Psychische Erkrankungen bei Studierenden stark angestiegen
Donnerstag, 30. Juni 2011
pa
Berlin – Studierende haben häufiger psychische Störungen als ihre Altersgenossen und bekommen dagegen zunehmend auch Medikamente. Dies geht aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, der hauptsächlich die Gesundheit der Studierenden und jungen Erwerbstätigen (20 bis 34 Jahre) in Deutschland betrachtet.
So wurde bei fast jeder zehnten angehenden Akademikerin eine Depression dokumentiert, bei den männlichen Kommilitonen waren es vier Prozent.
Statistisch gesehen erhielten Studentinnen im vergangenen Jahr an 78 Tagen, Studenten an 55 Tagen Medikamente. Das sind zwar zehn Prozent weniger als bei gleichaltrigen Berufstätigen. Jedoch ist auffällig, dass bei den Hochschülern der Anteil von Präparaten zur Behandlung des Nervensystems deutlich höher liegt.
Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der TK, sagte dazu: „In den vier Jahren seit unserer letzten Auswertung ist das verordnete Volumen um besorgniserregende 54 Prozent gestiegen.“ Mehr als ein Fünftel aller an Studierende verschriebenen Medikamente sind Arzneimittel zur Behandlung des Nervensystems, wozu auch die Psychopharmaka gehören.
Aber nicht nur das Arzneimittelvolumen ist gestiegen, sondern auch der Anteil der medikamentös behandelten Studierenden. Laut Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung ist besonders die Verordnungsrate der Antidepressiva gestiegen. Mittlerweile erhalten gut fünf Prozent der Studentinnen und knapp drei Prozent der Studenten diese Medikamente.
Mit steigendem Alter nehmen die Diagnosen psychischer Störungen bei Studierenden erheblich stärker zu als bei jungen Beschäftigten. Während die Diagnoseraten bei Hochschülern im 20. bis 26. Lebensjahr noch unter denen gleichaltriger Beschäftigter liegen, kehrt sich das Verhältnis ab dem 27. Jahr um. „Dies könnte mit dem steigenden Druck im Alter zusammenhängen, sein Studium zu beenden“, vermutet Heiko Schulz, Diplom-Psychologe bei der TK.
Die Studie stelle zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen Studiensystem und Medikamentengebrauch her. Die Vermutung liege aber sehr nahe, dass die jüngsten Reformen der akademischen Ausbildung nicht spurlos an den jungen Menschen vorbei gegangen seien, erklärte Klusen.
„Der Druck, das Studium zügig zu absolvieren, ist durch Studiengebühren und die Einführung der neuen Studienabschlüsse gestiegen.“ Klusen warnte zugleich vor einem „Etikettierungsproblem“. Man müsse sich Gedanken machen, wo die Grenze zwischen krank und gesund gezogen werde. Oft würden psychische Erkrankungen vorschnell diagnostiziert.
Auch Schulz betonte, dass der Karrieredruck enorm zugenommen habe. Innerhalb von sechs Semestern müsse das Studium beendet werden. „Wünschenswert sind dazu noch Praktikum, Auslandserfahrung und ehrenamtliches Engagement.“
Schulz forderte von der Politik, die Reformen zu überdenken. Auch müssten die Hochschulen die Studenten durch zusätzliche Angebote wie Tutoren-Programme unterstützen. Zudem sollten Studenten von den Krankenkassen angebotene Stressbewältigungstrainings wahrnehmen.
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