München/Zürich – Die Gesundheitssysteme stehen weltweit vor einem tiefgreifenden Wandel. Darauf hat die Beratungsgesellschaft Bain & Company hingewiesen.
„In den nächsten zehn Jahren wird es mehr Veränderungen geben als in den fünfzig Jahren davor“, heißt es in seiner jetzt veröffentlichten Studie „The end of Healthcare… as we know it?“.
Verantwortlich dafür seien neben technischen Neuerungen und medizinischem Fortschritt vor allem finanzielle Zwänge. „In den letzten Dekaden waren die Gesundheitssysteme in allen großen Industrienationen resistent gegen drastische Veränderungen“, unterstrich Norbert Hültenschmidt, Leiter der weltweiten Healthcare-Praxisgruppe von Bain & Company. Aufgrund des zunehmenden Veränderungsdruck sei der Umbau inzwischen jedoch nur noch eine Frage der Zeit.
Die Beratungsgesellschaft geht davon aus, dass Studien, Empfehlungen, Protokolle, Leitfäden und Erstattungsrichtlinien das ärztliche Handeln zukünftig stark reglementieren werden. „Der Freiheitsgrad ärztlicher Entscheidungen wird deutlich eingeschränkt. Im Gesundheitsmarkt 2020 verliert der Arzt als Entscheider an Bedeutung“, so die Berater.
Für die Hersteller von Pharmazeutika und Medizintechnik werde dagegen der Kosten-Nutzennachweis ihrer Produkte anhand elektronischer Real-Life-Patientendaten zum entscheidenden Erfolgskriterium; statt klinischer Studienergebnisse zählten im Jahr 2020 wirklich erzielte Behandlungsergebnisse. Dies dürfte vor allem die Entwicklung gesundheitsökonomischer Innovationen fördern. „Eine neue Generation von Gut-Genug-Produkten wird zum Standard in Medizintechnik und Pharmazie“, so die Bain-Prognose.
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Haben Sie schon mal einen "Berater" nach dem Weg zum Bahnhof gefragt? Der Business Coach: "Wenn ich Ihnen die Lösung liefere, wird das Ihr Orientierungsproblem auf Dauer nicht beseitigen." Der Benchmarker: "Kennen Sie Leute, die dieses Problem bereits gelöst haben?Wie schnell waren die im Vergleich zu Ihnen?" Der EKS-Berater: "Ihre Strategie ist falsch! Näheres erfahren Sie, wenn Sie unseren 36-teiligen Fernlehrgang absolviert haben." Der Unternehmens-Berater: "Wie lauten Mission, Vision, Leitbild und Ziele Ihrer Reise?" Der Karriere-Berater: "Wenn Sie den Weg zum Bahnhof selbst gefunden haben, wird das Ihr Selbstvertrauen so stärken, dass Sie sich auch beruflich höheren Zielen gewachsen fühlen." Der spirituelle Berater: "Öffne Dein Kronen-Chakra, nimm Verbindung auf zum Zentrum des Kosmos und das Allbewusstsein wird Dich sicher leiten." Der Steuer-Berater: "Nehmen Sie ein Taxi, das spart teure Zeit und verringert Ihre Einkommensteuer." Der Moderator: "Welche Lösungswege haben Sie schon angedacht? Schreiben Sie bitte alle auf ein farbiges Kärtchen hier." Der Mediator: "Wenn Ihr Konflikt zwischen Wegfahren und Hierbleiben durch einen Konsens beigelegt ist, werden Sie sich einig sein, wohin Sie wirklich wollen." Der Gesundheits-Berater: "Wenn Sie mehr Obst, Gemüse und Rohkost essen, stärken Sie Ihr Gedächtnis und brauchen nicht mehr nach dem Weg zu fragen."
So fühlt es sich in Etwa beim Lesen der Bain & Company-Studie (nicht zu verwechseln mit Brain & Co.) an. Datenerhebung, Analyse und Schlussfolgerung sind nahezu ausschließlich auf US-amerikanische Verhältnisse gemünzt. Und das, obwohl die weltweite "Healthcare"-Beratergruppe nach eigenen Angaben allein 500 Mitarbeiter/-innen im deutschsprachigen Raum haben soll.
Neben Fortschritt und Innovation (Demografie war für die Bain&Co.-Auguren kein Thema!) seien finanzielle Zwänge Ursachen zunehmenden Veränderungsdrucks. In "2008 wendeten die USA 16 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP) für Gesundheitsausgaben auf, die fünf größten EU-Länder" nur 9-11 Prozent. Da werden Birnen mit Äpfeln verglichen! Nicht nur in Deutschland als größter Wirtschaftsmacht der EU sind beitragsfinanzierte Solidarsysteme (NL, B, A, F, DK, I, E, P) oder r e i n steuerfinanzierte (GB, S, FIN, N, IRL) Krankenversorgungssysteme etabliert. In den USA sind diese EU-Varianten Gegenstand eines fundamentalistischen Kulturkampfs, mit der insbesondere die konservative Tea-Party-Bewegung den demokratischen Präsidenten Barack Obama der Einführung eines "kommunistischen Gesundheitssystems“ verdächtigt.
In unserer Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) könnten für ca. 90 % der Bevölkerung die Krankenkassen- und auch Pflegebeitragssätze gesenkt werden, wenn deren zu niedrige Beitragsbemessungsgrenze auf die der Deutschen Rentenversicherung (DRV) angehoben würde. Damit können wir alle demografischen, innovativen, medizin- und pharmazietechnischen Herausforderungen bis zum Jahr 2020 locker bestehen. Auf die o. g. Veränderung des ärztlichen Berufsbildes und Selbstverständnisses bzw. die Umwälzungen der Kooperation mit allen Gesundheitsberufen in Pflege, Praxis, Klinik, Medizintechnik Pharmakologie und Verwaltung will ich nicht weiter eingehen. Das hat mein Kollege, Prof. Dr. med. Paul U. Unschuld: "Ware Gesundheit - Das Ende der klassischen Medizin" (Erstausgabe 2009) 2. Auflage 2011, C.H.Beck, Stuttgart ISBN 978-3-406-59284-3, schon längst ausführlich beschrieben und analysiert.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Entscheidungsfreiheiten mehr. Leitlinien, Drangsalierungen durch "Aufsichtsbehörden", Verträge mit Kassen, Regresse etc etc. In der medizinischen Versorgung, die jene "Beratungsgesellschaft" (wen beraten die denn? Genau - diejenigen, die ihnen am meisten zahlen! Und das sind die Konzerne, in deren Aufsichtsräten unsere Politiker hocken) prophezeien, wird für einen Arzt in der eigenen Praxis kein Platz mehr sein. Die radikale Ausrottung der in eigenen Praxen arbeitenden Ärzte wird durch ausufernde bürokratische Anforderungen, verbunden mit Zwängen zu technischen Investitionen und gleichzeitigen "Honorar"kürzungen binnen kürzester Zeit zu realisieren sein.
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