Ärzteschaft

Onkologie: Teilweise wird rationiert

Mittwoch, 15. Juni 2011

Berlin – Onkologen und Hämatologen verzichten zumindest gelegentlich aus Kostengründen auf eine von ihnen als optimal eingestufte Therapie. Das hat die Zwischenauswertung einer Online-Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) unter ihren Mitgliedern ergeben. Erste Ergebnisse wurden am Mittwoch in Berlin vorgestellt.

„Solche Entscheidungen zum Verzicht werden bisher nur selten getroffen und mehrheitlich dann, wenn der Zusatznutzen als gering erscheint. Der Einstieg in eine Rationierung am Krankenbett hat aber auch in der Onkologie begonnen“, kommentierte Stefan Krause vom DGHO-Arbeitskreis „DRG und Gesundheitsökonomie“ die Daten.

Von den kontaktierten DGHO-Mitgliedern, die aktiv in der Patientenversorgung tätig sind, hatten sich 345 Ärztinnen und Ärzte an der Umfrage beteiligt. Davon sahen 98 Prozent den sparsamen Umgang mit Ressourcen als Selbstverständlichkeit an. 65 Prozent erklärten, mindestens einmal wöchentlich aus mehreren weitgehend gleichwertigen Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten oder Medikamenten die preiswertere Alternative zu wählen.

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Allerdings gaben die Befragten auch an, dass sie zumindest gelegentlich Therapien nicht anwenden, bei denen sie einen Nutzen sehen: So verzichten beispielsweise 68 Prozent der Befragten nach eigenen Angaben trotz des therapeutischen Nutzens auf Therapiemaßnahmen, weil noch keine Zulassung in Europa für die Indikation vorliegt.

59 Prozent gaben an, aus Kostengründen bei Therapiemaßnahmen zu sparen, weil der therapeutische Nutzen im Vergleich zur Kostendifferenz zu gering sei.

19 Prozent unterließen nach eigener Einschätzung aber sogar dann aus Kostengründen eine Maßnahme, wenn sie nach Studienlage einen erheblichen Zusatznutzen gehabt hätte und zugelassen ist. „Das ist eine Antwort, die uns besorgt“, sagte Krause.

„Auch wenn es sich bei den Daten um subjektive Einschätzungen der befragten Ärzte handelt, zeigen die ersten Ergebnisse der Umfrage doch, dass Rationierung im ärztlichen Alltag bereits angekommen ist“, gab Gerhard Ehninger, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO, zu bedenken. „Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn es zu willkürlichen Leistungsbegrenzungen nach intransparenten Kriterien kommt.“

Die DGHO drängt deshalb auf einen öffentlichen Diskurs, wie die teuren Therapieoptionen in der Onkologie trotz des zunehmenden Kostendrucks weiter für alle Patienten finanziert werden können.

Ehninger warb zudem für die fachübergreifende Zusammenarbeit in onkologischen Zentren als Mittel gegen willkürliche und stille Formen der Rationierung. Kerngedanke dieser Zentren ist es, die Behandlungsqualität durch interdisziplinäre Strukturen zu festigen und gemeinsam zu sinnvollen, leitliniengerechten Behandlungsabläufen zu gelangen.

Eine detaillierte Auswertung der Umfrage soll bei der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie Anfang Oktober in Basel vorgestellt werden. © Rie/aerzteblatt.de

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