Medizin

Metamizol: Weiter Berichte über Agranulozytosen

Montag, 22. August 2011

Berlin – Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) nimmt einen aktuellen Fallbericht zum Anlass, um erneut auf das Risiko einer Agranulozytose hinzuweisen, zu der es unter der Therapie mit Metamizol kommen kann. Die Zahl der Verordnungen dieses Schmerzmittels ist in den letzten Jahren stark gestiegen.

Die 41-jährige Frau, die keine relevanten Vorerkrankungen aufwies, hatte wegen Wirbelsäulenbeschwerden über zehn Wochen dreimal täglich 30 Tropfen Metamizol sowie gelegentlich Ibuprofen eingenommen. Der Ausfall des Knochenmarks machte sich zunächst durch Schluckbeschwerden, Heiserkeit und Fieber bemerkbar.

Innerhalb weniger Tage kam es dann aber zu einer Verbrauchskoagulopathie und Organdysfunktion als Hinweis auf eine beginnende Sepsis. Die Patientin wurde stationär aufgenommen und musste schon bald wegen zunehmender Probleme bei der Atmung infolge einer schweren Epiglottitis intensivmedizinisch betreut werden.

Die Therapie der Infektionen mit Breitspektrum-Antibiotika und systemisch wirksamen Antimykotikum gestaltete sich schwierig. Es kam zu parapharyngealen Abszessen, die eine Intubation erforderlich machten und mehrfach operativ saniert werden mussten. Beatmungspneumonie und eine akute Arrosionsblutung aus der A. thyroidea superior komplizierten den Verlauf, so dass die Frau erst nach fünf Wochen in die ambulante Betreuung entlassen werden konnte.

Agranulozytosen sind sehr selten und werden überwiegend durch Arzneimittel ausgelöst, schreibt die Arzneimittelkommission. Ihr Auftreten bei Metamizol ist seit den 1970er Jahren bekannt und hat damals in vielen Ländern zum Verbot geführt (z. B. USA, Australien, Japan sowie in den meisten Ländern der Europäischen Union).

In Deutschland wurden 1987 lediglich alle metamizolhaltigen Kombinationspräparate vom Markt genommen und die Monopräparate der Rezeptpflicht unterstellt. Die Indikation wurde deutlich eingeschränkt auf akute starke Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen, Koliken, Tumorschmerzen und sonstige akute oder chronische starke Schmerzen, soweit andere therapeutische Maßnahmen nicht indiziert sind. Metamizol darf auch bei hohem Fieber eingesetzt werden, das auf andere Maßnahmen nicht anspricht.

Mit der Zeit scheint die Erinnerung zu verblassen und aufgrund der guten Wirkung wird Metamizol wieder vermehrt eingesetzt. Trotz der engen Indikationsgrenzen verzehnfachte sich die Zahl der Metamizolverordnungen in Deutschland im ambulanten Bereich von circa zehn Millionen Tagesdosen im Jahr 1990 auf mehr als 110 Millionen im Jahr 2009. Für den stationären Bereich gibt es keine Verordnungszahlen.

Parallel zu den Verordnungen haben die Spontanmeldungen von Agranulozytosen durch Metamizol zugenommen: Waren 1990 noch weniger als zehn Fälle berichtet wurden, lag die Zahl der Meldungen in den letzten Jahren im Durchschnitt bei über 30 pro Jahr, von denen jeder fünfte tödlich verläuft. Die Letalität könnte infolge eines Reporting Bias schwerer Fälle jedoch in Wirklichkeit geringer sein.

Genaue Zahlen zur Häufigkeit der Agranulozytose gibt es nicht. Die Schätzungen schwanken zwischen 1 zu 1,1 Millionen pro Woche Anwendung bis 1 auf 1.439 Verschreibungen, wobei letztere Zahl aus Sicht der AkdÄ das Risiko wohl stark überschätzt.

Die überwiegende Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte dürfte auch bei langjähriger Verschreibung von Metamizol keinen Fall einer Agranulozytose sehen. Gerade dies berge allerdings die Gefahr, die Anwendung ohne Not auszuweiten und dadurch vielleicht doch einen Zwischenfall zu provozieren. © rme/aerzteblatt.de

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