Hochdosierte Statine als Diabetesrisiko
Mittwoch, 22. Juni 2011
Glasgow – Eine aggressive cholesterinsenkende Therapie mit Statinen steigert möglicherweise das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes mellitus. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2011; 305: 2556-2564). Da sie gleichzeitig eine verminderte Rate von kardiovaskulären Ereignissen ermittelte, dürften die Ergebnisse keine Auswirkungen auf die Therapie haben.
Im letzten Jahr hatte eine andere Meta-Analyse ein erhöhtes Diabetes-Risiko unter der normal dosierten Statin-Therapie ermittelt. Im Vergleich zu Placebo kam es innerhalb von vier Jahren zu einem Anstieg der Neuerkrankungen um relativ 9 Prozent.
Der Zusammenhang war dank der großen Datenmenge (91.140 Teilnehmer aus 13 randomisierten klinischen Studien) signifikant (Lancet 2010; 375: 735-742). David Preis von der Universität Glasgow und Mitarbeiter stellten deshalb die berechtigte Frage, ob das Diabetesrisiko unter einer aggressiven Statin-Therapie weiter ansteigt. Dies scheint aufgrund der jetzt vorliegenden Ergebnisse der Fall zu sein.
Die neue Meta-Analyse umfasst fünf randomisierte klinische Studien mit 32.752 Teilnehmern, die zu Beginn der Studie nicht an Diabetes erkrankt waren. Während der Beobachtungszeit von 4,9 Jahre kam es dann bei 2.749 Teilnehmern (8,4 Prozent) zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes mellitus.
Die Studien hatten eine hochdosierte Statintherapie (z.B. Atorvastatin 80mg) mit einer normalen Dosierung (zum Beispiel Simvastatin 20 mg) verglichen. Die Zahl der Diabetes-Neuerkrankungen war unter der hochdosierten Therapie um 12 Prozent erhöht (Odds Ratio 1,12; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,04-1,22). Preis errechnet eine Number Needed to Harm von 498 Patienten, auf die unter der Hoch-Dosis-Therapie eine zusätzliche Diabetes-Erkrankung gegenüber der normal dosierten Statintherapie kommt.
Diesem insgesamt nicht sehr hohen Diabetesrisiko stand in den Studien ein Rückgang der kardiovaskulären Ereignisse um 16 Prozent (Odds Ratio 0,84; 0,75-0,94) gegenüber. Das ergibt nach den Berechnungen von Preis eine Number Needed to Treat von 155 Personen, die den Nachteil der Diabetesneuerkrankungen mehr als aufwiegt, zumal sich die Risiken des Diabetes überwiegend aus den kardiovaskulären Spätkomplikationen ergeben. Dennoch besteht nach Ansicht von Preis Anlass zur Wachsamkeit bei der Verordnung.
Dem Beobachter drängt sich der Vergleich zu dem erhöhten Diabetesrisiko unter Diuretika auf, die den Nutzen dieser Medikamente für die Hochdrucktherapie nicht infrage stellen. In den angelsächsischen Ländern sind Diuretika weiterhin Mittel der ersten Wahl.
In Deutschland neigen viele Hochdruckexperten dazu, anderen Wirkstoffen den Vorzug zu geben. Die Vielfalt antihypertensiver Wirkstoffe macht dies möglich. In der Therapie der Hypercholesterinämie gibt es jedoch kaum Alternativen zu den Statinen.
Bleibt die Frage nach dem möglichen Pathomechanismus. Preis kann sie nicht zufriedenstellend beantworten. Er vermutet einen Einfluss auf die Insulinwirkung in der Leber oder in der Muskulatur. Tierexperimentelle Studien würden eine statininduzierte Myopathie mit einer vermehrten Insulinresistenz in Verbindung bringen.
© rme/aerzteblatt.de
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