Diabetes: Rheumamittel erhält Beta-Zellfunktion
Montag, 4. Juli 2011
Miami – Alle Versuche, die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes mellitus durch Impfstoffe zu verhindern, sind bisher gescheitert. Mit einem Rheumamittel kann die Zerstörung der Beta-Zellen dagegen vorübergehend aufgehalten werden, wie eine Studie zeigt, die auf der Jahrestagung der American Diabetes Association in San Diego vorgestellt wurde.
Vom Ziel einer effektiven Prävention des Typ-1-Diabetes mellitus ist die Forschung noch weit entfernt, auch wenn es an Ansätzen nicht fehlt. Der Optimismus der TrialNet Study Group, zu der sich 18 Zentren in 8 Ländern (darunter Deutschland) zusammengeschlossen haben, basiert darauf, dass zum Zeitpunkt der Diagnose in der Regel noch eine Restproduktion von Insulin vorhanden ist und die Pathogenese der Autoimmunerkrankung bekannt ist.
Es ist im Prinzip auch möglich, die Beta-Zell-Zerstörung durch eine lebenslange intensive Immunsuppression aufzuhalten. Die Risiken stehen jedoch in keinem günstigen Verhältnis zu den Vorteilen gegenüber der Substitutionstherapie mit Insulin.
Die eleganteste Lösung wäre eine Impfung. Ein derzeit verfolgter Ansatz besteht darin, dem Immunsystem das Antigen zu präsentieren, das von den T-Zellen angegriffen wird. Dies soll eine immunregulatorische Reaktion auslösen, welche die T-Zellen von einer fortgesetzten Attacke abhält.
Beim Typ-1-Diabetes mellitus ist die Glutamatdecarboxylase (GAD) ein solches Ziel-Antigen. In tierexperimentellen Studien war eine Impfung mit einem GAD-Impfstoff erfolgreich. Er wurde dort aber eingesetzt, bevor der Diabetes manifest ist.
In einer Studie des TrialNet Study Group war die Betazellfunktion indes bereits soweit eingeschränkt, dass die Teilnehmer mit Insulin behandelt werden mussten, obwohl die Diabetes Typ 1-Diagnose weniger als 100 Tage zurücklag.
Der Versuch, die Restproduktion an Eigeninsulin durch drei Injektionen des um Aluminium wirkverstärkten GAD-Impfstoff zu stabilisieren, ist in einer Studie des TrialNet misslungen, wie die Gruppe um Jay Skyler von der Miller School of Medicine in Miami jetzt einräumen muss.
Der Rückgang in der Betazellfunktionen war vergleichbar mit dem in einer Kontroll-Gruppe, die drei Injektionen mit einem Scheinimpfstoff erhalten hatten (Lancet 2011; doi: 10.1016/S0140-6736(11)60895-7). Skyler betrachtet das Projekt eines Diabetesimpfstoffes damit jedoch nicht als gescheitert.
Der Experte berichtet über vielversprechende Zwischenergebnisse einer weiteren Studie des TrialNet, in der versucht wird, das Immunsystem durch eine regelmäßige orale Gabe von Insulin zu besänftigen. Die Studie läuft noch bis Februar 2014.
Auch das DIAPREV-IT Forschungsprojekt der Juvenile Diabetes Research Foundation soll fortgesetzt werden. Dort wird ein GDA-Impfstoff bei Kindern eingesetzt, die noch nicht an Diabetes erkrankt sind, bei denen aber Diabetes-Antikörpern einen baldigen Ausbruch wahrscheinlich machen.
Erfolgreicher als der GAD-Impfstoff erscheint eine Behandlung mit dem Immunmodulator Abatacept, das als Orencia® seit 2007 (als Reservemedikament und in Kombination mit Methotrexat) zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis zugelassen ist.
Abatacept greift am zytotoxischen T-Lymphozytenantigen 4 (CTLA4) in die T-Zellaktivierung ein, die eine Art Startsignal für die Autoimmunattacke ist. In der ebenfalls von Jay Skyler geleiteten Studie erhielten 112 Patienten im ersten Monat drei intravenöse Infusionen mit dem Designer-Antikörper Abatacept (oder Placebo). Danach wurde die Therapie monatlich wiederholt. Im Zeitraum von 2 Jahren erhielten die Patienten insgesamt 27 Infusionen (Lancet 2011; doi: 10.1016/S0140-6736(11)60886-6).
Die Therapie war tatsächlich in der Lage, den Abfall der bereinigten C-Peptidwerte zu verlangsamen. Am Ende lagen die Werte 59 Prozent höher als unter Placebo. Die Zerstörung der Betazellen wurde allerdings nicht aufgehalten, sondern nur um durchschnittlich 9,6 Monate hinausgezögert.
Diese aufschiebende Wirkung war positiven Effekten in den ersten 6 Monaten zu verdanken. Danach fielen die C-Peptidwerte in gleicher Geschwindigkeit ab wie in der Kontrollgruppe. Abatacept wird nach Ansicht von Skyler nur eine Komponente von mehreren einer künftigen Kombinationstherapie sein.
Abatacept ist aber nicht ohne Nebenwirkungen. Neben einem erhöhten Rate von Infektionen steht ein Krebsrisiko im Raum. Ein Antikörper mit gegenteiliger Wirkung, Ipilimumab, der CTLA4 blockiert, hat kürzlich in einer Studie das Überleben von Patienten mit metastasiertem Melanom verbessert.
Das bedeutet nicht, dass Abatacept bei Diabetikern Krebs erzeugt, zumal Melanome in der Regel in einem höheren Lebensalter auftritt. Eine unkritische Anwendung bei jungen Menschen dürfte jedoch nicht unbedingt infrage kommen.
© rme/aerzteblatt.de
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