Medizin

Wie das Stadtleben das Gehirn verändert

Donnerstag, 23. Juni 2011

Mannheim – Stadtbewohner verarbeiten Stress anders als Menschen, die auf dem Land geboren sind. Eine Studie in Nature (2011; 474: 498–501) zeigt, dass Städter in Bedrängnis häufiger jene Regionen des Gehirns aktivieren, die für die Verarbeitung von Ängsten zuständig sind.

Stadtluft macht frei, heißt es. Doch vielen Menschen bekommt das enge Zusammenleben mit anderen auf engem Raum offenbar nicht. Untersuchungen zeigen, dass die Prävalenz von Depressionen in der Stadt um 39 Prozent höher ist als auf dem Lande. Angststörungen sind zu 21 Prozent häufiger, und Schizophrenien werden bei Menschen, die von Geburt an in der Stadt aufwachen, doppelt  so häufig diagnostiziert. Dänische Psychiater konnten vor Jahren sogar eine Dosis-Wirkungs-Beziehung aufstellen (Arch Gen Psychiatry 2001; 58: 1039-1046). 

Was das Leben in der Stadt trotz des höheren Lebensstandards ungesund macht, ist nicht bekannt. Die Gruppe um Andreas Meyer-Lindenberg, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, vermutet den Grund im vermehrten sozialen Stress, der sich aus den vermehrten Kontakten mit fremden Menschen in der Stadt ergibt.

Seine Experimente zeigen, dass das Gehirn des Städters in Stresssituationen ängstlicher reagiert. In einem ersten Experiment mussten 32 Studenten Rechenaufgaben lösen, während die Forscher ihre Hirnaktivität mittels der funktionellen Kernspintomografie registrierten. Um den Stress zu vermehren, wurde den Teilnehmern über Kopfhörer ständig signalisiert, dass sie zu langsam seien und den Test vermutlich nicht bestehen würden.

Dies führte bei den Städtern zu einer Aktivierung der Amygdala, dem Furchtzentrum des Gehirns. Die Aktivierung war umso stärker je urbaner die aktuelle Lebensumwelt der Studenten war.

Bei jenen Probanden, die in der Großstadt aufgewachsen waren (und nicht vom Land in die Stadt gezogen waren), wurde außerdem der anteriore cinguläre Cortex (ACC) aktiviert. Er steht in enger Verbindung mit den Amygdalae und fungiert nach Ansicht einiger Hirnforscher als eine Art Frühwarnsystem, das bei drohender Gefahr einer Fehlentscheidung aktiv wird.

Die Forscher haben die Studie an einer zweiten Gruppe von Probanden wiederholt. Dieses Mal wurden die Studenten durch eine ablehnende Mimik des Untersuchers, die sie per Video beobachten konnten, verunsichert.

Wieder kam es zu einer vermehrten Aktivierung von Amydalae und ACC. Im nächsten Schritt sollen die Experimente bei Nicht-Studenten wiederholt werden. Meyer-Lindenberg rechnet damit, dass die Stadt-Landunterschiede in der Stressreaktion bei der Allgemeinbevölkerung eher noch größer ausfallen als unter den prüfungsgewohnten Studenten.

Die Bedeutung der Ergebnisse kann angesichts der zunehmenden Urbanisierung nicht unterschätzt werden. Bereits heute leben mehr als die Hälfte der Menschen in Städten, und viele in größeren Agglomerationen als Mannheim/Ludwigshafen, wo der soziale Stress sicherlich geringer ist als in Mumbai, Delhi oder São Paulo, wo jeweils 20 Mio. Menschen leben. Demografen gehen davon aus, dass die Urbanität in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen wird. © rme/aerzteblatt.de

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