Prostatakarzinom: Urintest verbessert PSA-Screening
Donnerstag, 4. August 2011
Ann Arbor – Ein Harntest, der zwei genetische Tumormarker für das Prostatakarzinom nachweist, hat in einer Kohortenstudie in Science Translational Medicine (2011; 3: 94ra72) die Zuverlässigkeit des PSA-Screenings verbessert. Der Hersteller hat bereits eine Zulassung bei der FDA beantragt.
Vor sechs Jahren hatte der Pathologe Arul Chinnaiyan, inzwischen Leiter des Michigan Center for Translational Pathology in Ann Arbor, entdeckt, dass es bei der Hälfte aller Prostatakarzinome zu einer Fusion der beiden Gene TMPRSS2 und ERG kommt.
Dieser Befund war damals eine Überraschung, da Fusionsgene bisher nur bei der Leukämie bekannt waren. Bei der chronisch myeloischen Leukämie (CML) gelten sie sogar als Ursache der Krebserkrankung.
Chinnaiyan vermutet, dass das Fusionsgens TMPRSS2:ERG – zumindest bei einer Untergruppe des Prostatakarzinoms – die Ursache des Krebswachstums ist. Dies erscheint durchaus plausibel, denn das Fusionsgen verbindet ein Gen, das die Androgenproduktion reguliert (TMPRSS2) und damit das Krebswachstum fördert mit einem Transkriptionsfaktor (ERG), der für eine vermehrte Ablesung des Gens sorgen könnte.
Wichtig für die Diagnostik ist nun, dass das Fusionsgen bei den Patienten (nicht aber bei Gesunden) auch im Urin nachweisbar ist. Dies war Anlass zur Entwicklung eines Harntests, der neben TMPRSS2:ERG noch den Tumormarker PCA3 (prostate cancer antigen 3) einschließt.
Beide Marker sind spezifisch für das Prostatakarzinom. Sie unterscheiden sich darin wesentlich vom PSA-Test, der ein Antigen nachweist, dass in allen Prostatazellen vorhanden ist und dessen Konzentration im Blut deshalb auch bei einer benignen Prostatahyperplasie ansteigt. Der PSA-Wert ist deshalb unspezifisch.
In einer Kohorte von 1.312 Männern wurde jetzt untersucht, ob der kombinierte Harntest die Ergebnisse des PSA-Screenings verbessern kann. Alle Teilnehmer der Studie hatten erhöhte PSA-Werte. Sie sollten sich deshalb einer Prostatabiopsie oder gleich einer Prostatektomie unterziehen. Erfahrungsgemäß stellt sich dann heraus, dass nur ein Teil der Patienten tatsächlich an einem Prostatakarzinom erkrankt ist. Der Harntest könnte die Vorhersage verbessern.
Um dies zu untersuchen, wurden die Patienten nach den Ergebnissen der Harntests in drei Gruppen mit hohem, mittlerem und niedrigem Risiko eingeteilt. Von den Patienten mit einem laut Harntest niedrigen Risiko waren nur 21 Prozent an einem Prostatakrebs erkrankt.
Die Rate stieg in der Gruppe mit mittlerem Risiko auf 43 Prozent und in der Gruppe mit hohem Risiko sogar auf 69 Prozent. Die Patienten aus der letzten Gruppe werden nach Ansicht von Chinnaiyan auch bei einer negativen Biopsie in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit an einem Prostatakarzinom erkranken. Sie sollten deshalb engmaschig nachuntersucht werden.
Auf der anderen Seite ist der Test weit davon entfernt, Patienten mit erhöhtem PSA-Wert vor einer unter Umständen unnötigen Biopsie zu bewahren. Aufgrund der niedrigen Sensitivität ist nicht auszuschließen, dass Männer auch bei einem negativen Harntest an einem Prostatakarzinom erkrankt sind. Chinnaiyan hat inzwischen mehr als 25 weitere Fusionsgene entdeckt, so dass der Test möglicherweise noch verfeinert werden kann.
© rme/aerzteblatt.de
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