Cambridge – Der häufige Einsatz von Medikamenten mit anticholinergen Eigenschaften birgt bei älteren Patienten erhebliche Risiken. Neben einer Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten ermittelt eine Studie des britischen Medical Research Council im Journal of the American Geriatrics Society (2011; doi: 10.1111/j.1532-5415.2011.03491.x) ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.
Die Cognitive Function and Ageing Studies (CFAS) sind ein Projekt des Medical Research Council. Es sucht nach den Ursachen für kognitive Störungen, deren Prävalenz im Alter zunimmt. Als möglicher Risikofaktor gelten anticholinerge Medikamente.
Das sind Substanzen, die im Gehirn die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin vermindern. Sie haben dadurch die gegenteilige Wirkung wie Cholinesterase-Hemmer, die zur Behandlung des Morbus Alzheimer eingesetzt werden.
Die Liste der Wirkstoffe mit anticholinergen Eigenschaften, die bei älteren Menschen eingesetzt werden, ist lang. Zu ihnen gehören die zentral wirksamen Antidepressiva Amitriptylin, Imipramin und Clomipramin sowie die Tranquilizer Chlorpromazin und Trifluoperazin. Auch das zur Behandlung der Harninkontinenz eingesetzte Oxybutynin oder Antihistaminika wie Chlorphenamin vermindern die Wirkung von Acetylcholin im Gehirn.
Weitere Substanzen sind die Herzkreislaufmedikamente Atenolol, Furosemid und Nifedipin, Schmerzmittel wie Codein und Dextropropoxyphen, das Steroid Beclometason, das Antiepileptikum Carbamazepin und Augentropfen mit Timolol zur Senkung des Augeninnendrucks.
Das Team um Carol Brayne von der Universität Cambridge hat die Wirkstoffe nach ihrer anticholinergen Wirkstärke in vier Kategorien eingeteilt. Sie erhöhten die anticholinerge Last (AntiCholinergic Burden, ACB) um 0 bis 3 Punkte. Fast jeder zweite der 13.000 Teilnehmer der Studie – Patienten im Alter ab 65 Jahren aus vier Regionen Englands – hatte wenigstens ein betroffenes Medikament eingenommen.
Nicht wenige brachten es auf fünf oder mehr Punkte im ACB. Wie Brayne erwartet hatte, erkrankten diese Personen in der Folge häufiger an kognitiven Störungen. Die Ergebnisse im Mini-Mental State Examination hatten sich nach zwei Jahren weiter verschlechtert als bei den Teilnehmern, die keine anticholinergen Medikamente eingenommen hatten.
Dieses Risiko trat allerdings gegenüber einem weiteren Befund in den Hintergrund. Brayne stieß bei der Analyse nämlich auf ein deutlich erhöhtes Sterberisiko. Von den Senioren mit einer ACB von vier oder mehr waren nach 2 Jahren 20 Prozent gestorben gegenüber nur 7 Prozent unter den Patienten, die keine anticholinergen Wirkstoffe eingenommen hatten. Jeder zusätzliche Punkt auf der ACB-Skala erhöhte das Sterberisiko um 26 Prozent.
Da viele ältere Patienten mehrere Medikamente mit anticholinergen Wirkstoffen einnehmen und sich die Nebenwirkungen addieren, raten die Autoren den Ärzten dringend, ihre Medikationsempfehlungen regelmäßig auf ihre anticholinergen Last hin zu überprüfen.
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