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In jeder zweiten Schule sind Missbrauchsfälle bekannt

Mittwoch, 13. Juli 2011

Berlin – Sexueller Missbrauch ist in erschreckend vielen Schulen und Heimen ein Thema. In jeder zweiten Schule gab es in den vergangenen Jahren Verdachtsfälle. In Internaten lag diese Quote bei 70 Prozent, in Kinderheimen sogar bei 80 Prozent. Das geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Deutschen Jugendinstituts hervor. „Missbrauch ist nicht ein Thema der Vergangenheit“, sagte die Regierungsbeauftragte , die die Untersuchung in Auftrag gegeben hatte.

Anlass war der Missbrauchsskandal in kirchlichen und weltlichen Jugendeinrichtungen im vergangenen Jahr. Diesen Skandal will die katholische Kirche nun umfassend wissenschaftlich aufarbeiten lassen, wie die Deutsche Bischofskonferenz am Mittwoch ankündigte.

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Wie Bergmann hoffen auch die Bischöfe, dass sich der Missbrauch künftig durch bessere Vorsorge eindämmen lässt.

Die Studie des Jugendinstituts sollte nach dem Bekanntwerden zahlreicher Fälle aus der Vergangenheit erstmals systematisch feststellen, welche Rolle das Thema Missbrauch heute spielt. Darüber habe es praktisch kein „systematisches Wissen“ gegeben, sagte DJI-Direktor Thomas Rauschenbach. Nun habe die Studie belegt, dass „das Thema so virulent ist, dass wir es nicht einfach zur Seite schieben können.“

Häufig Jugendliche als Täter in Verdacht
Die Untersuchung stützt sich auf freiwillige Angaben von rund 1.100 Schulleitern, etwa 700 Lehrern, 325 Heim- und 100 Internatsleitungen. Es geht um alle Fälle, die in der Institution irgendwie bekannt wurden - ob sie nun innerhalb oder außerhalb stattfanden, ob sie sich bewahrheiteten oder nicht.

Dabei berichteten 50 Prozent der von dem Institut befragten Schulleiter und Lehrer, dass sie in den vergangenen Jahren mit mindestens einem Verdachtsfall zu tun hatten. Von den Verantwortlichen in Internaten sagten dies knapp 70 Prozent, von jenen in Heimen 80 Prozent.

Als Verdächtige galten danach in den Schulen in rund vier Prozent der Fälle Lehrer, Erzieher oder andere Beschäftigte. In Heimen stand bei jedem zehnten Fall Personal im Verdacht. Eine noch größere Rolle spielte sexuelle Gewalt von Jugendlichen gegen Gleichaltrige: Sie waren an Schulen in 16 bis 17 Prozent der Fälle in Verdacht, bei Übergriffen an Heimen waren es sogar 38,9 Prozent.

Der größte Teil der Tatverdächtigen kam jedoch gar nicht aus der Institution, sondern aus dem privaten Umfeld. In bis zu 32 Prozent der Fälle, auf die Schulen aufmerksam wurden, galten Verwandte oder Bekannte als Tatverdächtige, bei Heimen lag die Quote bei 48,5 Prozent.

Beispiellose Aufarbeitung
Die katholische Kirche hat zwei Forschungsprojekte in Auftrag gegeben, um ihre eigene Missbrauchsgeschichte seit 1945 umfassend aufarbeiten zu lassen. Geleitet werden sie von Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und Norbert Leygraf von der Universität Duisburg-Essen in Zusammenarbeit mit zwei Medizinern aus Ulm und Berlin.

Weltweit gebe es keine vergleichbare Aufarbeitung wie die der katholischen Kirche in Deutschland, sagte Pfeiffer. Nach zwölf bis 18 Monaten soll voraussichtlich der erste Zwischenbericht veröffentlicht werden. © dapd/aerzteblatt.de

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harlekin2000
am Freitag, 15. Juli 2011, 09:07

Das deckt sich gar nicht mit meiner Schulerfahrung

Da war es ehr so, dass gewisse Lehrer bekannt waren wie rote Hunde, dass sie sich an Mädchen vergreifen. Gemacht wurde von offizieller Seite: NICHTS. Im besten Falle durfte der Lehrer nicht ins Schullandheim mitfahren oder die Mädchen in der Pupertät und später nicht im Schulturnen unterrichten.
Nun wird wohl auf die Mitschüler abgeschoben, was eigentlich Aufgabe der Schulbehörde gewesen wäre. Aber es ist sehr schwierig einen verbeamten Lehrer aus dem Schuldienst zu entfernen. Also wählt man den einfachsten Weg!!!
Wir-fuer-Kinder
am Donnerstag, 14. Juli 2011, 13:45

Vielen Dank Frau Borgmann

Sehr geehrte Frau Borgmann,

ich habe mich spontan hier angemeldet um Ihnen für ihren Bericht danken zu können.

