusatzversicherungen dann wegen Wegfall von Gruppenkonditionen auch noch verteuert !

Und was noch viel schlimmer ist: Jeder kleine Versicherungsvertreter ist gewerbesteuerpflichtig, aber diese halbstaatlichen GKV - Aufbläh - Organisationen mußten bisher nicht mal Gewerbesteuer dafür zahlen.

Glücklicherweise gibt es ein BFH-Urteil vom Februar dieses Jahres, was dem hoffentlich bald einen Riegel vorschieben wird.

Ich bin übrigends nicht (!) für Gewerbesteuer für Ärzte. Eher für eine Gewerbesteuer - Befreiung für alle Einzelunternehmer (z.B. mit bis zu 5 Angestellten).

Viele Grüße
S.
VSGermany
am Donnerstag, 16. Juni 2011, 19:24

Datenmißbrauch?

Hat die Barmer eigentlich von ihren Patienten eine Einwilligung eingeholt ihre Daten zu einem solchen Studienzweck zu verwenden? Jede wissenschaftliche Studie die Personendaten verwenden würde ohne die Einwilligung der Patienten einzuholen würde wegen unethischen Verhaltens schwer gerügt werden. Dß die Barmer Zugriff auf Patientendaten hat beinhaltet nicht, daß sie dies beliebig verwenden darf.
Auch die Verknüpfung von medizinischer Kritik (Benzos bei Alkis, die blöden Ärzte sollten es doch besser wissen) und der gleichzeitige Hinweis auf Einsparpotentiale ist bedenklich. Im nächsten Schritt folgt wohl die Forderung daß die Kassen besser die Behandlung der Patienten übernehmen sollten, wozu braucht es noch Ärzt, und billiger ist es sicher auch.
Darf die Barmer das wirklich?
Thelber
am Mittwoch, 15. Juni 2011, 22:08

Sparen geht immer noch ein bißchen besser ...

- - - - - - - Zitiat - - - - - - -
"Glaeske warb dafür, eine Generikaquote von 90 Prozent zu vereinbaren. Damit könnte die Barmer GEK zusätzlich 400 Millionen Euro einsparen. Und bei einer Biosimilarquote von 50 Prozent seien Einsparungen für die Kasse von bis zu 200 Millionen Euro möglich."
- - - - - - - Zitiatende - - - - - - -

Die AOK macht das in Baden-Württemberg schon seit Jahren vor - mit ihrem Hausarztvertrag - einfach nach machen ginge ja durchaus ....

Mich erstaunt es immer wieder, wie hier von Seiter einer Ersatzkasse gejammert wird und andererseits gerade die Ersatzkassen begeisterte Bremser sind hier im "Musterländle" beim Vereinbaren von Hausarztverträgen ....
5.000 News Politik

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige