Medizin

Schmerzmittel lindern Agitiertheit bei Demenz

Montag, 18. Juli 2011

Bergen – Die bei dementen Patienten häufig beobachtete Agitiertheit könnte in einigen Fällen Ausdruck von Schmerzen sein. Hierfür sprechen die Ergebnisse einer randomisierten klinischen Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2011; 343: d4065). Die Gabe beziehungsweise die Höherdosierung von Analgetika führte dort zu einer signifikanten Abschwächung der Agitiertheit.

Nicht wenige demente Bewohner von Pflegeheimen werden durch Antipsychotika „ruhiggestellt“. Der Anlass ist häufig eine vermehrte Agitiertheit, die die Pflege deutlich erschwert. Die hohe Verordnung von Antipsychotika wirft jedoch nicht nur aus diesem Grund ethische Fragen auf.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass einige der bevorzugten atypischen Neuroleptika die Sterberate erhöhen. Die Verordnung von Antipsychotika stellt drittens ein medizinisches Dilemma dar, da einige demente Patienten möglicherweise unter ganz anderen Beschwerden leiden, die sie mangels kognitiver Kompetenzen nicht kommunizieren können. Zu diesen Störungen könnten Schmerzen gehören, die bei nicht-dementen Pflegeheimbewohnern sehr häufig sind.

Da die einzelnen Patienten nicht gefragt werden können, haben Bettina Husebo von der Universität Bergen und Mitarbeiter in einigen norwegischen Pflegeheimen alle dementen Bewohner, die eine vermehrte Agitiertheit (39 oder mehr Punkte im Cohen-Mansfield Agitations Inventar, CMAI) zeigten, mit Schmerzmitteln behandelt.

Bei denjenigen, die bereits Analgetika erhielten, wurde die Therapie um eine Stufe intensiviert. Die Grundbehandlung erfolgte mit Paracetamol. Stufe 2 war orales Morphin, Stufe 3 ein Buprenorphin-Schmerzpflaster und Stufe 4 orales Pregabalin. Patienten mit Schluckstörungen erhielten gleich zu Beginn ein Buprenorphin-Schmerzpflaster.

Ergebnis: Die Agitiertheit besserte sich unter der (intensivierten) Schmerzmitteltherapie kontinuierlich. Am Ende der 8-wöchigen Therapiephase lag der CMAI um 7,0 Punkte niedriger als in einer Vergleichsgruppe von Demenzpatienten aus anderen Pflegeeinrichtungen, in denen keine (zusätzliche Schmerztherapie) betrieben wurde.

Der Unterschied ist nach Ansicht von Studienleiter Clive Ballard vom King's College London, durchaus mit der Wirkstärke von Antipsychotika vergleichbar. Frühere Studien hätten auch gezeigt, dass unter einer Schmerztherapie nicht-dementer Pflegeheimbewohner die Agitiertheit zurückgehe. All das spricht dafür, dass die Agitiertheit dementer Patienten Ausdruck von Schmerzen sein kann. Eine sichere Diagnose ist derzeit allerdings nicht möglich.

Eine generelle Analgetikabehandlung aller dementen Patienten würde einige von ihnen ohne Grund den Risiken und Nebenwirkungen von Schmerzmitteln aussetzen. Vorstellbar ist, dass einige Medikamente, ähnlich wie die Antipsychotika die Prognose der dementen Patienten negativ beeinflussen. Vor einer Empfehlung durch die Leitlinien dürften deshalb weitere Studien erforderlich sein, was aber nicht ausschließt, dass bei dem einen oder anderen dementen Patienten gute Erfolge erzielt werden. © rme/aerzteblatt.de

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