In den vielen Diskussionen der Öffentlichkeit fehlen mir die Berichte über die betroffenen Kinder aus Kitas.
Wer sich einmal mit dem Thema sexuelle übergriffe (sexueller Missbrauch) unter Kindern auseinandergesetzt hat, sieht auch wie häufig diese Fälle auftreten.( Neben dem Missbrauch durch Erwachsene an Kleinkindern)

In vielen Fällen werden diese Übergriffe als Harmlose Doktorspiele abgetan und weder dem betroffenem- noch dem übergriffigem Kind geholfen.
Später wundern sich dann so viele Menschen darüber, dass das übergriffige Kind straffällig wird, bevor man dann endlich nach den Ursachen forscht!

Nicht selten haben diese Kinder bereits Gewalterfahrungen gemacht, die sie dann an andere Kinder weitergeben.

Bei der Benennung der Zahlen über mögliche betroffene Kinder sollte Jedem auch bewusst sein, dass es dementsprechend viele Täter in sämtlichen sozialen Schichten gibt.
Dazu kommt eine nicht zu unterschätzende "Täter-loby".

Dabei stellt sich für mich die große Frage, warum es möglich ist , dass es in Deutschland nach wie vor Glückssache ist, ob eine Einrichtung sich mit dem Thema Gewalt an Kindern ernsthaft auseinandersetzt oder nicht.

Prävention gegen Gewalt an Kindern muss eine Gesellschaftliche Haltung werden, die von der Politik in jeder Hinsicht unterstützt werden muss.

Denn die Anzeigen sind oftmals harmlos gegenüber den Drohungen, die Menschen erhalten, die sich aktiv für den Kinderschutz einsetzen.

Man sollte dabei die psychologische Macht der Täter im Auge behalten, damit man versteht wie in Fällen von sexuellem Missbrauch nicht nur die betroffenen Kinder manipuliert werden, sondern auch die Erwachsenen, die sich im Umkreis befinden.

Dieser Umkreis ist auch nicht selten eine soziale Einrichtung oder Organisation.

Aufklärung sollte daher umfassend stattfinden.

Mit freundlichen Grüßen



borgmann4
am Mittwoch, 13. Juli 2011, 23:01

Kinderschutz statt Täterschutz?

Wer mit Kindern arbeitet und sich entschlossen hat, die Augen offen zu halten statt wegzugucken, dem ist auch ganz ohne Statistik klar, wie viele von ihnen sexualisierter Misshandlung ausgesetzt sind.
Wer sich dann noch entschieden hat, zu handeln, z.B. eine Meldung beim Jugendamt zu machen und/oder TäterInnen anzuzeigen, der weiß, auf was er sich gefaßt machen darf.
Nicht allein, dass Täteranwälte nahezu ungebremst den Leumund der Zeugen beschmutzen dürfen, nein, auch eine Verleumdungsklage ist ganz leicht durchzuziehen.

Abgesehen davon, dass die betroffenen Kinder angesichts der derzeitigen Verhältnisse nur verlieren können. Eltern und/oder Täter haben nahezu Narrenfreiheit, es sei denn sie verletzen ihr Kind physisch derart schwer, dass auch der ignoranteste Mitmensch den "Missbrauch" nicht mehr leugnen kann.

Nein - medizinische Dienstleister, Lehrer und alle anderen "Offiziellen" haben derzeit eigentlich einen juristisch verordneten Maulkorb.

Deshalb sind die informellen Interventionen zur Zeit eigentlich die besten.

Täter wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis zu bringen ist nämlich leichter als wegen fortgesetzter sexualisierter Misshandlung von Kindern.

Dabei kann man sich ganz leicht und ganz offiziell ein Bild davon machen, wie die Realität aussieht, z.B. hier: „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“ Heft 42, Gesundheitliche Folgen von Gewalt, Robert Koch Institut, Statistisches Bundesamt 2008, Punkt 2.1.3. Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Kinder http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=&p_aid=&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=11690

Und dort ist zu lesen, dass in Deutschland jedes 8. Kind sexuellem Missbrauch im strafrechtlichem Sinne ausgesetzt ist. Das heißt konkret, dass in einer durchschnittlichen Kitagruppe mind. 2 Kinder, in einer normal großen Schulklasse 3 - 4 Kinder betroffen sind.

Dass es immer noch "Professionelle" gibt, die angesichts der Realitäten noch nicht resigniert haben, sondern sich konsequent für Kinder einsetzen, auch gegen die Interessen Erwachsener- das ist eigentlich ein Wunder.

Sie brauchen weniger "Aufklärung und Schulung" als mehr Rechte, mehr Schutz und mehr Anlaufstellen, die sie in ihrem Kampf gegen die sexualisierte Misshandlung von Kindern unterstützen.

Zum Beispiel Politiker, Wissenschaftler und Juristen, die nicht mit aktionistischem Getue auf "Stimmungen" reagieren, sondern die Grundlagen für eine konsequente Ermittlung, Ahndung und Ächtung dieser Straftaten schaffen.

Aber letztendlich sind wir alle gefragt. Genau hingucken, skeptisch bleiben, sich ehrlich reflektieren und austauschen. Auch über eigene Missbrauchserfahrungen.

Angelika Oetken, Berlin, Ergotherapeutin und Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

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